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  • M.A. Lina-Marie Huber
  • Dr. Tobias Lasner
Beteiligte Institute

Covid-19: Auswirkungen der Pandemie auf die deutsche Aquakultur

Expertise

Auch im Frühjahr 2021 hält die weltweite Pandemie des Coronavirus SARS-CoV-2 an. Das Pandemiegeschehen selbst und die ergriffenen Eindämmungsmaßnahmen der Regierung unterliegen weiterhin einer hohen Dynamik. Wie sich diese Maßnahmen auf den deutschen Aquakultursektor auswirken, wurde im Frühjahr 2020 in Interviews mit Branchenexpertinnen und -experten thematisiert. Für die Analyse haben wir auch Stellungnahmen von Interessensvertetungen der Branche ausgewertet.

Aufbauend auf den gewonnenen Erkenntnissen haben wir im Winter 2020 zusätzlich eine standardisierte Umfrage unter zufällig ausgewählten deutschen Aquakulturbetrieben durchgeführt. Deren Antworten geben einen Einblick, wie sich die Absätze der deutschen Aquakultur im Jahr 2020 verändert haben (vgl. Abb. 1):

Abb. 1: Absatzänderungen unter Covid-19 im Jahr 2020 in Prozent

Fast die Hälfte aller befragten Betriebe (46%) verzeichnete Absatzeinbußen im Vergleich zum Vorjahr. Während 39 Prozent der Betriebe von keinerlei Auswirkungen der Pandemie auf ihre Umsätze berichteten, konnten lediglich 15 Prozent der Befragten 2020 ihre Umsätze im Vergleich zu 2019 steigern. Dabei durchlebten die einzelnen Sparten der deutschen Aquakultur die Pandemie durchaus unterschiedlich.

Krise der Gastronomie trifft die Karpfenteich-Wirtschaft

Die Mehrheit der Karpfenproduzentinnen und -produzenten (53%) gab für 2020 durch die Pandemie bedingte Umsatzverluste an. Diese Verluste beliefen sich im Durchschnitt auf 28 Prozent im Vergleich zu 2019. Nur 3 der 51 befragten Karpfenbetriebe konnten ihre Umsätze 2020 steigern. 16 Prozent der Karpfenteich-Betriebe gaben an, ihre Direktvermarktung während der Pandemie ausgebaut zu haben.

Zugleich stimmten 82 Prozent der Karpfenteich-Betriebe der Aussage zu, dass sich die Krise der Gastronomie während der Pandemie negativ auf ihre Absätze 2020 ausgewirkt hat. Im Rahmen der qualitativen Experten-Interviews zeichneten sich allerdings regionale und saisonale Unterschiede ab:

Im Karpfenland Aischgrund in Bayern beispielsweise bot die Fischgastronomie während der wichtigen Ostersaison den „Karpfen to go“ an. So konnten totale Einbußen zwar verhindert, Verluste jedoch nur in Teilen ausgeglichen werden. Denn aufgrund der unsicheren Verkaufssituation wurden manche Teiche im Frühjahr 2020 gar nicht erst abgefischt. Umgekehrt gab es laut der Befragten pandemiebedingt im Winter weniger Karpfenimporte aus Tschechien und Polen, was sich positiv auf die Preisentwicklung zum Ende des Jahres für Betriebe in Sachsen auswirkte.

Forellenzucht: Direktvermarktung federt Umsatzeinbußen ab

Fast die Hälfte der Forellenbetriebe (44%) erlebte 2020 pandemiebedingte Umsatzeinbußen – durchschnittlich minus 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gleichzeitig stimmten 72 Prozent der Aussage zu, dass die geschlossene beziehungsweise eingeschränkte Gastronomie negative Folgen für ihre Umsätze hatte.

Auf der anderen Seite verzeichnete mehr als ein Fünftel der befragten Forellenbetriebe 2020 Umsatzsteigerungen – durchschnittlich um plus 15 Prozent im Vergleich zu 2019. Darüber hinaus gaben 44 Prozent der Forellenbetriebe an, dass sie während der Pandemie ihre Direktvermarktung ausbauen konnten.

Auch in den Experten-Interviews wurde betont, dass die vorhandenen Direktvermarktungsstrukturen zur Abfederung pandemiebedingter Umsatzeinbußen beigetragen haben. In einzelnen Fällen wurden die Umsätze aus den Vorjahren sogar übertroffen.

Die sonst im internationalen Wettbewerb oft als Schwäche ausgelegte Kleinteiligkeit der deutschen Binnenaquakultur wurde während der Pandemie mitunter als Stärke wahrgenommen. Diese Einschätzung wurde von den befragten Fischproduzenten geteilt: 46 Prozent aller Befragten stimmten der Einschätzung zu, dass die Direktvermarktung eine zentrale Rolle in der Krisenbewältigung einnimmt.

Muscheln: Weniger Absatz, aber außergewöhnlich hohe Preise

Die deutsche Muschelwirtschaft konnte im dritten und vierten Quartal 2020 von außergewöhnlich hohen Preisen für Miesmuscheln profitieren. So vermeldeten vier von fünf befragten Betrieben, dass sie 2020 ihren Umsatz um durchschnittlich 70 Prozent gegenüber 2019 steigern konnten.

Die hohen Preise sind das Ergebnis eines Nachfrageüberhangs, der kritisch zu betrachten ist. Zwar unterliegen die Anlandungen der Muschelwirtschaft von Natur aus großen Schwankungen, 2020 wurden vor allem aber wegen der Pandemie weniger Muscheln angeboten. Dies war auch in Niedersachsen der Fall: Die Muschelbetriebe dort wurden 2020 erheblich in ihrem Produktionsablauf gestört.

Vor dem Verkauf werden die niedersächsischen Muscheln im Frühjahr von Überwinterungsparzellen auf Verkaufskulturen umgelagert. Hier erhalten sie unter günstigen Bedingungen einen letzten Wachstumsschub, bevor ab Juli der Verkauf startet. Die vor Stürmen relativ ungeschützten Verkaufskulturen sind aber nicht für eine längere Lagerung geeignet. Da Abstandsregelungen an Bord schwer umzusetzen sind, waren die Muschelkutter im Frühjahr nur bedingt einsatzbereit. Zusätzlich wurden Restaurants, die Hauptabnehmer der deutschen Muscheln, geschlossen. Vor dem Hintergrund dieser unsicheren Verkaufssituation und der Unabwägbarkeit der weiteren Entwicklung wurden 2020 viel weniger Muscheln auf Verkaufskulturen umgesiedelt als eigentlich möglich gewesen wäre.

Niedersächsische Betriebe waren von den negativen Folgen stärker als die Muschelwirtschaft in Schleswig-Holstein betroffen, da sie seit Jahren deutlich geringere Ernten verzeichnen und wirtschaftlich schlechter aufgestellt sind. Die schleswig-holsteinischen Betriebe konnten aufgrund der günstigeren Umweltbedingungen in der mittleren Nordsee ihre Muschelernte 2019/2020 früher verkaufen.

Nichtsdestotrotz werden sich die finanziellen Auswirkungen der Pandemie auf die Branche, die stark vom Absatz an die Gastronomie abhängt, erst 2021 zeigen. In 2020 zurückgehaltene Muschelkulturen müssen erneut überwintern. Damit ist das Risiko verbunden, durch Stürme und andere Umwelteinwirkungen hohe Verluste zu erleiden.

Sowohl in den Interviews als auch in der Umfrage wurde mehrfach betont, dass es nicht die Covid-19-Pandemie sei, die den deutschen Aquakultursektor unter Druck setze. Die Krise verschärfe vorhandene Probleme, die zum Teil bereits seit Jahren bestehen. Als Probleme wurden unter anderem Fischverluste durch geschützte Prädatoren, Klimawandel (vor allem Wassermangel und Hitze), Nachwuchsmangel, Investitionsstaus und bürokratische Rahmenbedingungen benannt.