Mythen und Irrtümer

Dossier

Fragen zur Ernährungssicherung

Kleinbauer in Nordafrika (© Michael Welling)

Viele Irrtümer schleichen sich in die Wahrnehmung um die globale Ernährungssituation ein. Wir haben Fragen gestellt und versucht, Antworten zu geben. Hätten Sie bessere?

1. Wie viele Menschen müssen hungern?

Nach aktuellen Zahlen leiden weltweit 805 Mio. Menschen unter Hunger. Das heißt jeder achte Mensch geht hungrig zu Bett.

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2. Verborgener Hunger – was ist das?

Unter verborgenem Hunger wird eine Form der Fehlernährung verstanden, die zwar ausreichend Brennwert liefern kann, aber unzureichend mit lebenswichtigen Vitaminen und Mineralien versorgt. Das führt oftmals bei Kindern zu Minderwuchs sowie einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit in Verbindung mit einem geschwächten Immunsystem. Insbesondere für Kleinkinder kann ein andauernder Mangel tödliche Folgen haben oder zu lebenslangen mentalen und körperlichen Beeinträchtigungen führen. Mehr als 2 Mrd. Menschen leiden unter einem Mangel an Vitaminen und Mineralien, besonders an Eisen, Zink, Jod und Vitamin A.

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3. Gibt es Fortschritte beim Kampf gegen den Hunger?

Glücklicherweise konnte durch gezielte Maßnahmen die Anzahl der Hungernden im Verlauf der letzten 25 Jahre um 200 Millionen verringert werden. Leider gilt dies nicht gleichermaßen überall. In Afrika nahm im gleichen Zeitraum die Anzahl Hungernder um 45 Millionen zu. Insbesondere im südlichen Afrika ist der Anteil der Hungernden mit 25% untragbar hoch. Das verlangt nach weiteren Anstrengungen. Die meisten Hungernden leben weiterhin in Asien mit 526 Millionen – allein in Indien sind es 191 Millionen.  

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4. Stadt oder Land – wer leidet mehr unter Hunger?

Die ländliche Bevölkerung ist am stärksten betroffen. Das zeigen zahlreiche Untersuchungen unterschiedlichster Entwicklungsländer. Unter- und Fehlernährung sind weithin präsent. Dies liegt vorwiegend an dem geringeren Einkommen der ländlichen Bevölkerung. Zudem ist das Angebot an Nahrungsmitteln eingeschränkt, die hygienischen Verhältnisse sind unzureichend. Kinder trifft es besonders hart. Sie sind meist schlecht ernährt und wegen mangelhafter oder nicht vorhandener Gesundheitsversorgung oftmals lebensbedrohlich gefährdet. Nach UNICEF-Zahlen von 2013 ist die Unterernährung von Kindern in 82 von 95 Entwicklungsländern auf dem Land verbreiteter als in städtischen Regionen.

5. Welche Rolle spielt das Einkommen?

Menschen in armen Ländern geben bis zu 80% ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Steigen die Lebensmittelpreise rasch an wie 2008, trifft das die Ärmsten der Armen besonders. Damit fehlt nicht nur Geld an anderer Stelle - beispielsweise für Gesundheit und Bildung - viele sind gezwungen, sich mit minderwertiger Nahrung zu versorgen. Die Folge: Mangel an Eiweiß, Mineralstoffen und Vitaminen gefährdet insbesondere Kinder, Schwangere und stillende Mütter. Kinder bleiben im Wachstum zurück, womöglich lebenslang in ihrer Entwicklung. 

6. Können Entwicklungsländer überhaupt aus eigener Kraft ihre Probleme mit der Unterernährung lösen?

Die Ernährungssicherung wird von vielen Faktoren beeinflusst, die nicht in der Hand der Entwicklungsländer liegen - zum Beispiel von Naturkatastrophen und Preissprüngen bei Nahrungsmitteln. Um Unterernährung im eigenen Land nachhaltig zu bekämpfen, ist allerdings Voraussetzung, dass die Regierungen in armen Ländern eine gute Wirtschafts-, Sozial-, und Agrarpolitik betreiben. Vorsorglich wären zum Beispiel

  • Infrastruktur,
  • Bildung und Erziehung
  • der ländliche Finanzsektor oder die
  • Agrarforschung und landwirtschaftliche Beratung

zu fördern. Beispiele für politische Fortschritte sind Vietnam, Thailand, Brasilien oder Ghana. Seit 1990 haben diese Länder die Anzahl der Hungernden bereits um mehr als 40% verringert – im Vergleich mit den anderen Entwicklungs- und Schwellenländern ist dies ein weit überdurchschnittlicher Rückgang.

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7. Wie können Entwicklungsländer den Hunger beenden?

Es gibt kein Patentrezept im Kampf gegen den Hunger. Politische Maßnahmen können in verschiedenen Ländern ebenso unterschiedlich wirken, wie sich die Ursachen des Hungers von Land zu Land  unterscheiden. Werfen wir einen Blick auf Vietnam, Brasilien, Thailand und Ghana:

  • Vietnam entwickelte vor allem den Agrarsektor, zum Beispiel durch Landreformen („Ent-Kollektivierung“), liberalisierte stufenweise die Agrarmärkte und investierte in die Bildung der ländlichen Bevölkerung.
  • Brasilien kurbelte seine Wirtschaft durch makroökonomische Reformen an. Es verringerte zum Beispiel die Inflation, legte soziale Transferprogramme und Ernährungsinitiativen wie Schulspeisungen auf.
  • Thailand förderte die ländlichen Räume mit Infrastrukturmaßnahmen, einer Konsolidierung der Landrechte und der Unterstützung landwirtschaftlicher Vermarktungsketten. Seit Ende der 1990er Jahre kamen Ernährungsinitiativen und eine medizinischen Grundversorgung hinzu.
  • Ghana reformierte die Volkswirtschaft u.a. durch Liberalisierung, Abwertungen der Währung und Dämpfen der Inflation. Davon profitierten sowohl die Landwirte als auch die arme ländliche Bevölkerung.

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8. Schaden hohe Nahrungsmittelpreise der Ernährungssicherung?

Verbraucher, die selbst keine Nahrungsmittel erzeugen, sind auf den Kauf von Nahrungsmitteln angewiesen und leiden unter Preisanstiegen. Wer Nahrungsmittel erzeugt und sie vermarktet, kann profitieren. Hohe Nahrungspreise können also grundsätzlich die Einkommen von Erzeugern sichern, allerdings nur in Ländern mit funktionierender Infrastruktur. Dort erreichen Erzeugnisse auch die Märkte sicher, nicht so in den wenig entwickelten ärmsten Ländern.

Können Bauern ihre Produkte erfolgreich absetzen, hat das positive Effekte für die Region: Ausgaben für Betriebsmittel und privaten Eigenbedarf geben wirtschaftliche Impulse. Werden Agrarerzeugnisse kreislauforientiert weiterverarbeitet, können zusätzlich Arbeitsmöglichkeiten und Einkommen entstehen.  Für arme Länder jedoch, wie die meisten afrikanischen, sind hohe Nahrungsmittelpreise ein Problem. Sie müssen einen Großteil ihrer Lebensmittel importieren, weit mehr als sie exportieren. Eine damit verbundene hohe Verschuldung verschärft die Situation.

9. Können wir 9 Milliarden Menschen ernähren?

Viele Maßnahmen sind wichtig, um die Welt 2050 ernähren zu können. Wir müssen

  • Lebensmittelverluste und –verschwendung eindämmen
  • eine nachhaltige, d.h. ressourcenschonende, standort- und klimaangepasste Landwirtschaft fördern
  • die ländliche Entwicklung einschließlich Bildung und Infrastruktur stärken
  • Landrechte stärken, um Landgrabbing einzudämmen
  • „gerecht globalisieren“, also Entwicklungsländern einen größeren Anteil an der landwirtschaftlichen Wertschöpfung ermöglichen.