Gesellschaftlich akzeptierte Nutztierhaltung – eine Utopie?

Dossier

Die deutschen Nutztierhalter stecken in einer Zwickmühle, die früher oder später existenzbedrohend wird: Auf der einen Seite sind sie dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt und müssen zu Weltmarktbedingungen produzieren, auf der anderen Seite werden sie als „Massentierhalter“ angeprangert und müssen immer höhere Tierschutz- und Umweltstandards erfüllen.


Gibt es einen Ausweg aus der Krise? Klar ist: Die vermeintlich einfachen Lösungen würden nicht funktionieren. „Billig-Importe an der Außengrenze zurückweisen“ scheitert am EU-Binnenmarkt und den WTO-Bestimmungen. „Auf freiwillige Zahlungsbereitschaft der Verbraucher setzen“ scheitert daran, dass die Verbraucher den Produkten nicht ansehen können, aus welcher Haltung die Nutztiere kamen. Zwar gibt es diverse Label, doch wirkt die aktuelle Label-Vielfalt in ihrer Gesamtheit eher desorientierend. „Die gesetzlichen Vorschriften verschärfen“ wird schon seit längerem betrieben, aber nur halbherzig, weil eine zu starke Verschärfung die Tierhaltung ins Ausland verdrängen würde. „Auf EU-weite Regelungen setzen“ scheitert daran, dass zum Thema Tierwohl in verschiedenen Regionen der EU ganz unterschiedlich bewertet wird.

Und dennoch gibt es Wege, mit denen sich die Entwicklung der deutschen Nutztierhaltung besser in Einklang mit den Wünschen der deutschen Gesellschaft bringen ließe – in dem Sinne, dass diese Entwicklung wieder von einer großen Mehrheit der Bevölkerung gutgeheißen würde. Wie das funktionieren kann, hat die Wissenschaft in den vergangenen Jahren herausgearbeitet. Die wichtigsten Etappen werden im Folgenden nachgezeichnet, und die jeweiligen Ergebnisse stehen zum Download bereit.

Analysen aus der „Agrarwende“-Zeit (2001)

Wie kann es bei offenen Außengrenzen gelingen, die nationale Tierhaltung vom „globalen Mainstream“ abzuheben und stärker auf die gesellschaftlichen Erwartungen auszurichten? Diese Frage wurde von der Bundesforschung bereits adressiert, als Bundesministerin Renate Künast 2001 die Agrarwende propagierte. Die damals publizierten Lösungsvorschläge gelten noch heute. Zwei Publikationen aus der damaligen Zeit werden hier noch einmal zum Download bereitgestellt. Dies auch deshalb, weil der Wissenschaft in jüngster Zeit immer wieder vorgehalten wurde, sie habe erst der Liberalisierung das Wort geredet und vollziehe „jetzt plötzlich“ einen Kurswechsel bezüglich der Nutztierhaltung. Das entspricht nicht der Wahrheit.

Isermeyer F (2001) Die Agrarwende: Was kann die Politik tun? Braunschweig

Isermeyer F, Schrader L (2003) Politik: Wer bezahlt den Tierschutz? Landbauforschung Völkenrode Sonderheft 262:151-174

Die DAFA-Nutztierstrategie

Die Deutsche Agrarforschungs-Allianz (DAFA) hat 2012 eine Forschungsstrategie verabschiedet. Darin wird gezeigt, welche Forschungsarbeiten benötigt werden, um das Kernziel „messbare Verbesserung der deutschen Nutztierhaltung (in Bezug auf die gesellschaftlichen Erwartungen)“ zu erreichen. Die konsequente Zielorientierung dieser Strategie führte zu dem (damals überraschenden) Ergebnis, dass die Forschung sich nicht allein auf die „klassischen“ Forschungsfelder Tierzucht, Tierhaltung usw. beschränken darf, sondern den Bogen weiter spannen muss. Beispielsweise: Wie lassen sich die gesellschaftlichen Erwartungen an die Nutztierhaltung konkret erfassen? Wie müsste ein Indikator-basiertes Monitoring gestaltet werden? Wie sollte die Politik mit der regionalen Konzentration der Nutztierhaltung umgehen? Die Strategie wurde nicht als einmaliges Ereignis konzipiert, sondern als kontinuierlicher gemein­schaftlicher Lernprozess. Mit Unterstützung des BMEL werden 20 Clustersprecher aus ganz Deutschland ab 2016 die Erkenntnisfortschritte der Wissenschaft regelmäßig auswerten und daraus Schlussfolgerungen für die künftige Forschungsförderung ableiten.

DAFA (2012) Fachforum Nutztiere: Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft – gemeinsam für eine bessere Tierhaltung; Strategie der Deutschen Agrarforschungsallianz. Braunschweig

Das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim BMEL hat im März 2015 sein Gutachten „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ veröffentlicht. Das Gutachten bietet eine umfassende Aufarbeitung aller Aspekte dieses sehr breiten Themas. Der Bogen wird von der gesellschaftlichen Wahrnehmung über das Konsumentenverhalten, die verschiedenen Problemfelder (Tierschutz, Umweltschutz usw.) bis hin zu den verschiedenen Lösungsmöglichkeiten geschlagen. Bei den Lösungsmöglichkeiten wird ein besonderes Augenmerk auf die Frage der Finanzierung gelegt. Der Finanzbedarf für die Umsetzung der vorgeschlagenen Leitlinien wird auf eine Größenordnung von 3 bis 5 Mrd. Euro pro Jahr geschätzt, entsprechend einer Erhöhung der einschlägigen Verbraucherpreise in der Größenordnung von 3 bis 6 Prozent. Das Gutachten mündet in zahlreichen Empfehlungen (Sofort- und Mittelfristmaßnahmen), die an verschiedene Akteure gerichtet sind (EU, Bund, Länder sowie Wirtschaft).

Wissenschaftlicher Beirat Agrarpolitik beim BMEL (2015): Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung. Gutachten. Berlin

Plädoyer für eine nationale Nutztierstrategie

Thünen-Präsident Isermeyer hat in den Jahren 2014, 2015 und 2016 drei Publikationen vorgelegt, in denen er die Notwendigkeit einer nationalen Nutztierstrategie darlegt. Die erste Publikation (2014) verfolgt zwei Schwerpunkte: Zum einen werden die vielfältigen Aktivitäten sortiert, die Politik und Wirtschaft bereits ergriffen haben. Ergebnis: Sie sind nicht untereinander abgestimmt, teilweise können sie sich sogar gegenseitig behindern. Zum anderen wird angeregt, eine Nutztierstrategie nicht nur auf das Thema „Tierwohl“ auszurichten, sondern alle Aspekte einzubeziehen, die in der gesellschaftlichen Debatte um die „Massentierhaltung“ eine Rolle spielen.

In den späteren Publikationen werden schrittweise die Kernelemente einer Nutztierstrategie herausgearbeitet. Es wird deutlich, dass der Bund hier die Hauptrolle spielen müsste und dass eine Grundsatzentscheidung bezüglich der Finanzierung erforderlich ist. Eine Finanzierungsoption sind Steuermittel; in diesem Fall würde Fleisch für die Verbraucher billig bleiben, und die Landwirte erhielten vom Staat ein zweites Einkommen für ihre Dienstleitung „Tierwohl“. Bei der anderen Option (Finanzierung durch die Verbraucher) fiele dem Staat vor allem die Aufgabe zu, durch eine Deklaration der gesellschaftlich erwünschten Haltungsverfahren Orientierung zu schaffen und dem Handel nahezulegen, sein Sortiment schrittweise auf die hochwertigen Erzeugnisse auszurichten.  

Isermeyer F (2014) Plädoyer für eine nationale Nutztier-Strategie. Agra Europe (Bonn)(41):1-15

Isermeyer F (2015) Plädoyer für eine nationale Nutztier-Strategie:Wie kommen moderne Landwirtschaft und Gesellschaft wieder zueinander? Agra-Europe (Bonn) (36):1-4

Isermeyer F (2016) Landwirtschaft im Spannungsfeld zwischen Weltmarkt und kritischer Bevölkerung. Agra Europe (Bonn)(8):1-5

Isermeyer F (2016) Das aktuelle Interview : „Wir brauchen eine Nutztierstrategie". Top Agrar(4):14-15