„Bioökonomie“: Alter Wein in neuen Schläuchen?

Im Gespräch

Interview mit Prof. Dr. Folkhard Isermeyer

Folkhard Isermeyer ist Präsident des Thünen-Instituts und Mitglied im Bioökonomierat


„Bioökonomie  ist die wissensbasierte Erzeugung und Nutzung biologischer Ressourcen, um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsfähigen Wirtschaftssystems bereitzustellen.“
(Definition des Bioökonomierat)


Das Bild zeigt Professor Isermeyer

Schauen wir auf die Definition des Begriffs „Bioökonomie“: Ist das nicht genau das, was Bauern, Förster, Jäger und Fischer sowie all jene, die deren Produkte verarbeiten, schon seit Jahrhun­derten machen?

Eigentlich schon. Seit Menschengedenken nutzen die Menschen Felder, Wälder und Meere, um sich mit Nahrung, Energie, Kleidung, Bauwerken usw. zu versorgen. Und ich würde den meisten Menschen auch zugutehalten, dass sie dabei wissensbasiert vorgegangen sind.

Also alter Wein in neuen Schläuchen?

Nicht ganz, denn die künftigen Herausforderungen für die biobasierte Wirtschaft werden viel, viel größer sein als in den vergangenen Jahrhunderten. Die Weltwirtschaft hat ihre Produktion, ihren Materialverbrauch und ihren Energieverbrauch inzwischen mehr als verzehn­facht, und diese Entwicklung vollzog sich größtenteils auf Basis fossiler Ressourcen, war also nicht nachhaltig. Nun stehen wir vor der gewaltigen Aufgabe, diese riesig angewachsene  Weltwirtschaft im nächsten Jahrhundert irgendwie auf erneuerbare Ressourcen umzustellen. Allein durch eine Rückbesinnung auf Konzepte des 18. Jahrhunderts wird das nicht zu leisten sein. Die Bioökonomie der Zukunft muss also erst noch ent­wickelt werden.

Aber warum sprechen Sie von Bioökonomie und nicht einfach von Land- und Forstwirtschaft?

Da kann ich Ihnen zwei unterschiedliche Antworten geben. Zunächst eine inhaltliche Antwort: Die biobasierte Wirtschaft umfasst deutlich mehr als nur die Land- und Forst­wirt­schaft in ihren klassischen Grenzen. Es geht darum, die Produktion von Nahrungs­mitteln, Industriegrundstoffen und Energie optimal zu verzahnen und dabei das Primat der Nachhaltigkeit zu beachten.

Und die andere Antwort?

Na ja, bei einer Namensgebung geht es auch immer um das Image, das man erlangen möchte. Im Wett­bewerb um öffentliches Ansehen und öffentliche Mittel haben Agrar- und Forstwis­sen­schaftler immer damit zu kämpfen, dass sie tendenziell als rückständig eingestuft werden. Überspitzt: Warum müssen wir deutsche Steuergelder ausgeben, damit sich Forscher immer noch mit längst erforschten Themen wie Kartoffeln oder Kuhmilch beschäftigen? Eigentlich irre, wenn man es genau bedenkt, aber eben doch traurige Realität. Vermutlich hat das tief sitzende Wurzeln, die in unserer Schicki-Micki-Gesellschaft nicht leicht zu beseitigen sind und durch „Bauer sucht Frau“-Formate immer wieder perpetuiert werden. 

Halten Sie denn den Begriff „Bioökonomie“ für rundum gelungen?

Das hängt davon ab, mit wem wir sprechen. In der allgemeinen Forschungslandschaft bekommen viele Kollegen glänzende Augen, auch jene, die sich ansonsten eher über die rückständigen Gummi­stiefel-Forscher mokieren. Ich persönlich fremdele aber immer noch etwas mit dem Begriff, aus verschiedenen Gründen: Erstens hat er in Deutschland gleich zu Beginn einige Schrammen abbekommen, weil der Bioökonomierat zunächst als fünfte Kolonne der grünen Gentechnik kommuniziert wurde. Wir arbeiten daran, das wieder geradezurücken. Zweitens ist der Begriff doppeldeutig, weil manche Menschen unter Bioökonomie ein Wissensgebiet verstehen, andere einen Wirtschafts­sektor. Das schafft immer wieder Verwirrung. Und drittens habe ich den Eindruck, dass manche Menschen der „Bioökonomie“ allein schon deshalb skeptisch begegnen, weil ihnen dieser Begriff das diffuse Gefühl vermittelt, jetzt wolle sich die „kaltherzige Ökonomie“ auch noch der „guten Mutter Natur“ bemächtigen. Aber vielleicht sehe ich da ja auch Gespenster.

Was wäre denn Ihr Favorit für die Namensgebung?

Biobasierte Wirtschaft, ganz klar. Dieser Begriff macht deutlich, wo die wesentliche Herausforderung liegt: Die Weltwirtschaft ist derzeit nicht nachhaltig, und deshalb muss sie schrittweise auf regenerative, bio­basierte Rohstoffe umgestellt werden.

Ein Rapsfeld und dahinter ein Elektrizitäts-Umspannwerk

Führt das aber nicht geradewegs zur Forderung nach mehr Bioenergie, der Sie ansonsten doch eher kritisch gegen­überstehen?

Nur wenn man es falsch anpackt. Es wäre tatsächlich unver­nünftig, eine nicht-nachhaltige Wirtschaftsform durch eine andere Wirtschaftsform zu ersetzen, die sich dann ebenfalls als nicht nachhaltig erweist. Der Energiebedarf der Welt ist viel zu groß, als dass man ihn durch Bioenergie decken könnte. Dazu haben wir nicht genügend produktive Flächen auf unserem Globus. 

Wie soll der Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft denn sonst gelingen?

Es gibt für mich keinen Zweifel, dass Wind- und Solarenergie im Zentrum der postfossilen Energiewirtschaft stehen werden. Wie das genau aussieht, wird sich zeigen. Ausgangspunkt jeder Strategie sollte aber die Erkenntnis sein, dass Energie auf unserem Planeten grundsätzlich nicht knapp ist. Die Sonne gibt uns jedes Jahr tausendfach mehr davon, als wir benötigen, und unsere Aufgabe besteht lediglich darin, uns schrittweise einen möglichst effizienten, nachhaltigen Zugang zu dieser Energiequelle zu erschließen. 

Und wie sollen uns Wind und Sonne die gute Stube wärmen, wenn Flaute herrscht und es abends dunkel wird?

Eine Photovoltaik-Anlage auf einem Dach

Um das solare Zeitalter Wirklichkeit werden zu lassen, müssen wir in ein Netz von Stromleitungen investieren, welches auch einen verlustarmen Langstreckentransport ermöglicht. Dieses Netz wird für die künftige Energieversorgung doppelt wichtig sein: Erstens schafft es die Möglichkeit, einen tempo­rären regionalen Energie­mangel durch Energie­transport über große Distanzen hinweg auszugleichen. Und zweitens ist es einfach ressourcen­schonender, die Energie dort zu „ernten“, wo die Sonne besonders kräftig scheint oder der Wind besonders stark weht. Und keine Sorge – Ihre Stube werden Sie auch nachts warm bekommen. Im Stromnetz des postfossilen Zeitalters sind ja zig Millionen dezentrale Energiespeicher miteinander verbunden, die alle mithelfen, kurzfristige Schwankungen auszugleichen. Und außerdem sind die Großprojekte der Solarenergie in sonnenreichen Ländern mit Vor-Ort-Speichern ausgestattet, so dass sie rund um die Uhr Strom liefern können. 

Also kein Loblied auf unsere regionalen Energieversorgungskonzepte?

Teils, teils. In vielen ländlichen Regionen gibt es bereits integrierte Versorgungskonzepte, und die können sehr sinnvoll sein. Das gleiche gilt für die energetische Nachnutzung von biogenen Stoffen, die zunächst als Grundstoff für Handwerk und Industrie gedient haben. Wir müssen uns aber immer wieder klar machen, dass Konzepte auf Basis von Bioenergie nur einen Bruchteil des gesamten deutschen Energiebedarfs zu decken vermögen. Deshalb meine ich: Wenn wir die Energiewende im Großen voranbringen wollen, sollten wir die Vorzüge der interregionalen und internationalen Arbeitsteilung nutzen.  Wie schätzen Sie die Zukunft biogener Industriegrundstoffe ein: Eher regional oder eher multinational? Auch dort wird es wahrscheinlich eine Koexistenz unterschiedlicher Konzepte geben. Wir können das ja gegenwärtig schon beobachten; denken Sie nur an die derzeitigen Strukturen in der Holz­wirt­schaft oder bei der industriellen Verwendung von Stärke, Zucker oder Ölen. Wenn eines Tages der Ersatz von Erdöl in der petrochemischen Industrie auf der Tagesordnung steht, dann ist es meines Erachtens wahrscheinlich, dass hier einige wenige Plattformchemikalien das Rennen machen, beispiels­weise Ethanol. Diese würden dann anstelle von Erdölprodukten in die Chemiefabriken eingespeist, und an der großtechnologischen Grundstruktur dieser Industrie würde sich in diesem Szenario wohl nur wenig ändern.

Wo sehen Sie im Bereich Bioökonomie die wichtigsten Herausforderungen für die deutsche Politik?

Ich sehe hier zwei wesentliche Herausforderungen, die ganz unterschiedliche Maßnahmen erfordern. Zum einen geht es um unsere nationale Wettbewerbsfähigkeit, also einfach ausgedrückt um die Frage, wie sich die „Deutschland-AG“ in einer bioökonomisch geprägten Weltwirtschaft bestmöglich positionieren sollte. Welche Industrien bzw. Technologien passen gut zu uns, wo und wie sollten wir Gas geben, und welche Aktivitäten sollten wir besser anderen überlassen? Die zweite Herausforderung betrifft „global governance“, also die Frage, wie die internationalen Regelwerke weiterentwickelt werden müssen, damit die sich ausbreitende Bioökonomie unseren Planeten sowie seine Bewohner nicht überfordert. Das ist natürlich nicht nur eine deutsche Aufgabe, aber wir sehen uns als Teil einer internationalen Verantwor­tungsgemeinschaft. Konkret geht es hier um höchst komplizierte Angelegenheiten, etwa um die optimale Gestaltung der Eigentumsrechte an biologischen Substanzen oder um wirksame Konzepte gegen die globale Entwaldung.

Das Bild zeigt Professor Isermeyer

Wie gut ist die deutsche Forschungspolitik aufgestellt, um solche Fragen zu lösen?

Schlecht. Zwar ist es schön, dass nun viele Akteure in Bund und Ländern auf den Bioökonomiezug aufspringen, aber die altbekannten Probleme unserer Forschungspolitik bleiben ja ungelöst. Das heißt: Es gibt keine vernünftige Strategie, es wird auch nicht solide in den Aufbau einer solchen Strategie investiert. Stattdessen orientiert sich die Forschungs­förderung am üblichen Themen-Dropping und -Hopping, wo dann jeder seine Projekte unter die jeweils aktuellen Schlagworte einzusortieren versucht. Die Hauptursache für all diese Probleme sehe ich in der überzogenen Ökonomisierung der Forschung – vielleicht lässt es ja den einen oder anderen aufhorchen, wenn ausgerechnet ein Ökonom das so sagt.

Haben Sie einen Lösungsvorschlag?

Einige, aber es würde zu weit führen, das hier im Einzelnen aufzudröseln. Wir haben es mit einem System­problem zu tun, auf das der Dachverband Agrarforschung, die Deutsche Agrarforschungs­allianz und auch der Bioökonomierat seit langem hinweisen. Es geht um Grundsatzfragen zur Forschungsstruktur und zu den Anreizmechanismen. Die Literatur, in denen die Fehlentwicklungen beklagt werden, reicht bis ins letzte Jahrhundert zurück. Wichtigste Voraussetzung für eine Lösung wäre wohl, dass die verantwortlichen Ministerinnen und Minister das Problem in seiner ganzen Tragweite überhaupt erst einmal an sich heranlassen und es nicht gleich wieder an Referenten in ihren Häusern delegieren, damit diese dann irgendwelche Scheinlösungen (Koordinationsgremien oder ähnliches) ausarbeiten.

Wie positioniert sich das Thünen-Institut im Forschungsfeld Bioökonomie?

Wir sind in der Ressortforschung des BMEL für die nachhaltige Nutzung von Feldern, Wäldern und Meeren zuständig, also im Herzen der Bioökonomie tätig. Weltweit gibt es schätzungsweise mehr als 100.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die hier ebenfalls Beiträge leisten. Deshalb positionieren wir uns mit unseren 180 Wissenschaftler-Planstellen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik, und hier versuchen wir, unsere technologische, ökologische und ökonomische Kompetenz so zu einzusetzen, dass politisch verwertbare Lösungskonzepte herauskommen. Eine wichtige Aufgabe ist für uns auch das langfristige Monitoring. Nur wenn wir solide messen können, wo Deutschland und die Welt Fortschritte machen und wo nicht, können wir Politikkonzepte fortlaufend verbessern.      


Quelle: Thünen-Institut, Oktober 2014 (PDF Download)