Weniger ist mehr: Lebensmittelverluste und Abfälle reduzieren

Dossier

Die Produktion von sicheren Lebensmitteln ist ressourcenintensiv, dennoch wird ein Drittel der produzierten Mengen weggeworfen. Welche Strategien können dazu beitragen, Lebensmittelverluste und Abfälle vom Feld bis zum Teller zu vermeiden?


Geschätzte 1,3 Mrd. Tonnen an genießbaren Lebensmitteln werden weltweit weggeworfen. Das entspricht rund einem Drittel aller produzierten Lebensmittel. Fast jeder von uns wirft gelegentlich etwas weg – zu Hause, in der Schule, im Büro. Was kostet mich das, und was kann ich im Haushalt dagegen unternehmen? Werfen Produzenten, der Handel und die Gastronomie auch Lebensmittel weg? Was passiert mit den weggeworfenen Lebensmitteln, und warum ist das Wegwerfen überhaupt schlecht für die Umwelt? Könnten diese Lebensmittel an Hungernde weitergegeben werden? Wie ist das in anderen Ländern im Vergleich zu Deutschland? Diese und viele andere Fragen ergeben sich im Zusammenhang mit Lebensmittelverlusten und -abfällen. Einige davon möchten wir hier näher erläutern.

Verlust oder Abfall – gibt es da einen Unterschied?

Weltweit gibt es noch keine einheitliche Definition, was unter dem Begriff „Lebensmittelverlust“ oder „Lebensmittelabfall“ zu verstehen sein sollte. Im Allgemeinen wird jedoch eine Definition der Welternährungsorganisation (FAO) herangezogen, um die beiden Begriffe näher zu beschreiben.

„Lebensmittelverluste“ ist der Verlust von genießbaren Lebensmitteln überall dort, wo Lebensmittel produziert oder verarbeitet werden. Sie treten vor allem zu Beginn der Wertschöpfungskette auf.

„Lebensmittelabfälle“ fallen hingegen eher am Ende der Versorgungskette, beim Handel, in der Gastronomie und beim Konsumenten an. Gemessen werden Lebensmittelverluste und –abfälle in Masse, also in Kilogramm.

Weltweite Strategien

Bislang gibt es noch keinen Überblick darüber, welche Strategien einzelne Länder gegen Lebensmittelverluste und -abfälle entwickeln und welche Methoden sie beim Messen verwenden. Fachübergreifend stellen sich daher Mitarbeiter aus mehreren Thünen-Fachinstituten als Gasteditoren für eine Sonderausgabe der Zeitschrift „Sustainability“ zur Verfügung. Sie rufen dazu auf, ab sofort bis 15. Mai 2021 Fachartikel unter dem Titel „Nationale Strategien und Monitoringkonzepte zur Vermeidung von Lebensmittelverlusten und -abfällen – eine interdisziplinäre Herausforderung für Politik, Forschung und Praxis“ einzureichen.

Welche Wirkungen erzielen Maßnahmen gegen Lebensmittelverluste und -abfälle auf die Umwelt, auf die Gesellschaft und auf die Wirtschaft überhaupt? Und wie kann man das messen? Methoden zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Vermeidungsmaßnahmen sind erst in geringem Ausmaß in Verwendung und unsere Mitarbeiter tragen mit ihren Forschungsarbeiten zu einer weltweiten fachlichen Diskussion bei. Ein Dissertationsprojekt am Thünen-Institut für Marktanalyse evaluiert regulative, kooperative und marktbasierte umweltpolitische Maßnahmen zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen.

Was die Vereinten Nationen unternehmen

Im Jahr 2015 hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen (UNO) die sogenannte Agenda 2030 einstimmig angenommen. Darin sind 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) mit insgesamt 169 Unterzielen für eine nachhaltige globale Entwicklung formuliert.

Das Unterziel 12.3 der Agenda 2030 fordert „bis 2030 die weltweite Nahrungsmittelverschwendung pro Kopf auf Einzelhandels- und Verbraucherebene (zu) halbieren und die entlang der Produktions- und Lieferkette entstehenden Nahrungsmittelverluste einschließlich Nachernteverlusten (zu) verringern“. Ob diese Ziele erreicht werden, soll bis 2030 durch die Berechnung von zwei Indikatoren nachgewiesen werden: Der Food Loss Index wird die Verluste von der Ernte bis vor den Einzelhandel abdecken, der Food Waste Index die Ebenen Einzelhandel, Außer-Haus-Verzehr und Haushalte.

Auch Deutschland hat sich dazu verpflichtet und im Februar 2019 eine nationale Strategie vorgelegt, mit der Lebensmittelabfälle bei Verbrauchern und im Einzelhandel bis 2030 halbiert und in den anderen Bereichen reduziert werden sollen.

Die UNO hat den 29. September zum Internationalen Tag gegen Lebensmittelverschwendung (International Day of Awareness of Food Loss and Waste) ausgerufen. Ab 2020 soll von nun an jedes Jahr am 29. September weltweit auf die Verschwendung von Lebensmitteln aufmerksam gemacht werden.

Die Aufgabe der Welternährungsorganisation

Geschätzte 1,3 Mrd. Tonnen an genießbaren Lebensmitteln werden weltweit weggeworfen. Das entspricht rund einem Drittel aller produzierten, genießbaren Lebensmittel. Diese schockierenden Zahlen wurden in einer Studie der Welternährungsorganisation (FAO) im Jahr 2011 veröffentlicht.

Als Welternährungsorganisation beschäftigt sich die FAO intensiv mit Maßnahmen, die helfen, Lebensmittelverluste und -abfälle zu vermeiden. Besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern sind innovative Lösungen gefragt, um den strukturellen und wirtschaftlichen Nachteilen gezielt entgegen zu treten.

Im Auftrag der FAO entwickeln internationale Forscher zum Beispiel Leitfäden, wie frisch gefangener Fisch mit Hilfe lokaler Baumaterialien und einfacher Konstruktionen in der Sonne getrocknet werden kann, ohne dass Wildtiere daran fressen oder die Flut den Fang wieder ins Wasser spült. Überregionale FAO-Plattformen unterstützen die Partner vor Ort bei der Umsetzung von Vermeidungsmaßnahmen.

Gemeinsam mit der Messe Düsseldorf hat die FAO die Kampagne SAVE FOOD ins Leben gerufen. Auf regelmäßigen Veranstaltungen tauschen Verantwortliche aus Wirtschaft, Forschung, Politik und NGOs aus aller Welt ihre Erfahrungen und Ideen bei der Vermeidung von Lebensmittelverlusten und -abfällen aus.

Was die größten Industrie- und Schwellenländer tun

Die sogenannten G20 bestehen aus 19 Industrie- und Schwellenländern sowie der Europäischen Union. Gemeinsam repräsentieren sie fast 67 % der Weltbevölkerung und 75 % des Welthandels. Mehr als 85 % des globalen Bruttoinlandsproduktes wird in den G20-Ländern erwirtschaftet.

Das Meeting of Agricultural Chief Scientists (MACS), ein Gremium zur Beratung der G20-Agrarminister, hat in seinem Communiqué 2015 eine Initiative zum Thema Lebensmittelverluste und -abfälle ins Leben gerufen. Das Thünen-Institut ist als Vertreter Deutschlands ebenfalls Mitglied in MACS und koordiniert seither die Aktivitäten aus der Initiative. So können wir unser Wissen auch auf internationaler Ebene einbringen.

Gemeinschaftliches Vorgehen auf EU-Ebene

In einigen EU-Mitgliedstaaten forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schon seit vielen Jahren daran, wie Lebensmittelverluste und -abfälle gemessen werden können. Manche verwenden vorhandene Statistiken, andere befragen Haushalte und einige durchsuchen Abfälle. Die erhobenen Daten sind eine wichtige Grundlage für die Berechnung, wo wie viele Lebensmittelverluste und -abfälle anfallen, und welche Maßnahmen zu ihrer Vermeidung geeignet wären. Weil unterschiedliche Definitionen verwendet und die Lebensmittelverluste und -abfälle mit verschiedenen Methoden erfasst werden, ist es jedoch nicht oder nur schwer möglich, Länderdaten miteinander zu vergleichen. Außerdem gibt es für einige EU-Staaten sehr wenige Informationen zum Aufkommen an Lebensmittelverlusten und -abfällen.

Um ähnliche Fragestellungen gemeinsam bearbeiten zu können, hat die EU-Kommission im Jahr 2016 die EU-Plattform Lebensmittelverluste und -abfälle ins Leben gerufen. Alle EU-Mitgliedstaaten, einige internationale Organisationen (wie FAO, OECD oder UNEP) und viele Interessensvertretungen für Unternehmen oder Konsumenten beteiligen sich an der Plattform. Mitarbeiter des Thünen-Instituts bringen ihre Expertise in Sitzungen und in die erarbeiteten Unterlagen ein. Alle Präsentationen und Ergebnisse sind auf Englisch öffentlich verfügbar.

Mit der Überarbeitung der EU-Abfallrahmenrichtlinie im Jahr 2018 wurde eine einheitliche Definition von Lebensmittelabfällen in der EU geschaffen. Als Lebensmittelabfälle gelten nur jene Lebensmittel, die im rechtlichen Sinn zu Abfall werden. Das bedeutet, dass Obst und Gemüse, das nicht geerntet wird, ebenso wie nicht verkauftes Brot, das als Tierfutter Verwendung findet, nicht mitgezählt werden.

Im September 2019 wurden mit einem sogenannten Delegierten-Beschluss gemeinsame Rahmenbedingungen für die Messung von Lebensmittelabfällen in der EU veröffentlicht. Für jeden Bereich der Wertschöpfungskette ist eine Auswahl an Methoden vorgegeben, die für die Messung erlaubt sind. Jeder einzelne Mitgliedstaat kann auswählen, welche Methode für ihn am geeignetsten ist, was bedeutet, dass ein Ländervergleich weiterhin fast nicht möglich sein wird. In einem Durchführungsbeschluss wurde im Dezember 2019 festgelegt, in welcher Form und mit welchen Fristen die erhobenen Informationen von jedem EU-Mitgliedsland an die Kommission übermittelt werden müssen. Ab 2020 muss jedes EU-Mitgliedsland das Aufkommen aller Lebensmittelabfälle jährlich messen und an die EU berichten. Die erste Abgabefrist für die Daten des Jahres 2020 ist Juni 2022.

Während die Vereinten Nationen den Begriff „Lebensmittelverlust“ definiert haben, liegt eine solche Definition in der EU bislang nicht vor.

Strategien gegen Lebensmittelverluste und -abfälle in Deutschland

Deutschland hat sich 2015 zur Einhaltung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen bekannt (Agenda 2030). Diese sieht eine Halbierung der Lebensmittelabfälle pro Kopf im Einzelhandel, in Gastronomie und Haushalten bis 2030 vor. Zusätzlich sollen entlang der gesamten Wertschöpfungskette Lebensmittelverluste und -abfälle verringert werden.

Schon vor dieser Vereinbarung war das Problem in Deutschland erkannt worden. In wissenschaftlichen Projekten, privaten Initiativen und innovativen Geschäftsmodellen wurden Maßnahmen entwickelt, die zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen beitragen. Mit der Kampagne „Zu gut für die Tonne“ macht das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) seit Anfang 2012 deutschlandweit auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam.

Eine Auswahl von Vermeidungsmaßnahmen und weitere Informationen finden sich auf der BMEL-Webseite „Lebensmittel wertschätzen“. Dort werden Aktivitäten aus allen deutschen Bundesländern zusammengefasst.

Am 20.02.2019 hat das Bundeskabinett die von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner vorgelegte Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung verabschiedet. Das Thünen-Institut berechnete im Auftrag des BMEL das Aufkommen aller Lebensmittelabfälle in Deutschland für das Jahr 2015 nach den Vorgaben der EU – die sogenannte Baseline 2015. Sie wurde im September 2019 veröffentlicht und dient als Vergleichsjahr für die gesteckten Zielmarken im Jahr 2030.

Eine erste gemeinsame Grundsatzvereinbarung zwischen BMEL und Vertretern der Wirtschaft wurde am 4. März 2020 unterzeichnet. Gemeinsame Aktivitäten zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen sollen das Ziel der Agenda 2030, die Lebensmittelabfälle bei Verbrauchern und im Einzelhandel bis 2030 zu halbieren und in den anderen Bereichen zu reduzieren, erreichbar machen.

Die Vereinten Nationen haben den 29. September zum Internationalen Tag gegen Lebensmittelverschwendung ausgerufen (International Day of Awareness of Food Loss and Waste). 2020 fand er zum ersten Mal statt. In Deutschland war er in die bundesweite Aktionswoche „Deutschland rettet Lebensmittel“ eingebunden. Siehe dazu unsere Pressemitteilung.

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