Aktuelle Lage der Welternährung

Dossier

Die Vereinten Nationen beabsichtigen im Rahmen der Ziele für nachhaltige Entwicklung, den Hunger weltweit bis 2030 zu beenden. Derzeit sind wir weit davon entfernt, dieses Ziel zu erreichen.

Über 680 Millionen Menschen leiden weltweit an Hunger, mehr als zwei Milliarden sind von Mikronährstoffmangel („versteckter Hunger“) betroffen. Neben der unzureichenden Versorgung mit Makro- und Mikronährstoffen prägt das Problem der zunehmenden Überernährung die Welternährung.

Die landwirtschaftliche Produktion hat eine tragende Rolle, um die Ernährung der Weltbevölkerung sicherzustellen. Knappe Ressourcen sowie Umwelt-, Natur-, Klima- und Tierschutzaspekte machen erhebliche Fortschritte in der Produktivität der Landwirtschaft, zum Teil auch neue Technologien erforderlich. Dies gilt insbesondere für zahlreiche Entwicklungsländer.

Nicht zu vergessen ist der Handel mit Agrargütern und Nahrungsmitteln. Er trägt dazu bei, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln sicherzustellen, indem er Defizite in der lokalen Erzeugung ergänzt und Devisen erwirtschaftet.

Für die weltweite Ernährungssicherung ist daher noch einiges zu tun. Um nur einige Ansatzpunkte von vielen herauszugreifen:

  • Wir brauchen mehr Nahrungsmittel und eine gerechtere Verteilung von Nahrungsmitteln
  • Alle Menschen benötigen das Wissen, in welchen Kombinationen und Mengen die vorhandene Nahrung zur Gesundheit beiträgt
  • Wir brauchen insgesamt nachhaltige, gesunde und resiliente Ernährungssysteme
  • Wir benötigen sowohl nationale als auch internationale Politiken, die eine gesunde Ernährung für alle ermöglichen

Hunger weltweit

Quelle: FAOSTAT 2020, eigene Darstellung. (© Thünen-Institut)

Von den 7,57 Milliarden Menschen weltweit waren rund 688 Millionen im Jahr 2019 von Unterernährung betroffen. Das entspricht 9 Prozent weltweit, oder einfacher ausgedrückt: Jeder elfte Mensch ist von Unterernährung betroffen.

Diese Zahlen werden jedes Jahr von der FAO zusammen mit IFAD , UNICEF, WFP und WHO im Bericht The State of Food Security and Nutrition in the World (SOFI) veröffentlicht. Dabei definiert die FAO Unterernährung als einen Mangel an Energiezufuhr durch Nahrung, weil zu wenige Kalorien aufgenommen werden.

Das Minimum an Kalorien, das jeder Mensch für ein gesundes und produktives Leben benötigt, variiert dabei von Mensch zu Mensch. Es ist abhängig von Geschlecht, Alter, Statur und körperlicher Aktivität und bewegt sich zwischen etwa 1.650 und mehr als 2.000 Kilokalorien pro Person und Tag.

Besonders betroffen sind die Kontinente Asien und Afrika. In Asien leben schätzungsweise 381 Millionen Unterernährte, in Afrika 250 Millionen (Daten von 2019). Dagegen ist die Zahl von ungefähr 47 Millionen Unterernährten in Lateinamerika und der Karibik vergleichsweise gering.

Besonders ernst ist die Situation in Afrika

Bisher wurde die absolute Zahl an Unterernährten betrachtet. Um aber zu erfahren, wie es sich mit der Unterernährung in einem Land bzw. in einer Region verhält, hilft es, sich die Häufigkeiten (hier: die Häufigkeit, dass Unterernährung auftritt) anzusehen.

Prävalenz für Unterernährung (%)2005201020152019*
Welt
12,6
9,6
8,9
8,9
Afrika21,0
18,9
18,3
19,1
Nordafrika9,88,86,26,5
Subsahara-Afrika
23,9
21,3
21,2
22,0
Ostafrika32,228,926,927,2
Mittelafrika35,530,428,229,8
Westafrika13,812,114,315,2
Südliches Afrika4,95,47,08,4
Asien
14,4
10,1
8,8
8,3
Zentralasien11,07,73,02,7
Ostasien7,63,8<2,5<2,5
Südostasien17,311,710,59,8
Südasien20,615,414,413,4
Westasien11,810,410,711,2
Lateinamerika und Karibik8,76,7
6,2
7,4
Anmerkung: Werte mit * sind prognostizierte Werte. Quelle: FAOSTAT 2020.

Die Tabelle zeigt, dass Unterernährung in Subsahara-Afrika im Vergleich zu Asien 2019 mehr als doppelt so häufig vorkam. Besonders betroffen waren die Länder Ost- und Mittelafrikas mit 27 bzw. 29 Prozent.

Insgesamt kann festgestellt werden, dass einzelne Regionen und ganze Kontinente bei der Beseitigung von Unterernährung Fortschritte machen, wenn auch nur langsam: So gibt es einige Regionen, in denen sich die Prävalenz für Unterernährung seit 2005 kontinuierlich verringert hat, wie beispielsweise in Zentral-, Südost- und Südasien.

Jedoch gibt es ebenso Regionen mit zuletzt gegenläufigem Trend. Dazu zählen beispielsweise Subsahara-Afrika (insbesondere Westafrika und das südliche Afrika), aber auch Nordafrika und Westasien. Weltweit gesehen nimmt die Prävalenz für Unterernährung seit 2016 wieder leicht zu. Dies spiegelt sich auch in den absoluten Zahlen wider.

Versteckter Hunger

Um die Lage der Welternährung angemessen beurteilen zu können, bedarf es mehr als die Kalorienversorgung in den Blick zu nehmen. Denn neben der offensichtlichen Unterversorgung mit Energie bzw. Kalorien stellt der Mangel an Mikronährstoffen weltweit ein ebenso großes Problem dar – auch wenn seine Auswirkungen auf die Gesundheit und die körperliche und geistige Entwicklung weniger offensichtlich sind.

In erster Linie zählen Vitamine und Mineralstoffe zu den Mikronährstoffen. Mikronährstoffe sind genauso essentiell wie die Makronährstoffe Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß und sind am Stoffwechsel innerhalb der Zellen beteiligt, etwa am Zellwachstum, an der Nervenreizleitung und an der Bildung von Sekreten und Botenstoffen.

Weltweit leiden mehr als zwei Milliarden Menschen unter verstecktem Hunger oder Mikronährstoffmangel. Am häufigsten verbreitet ist der Mangel an Jod, Eisen, Vitamin A und Zink, wobei der Mangel an einem Mikronährstoff häufig in Kombination mit dem Mangel an anderen Mikronährstoffen auftritt.

MangelAnzahl Betroffene
Jodca. 1,8 Milliarden
Eisenca. 1,6 Milliarden
Vitamin A190 Millionen Kinder < 5 Jahre
19 Millionen Schwangere
Zinkca. 1,2 Milliarden
Quelle: Grebmer et al 2014.

Subsahara-Afrika und Südasien besonders betroffen

Geografisch gesehen sind Subsahara-Afrika und Südasien die Hotspots des versteckten Hungers. Insbesondere Schwangere, Kinder und Jugendliche sind häufig betroffene Bevölkerungsgruppen. So können geschätzte 1,1 Millionen der jährlich 3,1 Millionen durch Unterernährung verursachten Todesfälle bei Kindern auf einen Mangel an Mikronährstoffen zurückgeführt werden.

Im Gegensatz zum offensichtlichen Hunger ist der versteckte Hunger aber auch in Industrieländern weit verbreitet. Bei Teilen der deutschen Bevölkerung kann beispielsweise häufig eine mangelnde Aufnahme von Jod, Folsäure, Vitamin D oder Calcium festgestellt werden. Eine vielfältige Ernährung mit nährstoffreichen Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Samen und Nüssen ist wichtig für eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen. Auch tierische Produkte wie Eier, Fisch, Fleisch und Milchprodukte tragen dazu bei.

In vielen Ländern des globalen Südens ist für die Bevölkerung eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung oft nicht möglich, da Lebensmittel in dieser Produktbreite nicht verfügbar sind oder die Haushalte sie sich trotz ihrer Verfügbarkeit schlichtweg nicht leisten können.

Auf der anderen Seite haben viele Menschen Zugang zu einer breiten Palette an Lebensmitteln, sind sich aber der großen Bedeutung einer vielfältigen Ernährung nicht bewusst und nehmen daher das Lebensmittelangebot nicht wahr. Unter- und Mangelernährung sind häufig das Ergebnis eines Teufelskreislaufs aus fehlendem Einkommen, Armut, Krankheit und ungenügender Bildung.

Zwei von fünf Erwachsenen sind übergewichtig

Im Jahr 2018 waren weltweit 38,9 Prozent der Erwachsenen übergewichtig. Dies entspricht etwa 2 Milliarden von insgesamt 5,1 Milliarden Erwachsenen. Übergewicht wird z.B. auf der Grundlage des Body-Mass-Index (BMI) definiert: Der Schwellenwert liegt bei einem BMI von 25 oder mehr. Somit sind global betrachtet etwa zwei von fünf Erwachsenen von Übergewicht betroffen. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 war ein knappes Drittel (30,8 %) der Erwachsenen übergewichtig.

Übergewicht nimmt mit besonders steilen Aufwärtstrends bei Kindern im Schulalter und bei Erwachsenen in allen Altersgruppen zu. Keine Weltregion ist von diesem Problem ausgenommen, denn alle haben seit dem Jahr 2000 einen Anstieg von Übergewicht bei Erwachsenen um etwa zehn Prozent erlebt.

Die starke Zunahme an Übergewichtigen in Europa oder Nordamerika ist wenig erstaunlich. Vielmehr überrascht es, dass dieser Trend auch in Regionen zu beobachten ist, die stark von Unter- und Mangelernährung betroffen sind. In diesem Kontext wird häufig von Triple Burden of Malnutrition gesprochen – der dreifachen Last einer Fehlernährung, nämlich dem gleichzeitigen Auftreten von Unterernährung, Mangelernährung und Überernährung. Fehlernährung ist heutzutage in vielen Ländern unabhängig vom Wohlstand weit verbreitet.

Ernährungsgewohnheiten gleichen sich weltweit an

Der Übergang der Ernährung auch in Entwicklungsländern weg von traditionellen Ernährungsweisen, die auf wenig verarbeiteten Lebensmitteln basieren, hin zu stark verarbeiteten, energiedichten, nährstoffarmen Lebensmitteln wird als „nutrition transition“ bezeichnet.

Diese Ernährungsgewohnheiten tragen wesentlich zur Verbreitung von nicht übertragbaren Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei. Daher rücken die Rolle des Ernährungsumfelds bei der Gestaltung der sich ändernden Ernährungsweisen und die unterschiedlichen Facetten der Fehlernährung nun zunehmend in den Blickpunkt der Politik.

Wachsende Weltbevölkerung

Quelle: UN, World Population Prospects 2019. Dargestellt ist die mittlere Berechnungsvariante. (© Thünen-Institut)

Aktuell leben 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde. Die Weltbevölkerung wächst zurzeit jährlich um rund 83 Millionen Menschen. Das Department of Economic and Social Affairs der Vereinten Nationen berechnet die Bevölkerung voraus und weist drei Berechnungsvarianten aus: eine hohe, eine mittlere und eine niedrige Berechnungsvariante mit unterschiedlichen Annahmen bei der Entwicklung der weltweiten Geburtenrate.

Nach der mittleren Variante (in der Grafik oben dargestellt) wird sich das Bevölkerungswachstum deutlich abschwächen und die Bevölkerungszahl im Jahr 2050 bei 9,7 Milliarden bzw. im Jahr 2100 bei 11,2 Milliarden liegen. Die hohe Berechnungsvariante kommt im Vergleich dazu auf 16,6 Milliarden Menschen im Jahr 2100 und die niedrige Berechnungsvariante berechnet 7,3 Milliarden Menschen für dasselbe Jahr.

Bevölkerungswachstum nach Regionen

Quelle: UN, World Population Prospects 2019. Dargestellt ist die Bevölkerung nach Regionen auf Basis der mittleren Berechnungsvariante zum Bevölkerungswachstum. (© Thünen-Institut)

Im eher reichen globalen Norden wird die Bevölkerungsentwicklung wegen der niedrigen Geburtenrate stagnieren und die Bevölkerung immer älter. Dagegen nimmt im eher armen globalen Süden die Bevölkerung sehr stark zu. Der Anteil an jungen Menschen wächst dort erheblich.

Asien und Afrika werden in Zukunft die bevölkerungsreichsten Regionen sein. Daraus folgt, dass der weitere Anstieg der Weltbevölkerung beinahe ausschließlich durch das Wachstum in Ländern mit einer ärmeren und armen Bevölkerung hervorgerufen wird. Die Bevölkerung der 47 am wenigsten entwickelten Staaten der Welt, von denen 33 in Afrika liegen, wird sich dabei von derzeit einer Milliarde auf 1,9 Milliarden im Jahr 2050 verdoppeln und bis 2100 auf 3,2 Milliarden ansteigen.

Vor dem Hintergrund der prognostizierten Bevölkerungsentwicklung wird deutlich, dass der Bedarf an Nahrung trotz verlangsamten Tempos in Bezug auf das Bevölkerungswachstum stark steigen wird. Da in den Regionen mit starkem Bevölkerungswachstum auch ein deutlicher Anstieg der Einkommen zu erwarten ist, wird nicht nur der grundsätzliche Bedarf an Nahrung, sondern vor allem auch die Nachfrage nach ressourcen-intensiven Lebensmitteln wie tierischen Lebensmitteln stark steigen. Dies bedeutet, dass die landwirtschaftlich genutzte Fläche in Zukunft sehr knapp werden kann.