Futter für die Zuchtfische

Im Gespräch

Ulfert Focken (© Thünen-Institut/Marc-Oliver Aust)

Wieso kommt der Aquakultur in der Welternährung so viel Aufmerksamkeit zu?

Schon in der Bibel ist der Fisch ein besonderes Nahrungsmittel: Denken wir an die „Speisung der Fünftausend“, wo zwölf Brote und zwei Fische ausreichten, eine riesige Volksmenge zu sättigen. Weltweit – von den Inuit bis hin zu den Maori in Neuseeland – finden sich überall ähnliche, sogar mythische Bezüge auf die Besonderheit von Fisch.

Haben Sie einen persönlichen Bezug zu Fischen?

Mit zehn, wahrscheinlich sogar davor, hatte ich mein erstes Aquarium, darin aber keinen bunten Fische, sondern einheimische Fische. Schon als Schüler habe ich versucht, Forschung mit ihnen zu machen. So hat sich das entwickelt: Über das Studium der Biologie – Schwerpunkt Fischereibiologie – war ich ursprünglich Richtung Fangfischerei orientiert. Dann bin ich eher durch Zufall, wegen meiner Diplomarbeit, auf die Aquakultur gekommen. Seit 1983 beschäftige ich mich ganz speziell mit Aquakultur unter dem Gesichtspunkt: Wie kann ich nachhaltig Fisch für die menschliche Ernährung produzieren?

Jesus speist die Fünftausend (Codex Egberti) - ein Mythos. Reichen die Fische für Milliarden? (© Gemeinfrei)

Wo sehen Sie die größte Hürde für die Nachhaltigkeit?

Das größte Problem ist die Fütterung. Wir können die Produktion nur steigern, wenn wir die nötigen Inputs zur Verfügung stellen. Bei Fischen haben wir die Möglichkeit, dazu Nahrung zu verwenden, die vom Menschen selbst nicht unmittelbar zu genießen ist. So ähnlich wie die Kuh für uns unverdauliches Gras frisst, uns daraus Milch und Fleisch liefert, können wir in der Aquakultur, in „gedüngtem System“, nur über geförderte natürliche Produktivität erhebliche Mengen von hochwertigem Eiweiß für den Menschen erzeugen. Das ist die eine Möglichkeit. Die andere ist, dass wir geringer wertige Futtermittel verwenden, auch solche, die nicht in unmittelbarer Konkurrenz zur menschlichen Ernährung stehen. Soja könnten wir auch selber essen. Ich suche vorzugsweise danach, Dinge zu verwerten, die nicht Teil der menschlichen Nahrungskette werden können.

Da fällt mir spontan das schreckliche Separatorenfleisch ein.

Wieso schrecklich? – muss ich dann Sie fragen.

Na gut – das ist der Eindruck, den ich durch Medienberichte über betrügerischen Einsatz solcher Reste der Fleischproduktion in Lebensmitteln gewonnen habe...

Darum sind solche Reste doch nichts Schreckliches. Das kann man für Fische verwenden, wir haben nur ein Problem mit der Marktakzeptanz. Als Folge von BSE ist jegliche Verwendung von Produkten aus Landtieren in der tierischen Ernährung verboten worden. Fische durften in der EU nur noch mit Fischmehl gefüttert werden. Dieses Verbot wurde stufenweise aufgehoben. Zunächst wurde die Fütterung von Blutmehlen erlaubt, seit Juli 2013 ist es auch erlaubt, Mehle von Nicht-Wiederkäuern zu verfüttern. Außerhalb der EU ist das immer in großem Maßstab praktiziert worden. Die deutschen Forellenzüchter – um die geht es vor allem – wollen aber von ihren Lieferanten zugesichert haben, dass keine Schlachtabfälle von Geflügel oder Schweinen im Futter sind. Sie haben Angst, dass die Verbraucher das nicht akzeptieren. Rational, vom naturwissenschaftlichen Standpunkt, ist das nicht einzusehen. Das Verdauungssystem zerstört Prionen – sie gelten als BSE-Erreger – viel zu effizient, als dass auf diesem Weg eine  Ansteckung möglich wäre. Nicht einmal Mäuse – eigentlich eher Körnerfresser – ließen sich mit Prionen aus Hirnzellen, die man zu Versuchszwecken an sie verfüttert hatte, zuverläsig infizieren, als Test auf BSE. Hat man je von einem Löwen gehört, der BSE hat, obwohl er wahrlich viel rohes Rindfleisch frisst? Das Problem von BSE war ja nur, dass wir einem ausgesprochenen Pflanzenfresser schlecht hergestelltes Protein untergemischt haben. Wenn wir einen Allesfresser oder Fleischfresser mit Schlachtabfällen in aufbereiteter Form ernähren, ist das aus meiner Sicht unter globaler Verantwortung sogar geboten. Wir sollten diese Rohstoffe nutzen.

Karpfenteiche in Mittelfranken (© Thünen-Institut/Ulrike Hochgesand)

Ihre Forschung hat sie häufig nach Südostasien geführt, namentlich nach Vietnam. Die Menschen dort essen viel mehr Fisch und andere Meerestiere als wir. Mir ist aus China bekannt, dass dort früher Schweinestall und Karpfenteich in inniger Nachbarschaft produzierten. Wurden dort Karpfen mit Schweinegülle ernährt?

Jein. Sie hat die Karpfen nicht direkt ernährt, sondern auf dem Umweg über die stimulierte Algenproduktion, über das ebenfalls stimulierte Wachstum von Würmchen und Larven. Das ist im Prinzip nichts anderes  als die bei uns übliche gemanagte Weide. Die Kühe scheiden ja auch aus, dadurch haben wir ein Nährstoff-Recycling innerhalb unseres Systems, und dadurch ist die Grünland-Wirtschaft – was Stickstoff- und Phosphat-Effizienz angeht – ähnlich aufgestellt wie diese integrierten Aquakultursysteme. Wir müssen natürlich beim Rind wie auch beim Fisch versuchen, gewisse Hygienestandards einzuhalten. Wir haben dabei den großen Vorteil, dass sich zum Beispiel Typhuserreger beim Fisch nicht vermehren können. Schweine scheiden bei der Haltung in den Tropen immer Typhuserreger aus. Sie finden sich im Wasser, auch im Darm aber nicht im Filet der Fische. Sie haben also ein Arbeitsrisiko für Fischfarmer, sich beim Hantieren mit Wasser und Fischen zu infizieren. Aber beim Verzehr haben sie nur ein minimales Infektionsrisiko, selbst beim Verzehr von rohem Fisch. Allerdings sollte Fisch ohnehin besser nicht roh gegessen werden, schon wegen anderer Parasiten, die nicht ans System der Tierhaltung gebunden sind. Gebraten, gekocht, eingelegt in Limonensaft oder Essig ist Fisch bedenkenlos genießbar. Da haben wir ein hygienisch einwandfreies Produkt, selbst aus solchen intensiv gedüngten Fischteichen.

...was etwa für Chinesen  bisher eine Selbstverständlichkeit war. Hemmt also bei uns die Wahrnehmung der Verbraucher die Aquakultur?

Hier in Deutschland gilt das sicherlich, aber wir haben hier auch ein Luxusproblem. Der durchschnittliche Mitteleuropäer isst pro Tag fast dreimal so viel tierisches Protein wie er physiologisch braucht – etwa 60 Gramm. Wenn er den Karpfen weglässt, der mit Düngung erzeugt ist, leidet er dadurch keinen Mangel. In einem Land wie Bangladesch ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch ähnlich hoch wie in Deutschland, aber er macht 60 Prozent der tierischen Proteine aus, die verfügbar sind. In Deutschland sind es 4 Prozent. Die Leute in ärmeren Ländern fragen nicht, wo der Fisch herkommt.

Was ist für Sie das Kritische, wo sehen Sie Grenzen und Risiken der Aquakultur?

Kritische Situationen und Risiken bei der Lebensmittelqualität von Fisch merken wir,  wenn es heißt,  Importware aus dem Land X oder Y ist mit Rückständen aus Antibiotika belastet. In den Erzeugerländern ist das Problem meist noch größer, dort wird die Produktion für den lokalen Markt viel weniger kontrolliert als die für den Export. Es gibt eine hohe Kontamination mit Antibiotika oder Schwermetallen, weil ungeklärte Abwässer aus Kleinindustrien, etwa dem Recycling von Autobatterien, in Gewässer gelangen und dann in Wassermangelgebieten trotzdem weiter genutzt werden. Auf den lokalen Märkten sind die Lebensmittel entsprechend belastet, viel stärker als hier. Kontrollen gibt es praktisch nicht – bestenfalls für die großen Märkte und die Exporte. Worauf konzentriert sich Ihr wissenschaftliches Augenmerk? Wir erzeugen in der Aquakultur ein hochwertiges Lebensmittel. Wir können versuchen, das mit möglichst wenig Konkurrenz zu anderen Produktionszweigen zu tun. Daneben haben wir in der deutschen Aquakultur die Aussicht, zur Biodiversität beizutragen. Das Produktionssystem Fischteich zählt zu den wertvollsten Biotopen. Wenn wir uns anschauen, wie viele verschiedene Organismen – Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien, wilde Fischarten, Insekten – in so einem Teichsystem vorkommen, dann sind das teilweise mehr als in naturgeschützten Flussauen, einfach aufgrund der Diversität des Lebensraums und auch eines relativ breiten Nahrungsangebots für viele Organismen. Ökologischer Wert und effiziente Produktion müssen sich also in der Aquakultur nicht gegenseitig ausschließen.

Gilt das auch noch für große Zuchten in industriellem Maßstab?

Wenn wir sie als Kreislaufanlagen in Industriegebiete verbannen, fehlen der Aquakultur natürlich die ökologischen Wirkungen. Aber wenn sie an einen Karpfenteich denken oder auch an viele Forellenteiche – die meisten sind ja eben nicht industriell, sondern kleinbetrieblich organisiert – haben diese Zuchten einen hohen ökologischen Wert.

Für Ernährungsbewusste: der Spiegelkarpfen (© Thünen-Institut/Katja Seifert)

Wie sehen Sie Deutschland im internationalen Zusammenhang?

Wir sind in der merkwürdigen Situation, dass die Forschung sehr viel besser aufgestellt ist als die Produktion. Die Aquakulturproduktion war in den vergangenen Jahrzehnten rückläufig. Die Forschung und Ausbildung sind dagegen fortgeschritten, und das können wir durchaus als ein Exportprodukt betrachten. Wir bilden sehr viel mehr Leute aus, die hinterher im Ausland in der Aquakultur tätig werden, als Leute nach Deutschland kommen. Das große Potential in der Aquakultur in den vergangenen Jahrzehnten lag in Asien. Es dominiert die Produktion und wird sie auch in Zukunft deutlich dominieren. Die Steigerungsraten beginnen aber abzunehmen, während wir in Südamerika Raten von teilweise bis 25 Prozent haben – nicht nur einmalig, sondern als Mittelwert über Jahrzehnte, beginnend freilich von einem sehr niedrigen Niveau. Indessen nimmt die Aquakultur in Süd- und Mittelamerika stetig zu, und wir sehen, dass wir ein relativ großes Potential und einen noch viel größeren Bedarf in Afrika haben. Dort verhindern weniger technische als ökonomische und soziale Probleme, dass die am dringendsten benötigte Nahrung aus tierischem Eiweiß erzeugt wird. Nennenswerte Aquakulturen haben wir eigentlich nur in Ägypten, Nigeria und der Republik Südafrika, aber selbst Ägypten, der größte Produzent, kann sich nicht selbst versorgen, muss Fisch und Meeresfrüchte importieren.

Weisen Warenströme und Eigentumsverhältnisse besonders deutlich auf die Globalisierung hin?

Wir haben eine Internationalisierung, und bislang fließen die größten Exportmengen aus Asien nach Europa, Japan und in die USA. Es gibt aber Prognosen, dass China in 15, spätestens 20 Jahren zum Nettoimporteur von Fisch und Meeresfrüchten wird. Derzeit ist China noch größter Exporteur, andererseits aber auch jetzt schon der größte Absatzmarkt für atlantischen Lachs. Ein zunehmender Teil der riesigen Bevölkerung hat einen Lebensstandard erreicht, pflegt einen Lebensstil, der nach Lachs und Shrimps verlangt und nicht nach Karpfen.

Was geben Sie deutschen Fischessern mit auf den Weg?

Sie sollten sich immer wieder einmal überlegen, wie ihre Lieblingsmahlzeit produziert wird. Unsere wichtigsten, unsere hochrangigsten Speisefische wie Thunfisch, Lachs, Forelle, Dorade, Wolfsbarsch stehen alle am Ende von langen Nahrungsketten. Wir könnten viel zur Nachhaltigkeit beitragen, auch zur globalen Ernährungssicherung, wenn wir in unserem Konsumverhalten auf nachhaltiger produzierte Arten auswichen, die tiefer in der Nahrungskette stehen. Mengenmäßig müssten wir uns nicht einschränken. Hier wäre der einheimische Karpfen zu nennen – leider wird er immer weniger nachgefragt. Leider gibt es seitens der Produzenten aber auch kein Angebot, das dem heutigen Lebensstil entspricht. Ich kann nicht in den Supermarkt gehen und eine 250-Gramm-Portion Karpfen kaufen. Die gibt es einfach nicht im Handel. Also muss sich nicht nur der Verbraucher sondern auch der Erzeuger bewegen: Er darf nicht nur den Dreikilokarpfen für Weihnachten, für die große Runde von zehn oder zwölf Leuten produzieren, die es fast schon nicht mehr gibt. Aber wir haben auch Alternativen: Wir können statt einer Dorade eine Tilapie auf den Grill legen – schmeckt ebenfalls hervorragend, ist aber mit sehr viel weniger Ressourcenverbrauch produziert. So sorgen wir dafür, dass eingesparte Ressourcen anderen für ihre Nahrungsmittelproduktion verfügbar werden.