Neue Strukturen für die Wald- und Holzforschung

Dossier

Herbstlicher Mischwald (© Katja Clemens)

Sind die bisherigen Waldbewirtschaftungskonzepte noch zukunftstauglich? Welche Bedeutung soll die Holznutzung künftig haben? Die Meinungen hierüber gehen auseinander, der Meinungsstreit reicht bis in die Talkshows. Um belastbare Antworten geben zu können, müsste sich die Wissenschaft kraftvoller als bisher aufstellen. Hierfür hat eine Expertengruppe im Auftrag der Bundesregierung ein Konzept erarbeitet.


In den Politikstrategien zum Klima- und Naturschutz wird den Wäldern eine wichtige Rolle zugeschrieben. So soll der Einsatz von Holz im Bauwesen und als Grundstoff für die Industrie verstärkt werden, um fossile Rohstoffe zu ersetzen und Klimaschutzziele zu erreichen. Andererseits sollen aber auch die Wälder als Kohlenstoffsenke ausgebaut werden, was eine Reduzierung des Holzeinschlags implizieren würde. Naturschutzpolitische Forderungen gehen in die gleiche Richtung. Die Energiewende wiederum führt zu einer Verteuerung fossiler Brennstoffe, was auf den Märkten eine zunehmende Nachfrage nach Brennholz auslösen wird.

Diese weitreichenden, teilweise von Zielkonflikten geprägten Anforderungen treffen Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer in einer Zeit, in der viele von ihnen ganz andere Sorgen haben: Vielerorts sind Waldflächen abgestorben, vor allem infolge des Klimawandels, sodass entschieden werden muss, wie es mit diesen Flächen nun weitergehen soll. Aber auch für alle übrigen Flächen stellt sich die Frage, wie sich die Forstwirtschaft an den fortschreitenden Klimawandel anpassen soll. Diese Entscheidungen werden die Flächennutzung über Jahrzehnte prägen, denn Fehlentscheidungen lassen sich, anders als in der Landwirtschaft, kurzfristig kaum korrigieren.

Politik und Wirtschaft haben also einen großen Bedarf an wissenschaftlich fundierten Orientierungshilfen und innovativen Lösungskonzepten. Die deutsche Wissenschaftslandschaft hat hierfür einiges zu bieten, und sie verfügt auch über beachtliche Ressourcen: In den knapp 50 Einrichtungen, die es in der deutschen Wald- und Holzforschung gibt, sind ca. 850 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in unbefristeten Arbeitsverhältnissen tätig. Hinzu kommen viele zeitlich befristete Projektstellen; die Forschungseinrichtungen werben jährlich rund 150 Millionen Euro Drittmittel ein.

Wald- und Holzforschung sinnvoll stärken

Mit Blick auf die großen Herausforderungen denkt die Politik darüber nach, wie sie die deutsche Wald- und Holzforschung weiter stärken könnte. Hier bieten sich unterschiedliche Optionen an, etwa die Etablierung einer neuen Forschungseinrichtung irgendwo auf der grünen Wiese, die Ausstattung der bestehenden Einrichtungen mit mehr Dauerstellen oder die finanzielle Aufstockung der Drittmitteltöpfe. Ob solche „einfachen” Lösungen den erhofften Durchbruch bringen, wird jedoch bezweifelt. Weshalb eine neue Einrichtung auf die grüne Wiese setzen, wo es doch schon 50 Einrichtungen gibt, die durchaus schlagkräftige regionale Cluster bilden (vgl. Schaubild)? Und lassen sich die großen Zukunftsfragen wirklich mit 100 oder 200 weiteren Projekten lösen, wo doch die deutsche Wald- und Holzforschung jetzt schon über 1.000 Forschungsprojekte gleichzeitig bearbeitet?

Regionale Verteilung der Wald- und Holzforschung und geschätzte Größe der Einrichtungen anhand der Dauerstellen für wissenschaftliches Personal. (© Thünen-Institut)

Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung im Herbst 2020 eine 16-köpfige Expertengruppe beauftragt, einen Vorschlag zur Stärkung der deutschen Wald- und Holzforschung zu erarbeiten. Die Expertengruppe deckt ein weites Spektrum der deutschen Wald- und Holzforschung ab und repräsentiert zahlreiche namhafte Forschungseinrichtungen; sie wird gemeinsam durch das Thünen-Institut und das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung geleitet.

Die Expertinnen und Experten kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass eine Erhöhung der Forschungsfinanzierung allein nicht ausreichen wird, um den von der Politik erhofften Leistungszuwachs der deutschen Wald- und Holzforschung herbeizuführen. Vielmehr ist es erforderlich, auch die strukturellen Defizite in den Blick zu nehmen. Die Forschungseinrichtungen sollten ihre Kräfte stärker bündeln und gemeinsame Forschungsstrategien entwickeln, mit denen die offenen Fragen beantwortet und die erhofften Problemlösungen erarbeitet werden können. Diese strategische Zusammenarbeit sollte langfristig ausgerichtet werden. Daher schlägt die Expertengruppe ein nationales Zentrum für Wald- und Holzforschung vor, das als vernetztes Zentrum errichtet und von den Forschungseinrichtungen in Deutschland gemeinsam getragen wird.

Nationales Zentrum mit Service-Center und Arbeitsgruppen

Im Zentrum sollen Forschungsstrategien erarbeitet, Konzepte für gemeinsam nutzbare Infrastrukturen entwickelt und Vorschläge für eine gezielte, gut koordinierte Projektförderung abgeleitet werden. Ein Schlüsselfaktor für die künftige Leistungsfähigkeit der deutschen Wald- und Holzforschung werden hochwertige Infrastrukturen sein. Diese sollen im nationalen Zentrum aufgebaut und für eine gemeinsame Nutzung zur Verfügung gestellt werden. Hier geht es um drei Komponenten:

  • ein deutschlandweites Netz von Wald-Reallaboren
  • die überregionale Vernetzung von Datenbeständen und Modellen
  • ein gemeinsames „capacity building”

Das capacity building zielt darauf ab, die Akteure innerhalb und außerhalb des Forschungssystems mit stets aktuellen, kohärenten und wissensbasierten Entscheidungsgrundlagen zu versorgen (Nachwuchsförderung, lebenslanges Lernen, Öff entlichkeitsarbeit). Um die Forschungseinrichtungen in den drei Infrastrukturbereichen kraftvoll zu unterstützen, soll ein gut ausgestattetes Service-Center eingerichtet werden. Die strategischen Leitlinien für die Infrastrukturbereiche sollen durch drei Arbeitsgruppen erarbeitet werden, in denen die Forschungseinrichtungen vertreten sind. Außerdem sind vier weitere Arbeitsgruppen vorgesehen, um inhaltliche Strategien zu den wichtigsten Themenfeldern zu entwickeln und zu begleiten:

  • Zukunftskonzepte für die Waldbewirtschaftung
  • Extremereignisse und Krisenmanagement
  • holzbasierte Bioökonomie
  • Holz im Bauwesen

Eine Steuerungsgruppe soll den Gesamtprozess leiten, um die Kohärenz der Strategien sicherstellen und die Empfehlungen, die das nationale Zentrum mit Blick auf Ministerien und Forschungsförderer erarbeitet, in den politischen Raum tragen.

„Kräfte bündeln” bedeutet auch, die eigene Souveränität ein wenig einzuschränken, um gemeinsam mit verbindlichen Absprachen größere Ziele erreichen zu können. Die in der Expertengruppe vertretenen Forschungseinrichtungen sind dazu bereit. Nun ist die Politik am Zug.