„Hohe Wildschweindichte begünstigt die Virus-Ausbreitung“

Im Gespräch

Ein Gespräch über die Afrikanische Schweinepest und die Rolle der Jagd.


Die Afrikanische Schweinepest (ASP) breitet sich relativ schnell von Osteuropa her in Richtung Westen aus. Letztes Jahr wurde sie bereits in Tschechien und Zentralpolen festgestellt. Welche Auswirkungen ein gezieltes Jagdmanagement auf die Ausbreitung der Seuche in Deutschland hätte und welche Hürden es gibt, erklärt Frank Tottewitz vom Thünen-Institut für Waldökosysteme.

Welche Bedeutung haben Wildschweine für die Ausbreitung der ASP?

Wildschweine sind für den ASP-Erreger empfänglich. Im Falle eines ASP-Ausbruchs begünstigt eine hohe Wildschweindichte die Ausbreitung des Virus. Daher kann eine deutliche Reduktion der Population das Ausbreitungsrisiko der ASP verringern. Wir stellen für das zurückliegende Jagdjahr wiederholt Spitzenwerte im Abschuss bei fast allen Schalenwildarten fest, auch Wildschweinen – ein Indikator dafür, dass die Populationen deutlich zugenommen haben. Ein Trend, der seit den 1980er Jahren anhält und bei weitem kein deutsches Phänomen ist.

Was sind die Ursachen dafür?

Aus unserer Sicht liegen die Ursachen bei den deutlich verbesserten Äsungs- und Deckungsverhältnissen. Stickstoffeinträge und damit verbesserte Wachstumsbedingungen der Vegetation, geringere Winterverluste durch klimatische Veränderungen und häufigere Baummasten, aber auch die sich verändernden Anbaustrukturen in der Landwirtschaft sind dafür entscheidende Einflussgrößen. Ein wichtiger Grund war auch die Züchtung bitterstofffreier Rapssorten Mitte der 1980er Jahre. Seitdem stand neben Getreide eine Nahrungsquelle zur Verfügung, die für das Wild seinesgleichen sucht. Langjähriger Weizen-, Mais- und Rapsanbau auf oft riesigen Flächen sind für Wildschweine ein Paradies. Das hier verfügbare Futterangebot sorgt dafür, dass nahezu jeder Frischling noch im selben Jahr trächtig wird. Inzwischen gehen wir von jährlichen Reproduktionsraten bis zu 300 Prozent aus.

Warum werden nicht mehr Tiere erlegt?

Jäger werden oft zum Sündenbock für den Anstieg der Wildschweinpopulationen gemacht. Die ständig höheren Abschüsse belegen aber eher das Gegenteil. Das Problem sind große Felder ohne Bejagungsschneisen. Sie bieten den Wildschweinen nicht nur Futter im Überfluss, sondern auch Deckung und damit monatelangen Schutz vor dem Jäger. Viele Bundesländer haben auf diese fatale Situation längst reagiert und die Rahmenbedingungen für die Jagd verbessert. Dennoch ist nirgendwo der Durchbruch zu einer großflächigen Reduktion gelungen.

Bache mit Frischlingen (© Klaus-Herbert Schröter)

Wir können also beim Ausbruch der ASP nichts gegen eine Ausbreitung tun?

In Tschechien brach die ASP vor einem Jahr aus. Das dortige Krisenmanagement hat uns viele Erkenntnisse geliefert und dient heute als Referenz. So wurden unverzüglich konsequent alle Maßnahmen ergriffen, die es im Seuchenfall umzusetzen galt: Abgrenzung und Einzäunung der Hochrisikozone, Festlegung einer Pufferzone, Betretungsverbote, Prämienzahlungen für Fallwildfunde und Abschüsse, Kadaverentsorgung usw. Tschechien konnte dabei allerdings auf eine einheitliche, zentral gesteuerte Verwaltungsstruktur und eine ebenso einheitliche Jagdwirtschaft zurückgreifen.

Lässt sich das auf Deutschland übertragen?

Nur bedingt. Förderale Strukturen und höhere Wildschweinbestände sind eine noch größere Herausforderung. Deshalb ist es längst überfällig, auf der gesamten Fläche bundeslandübergreifende Maßnahmen zu ergreifen, um die Bejagung zu intensivieren. Das bedeutet z. B. Aufhebung von Bejagungsverboten in Schutzgebieten, ganzjährige Jagdzeiten unter Beachtung des Muttertierschutzes, die Nutzung technischer Möglichkeiten wie Schalldämpfer, Lichtquellen, Nachtsichtgeräten und Wärmebildkameras. Auch sachgerecht betriebene Schwarzwildfänge sind eine effektive Möglichkeit störungsarmer Bejagung. Bei allen jagdlichen Maßnahmen muss natürlich der Tierschutz Priorität haben. Vielerorts werden bereits die Jäger finanziell entlastet. Leider ist das ein schwacher Trost, wenn lokal der Wildbret-Absatz nur noch eingeschränkt möglich ist. Ein Grund hierfür sind u. a. falsche Meldungen in Medien, die zur Folge haben, dass die Bevölkerung Wildbret meidet.

Wie kann man den Absatz von Wildbret fördern?

Von vielen Seiten wird proklamiert, dass Deutsche beim Fleischkonsum mehr auf Qualität und Bioprodukte setzen sollten. Insofern ist es umso unverständlicher, dass gegenwärtig ausgerechnet das qualitativ hochwertige heimische Wildbret im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke bleibt, während in Supermärkten Wildfleisch aus Südamerika oder Neuseeland angeboten wird. Hier ist aus unserer Sicht dringender Handlungsbedarf angesagt. Ein zentraler Wildaufkauf oder eine Vermarktungsoffensive könnte dafür ein Lösungsansatz und notwendige Motivation für die Jäger sein.

Ist die Jagd also ein Hoffnungsträger bei der Bekämpfung der ASP?

Nur wenn verschiedene Faktoren zusammenwirken gibt es eine gewisse Chance, effektiv auf die Schwarzwildbestände einzuwirken. Dazu gehören eine großflächige Bejagung auf allen Eigentumsflächen, die Nutzung aller jagdrechtlichen und technischen Möglichkeiten bei der Jagdausübung und eine funktionierende Wildbret-Vermarktung. Eine Garantie, dass die ASP nicht zu uns „überschwappt“, ist die Jagd nicht. Die drastisch negativen Folgen eines ASP-Ausbruchs für die landwirtschaftlichen Betriebe mit Schweinehaltung könnten aber in der Fläche gemildert werden.

Herr Tottewitz, vielen Dank für das Gespräch.