Orientierungshilfen durch das Thünen-Institut

Hintergrund

In ihrem Arbeitsbericht „Thesen zur Bioenergie-Politik in Deutschland“ konnten Iser­mey­er und Zimmer bereits 2006 zeigen, dass der damals eingeschlagene Politikkurs schwerwie­gende Mängel aufwies und nicht durchzuhalten war. Ihre Forderung, einen kleinen Teil der För­dermittel einzube­hal­ten und lieber für die Ausarbeitung einer Strategie zu verwenden, wurde nicht aufge­griffen. Die grundlegenden Leitgedanken zur Bioenergie, die der Bericht damals legte, sind auch heute noch von bedrückender Aktualität.

Im Jahr 2007 legte der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim BMEL das Gutachten „Nut­zung von Biomasse zur Energiegewinnung – Empfehlungen an die Politik“ vor. In die Analyse flossen umfangreiche Berechnungen des Thünen-Instituts (bzw. FAL, BFH) ein. Wichtige Ergeb­­nisse: Die Bioenergie-Linien unterscheiden sich massiv in ihrer Eignung für den Klimaschutz. Da die Politik bisher vor allem die weniger geeigneten Linien fördert, nutzt sie die Potenziale der Bio­ener­gie nicht. Bioenergielinien, die knappes Ackerland benötigen, werden im Wettbewerb mit Wind und Solar künftig weiter zurückfallen. Die Problematik des indirekten Landnutzungswandels lässt sich mit Zertifizierungssystemen nicht in den Griff bekommen. Solar- und Windenergie wer­den langfristig reichlich verfügbar sein, und die Nutzungskonzepte sollten von vornherein interre­gio­nale und internationale Arbeitsteilung einschließen. Gemessen an diesen Potenzialen sind die Potenziale der Bioenergie sehr gering. Die Politik sollte daher eine grundlegende Kurskorrektur vornehmen. In dem Beitrag „Streit um Bioenergie – was steckt dahinter?“ für das populärwissenschaftliche Magazin ForschungsReport hat Isermeyer 2009 die Thematik fokussiert dargestellt.

Schaubild Bioenergie in Deutschland
Der Anteil der erneuerbaren Energie in Deutschland (2013), aufgeteilt in die einzelnen Sparten (© Isermeyer)

Im Jahr 2011 erarbeitete der Beirat, wiederum unter Federführung des Thünen-Instituts, die Stel­lung­nahme „Förderung der Biogaserzeugung durch das EEG“. Darin wurde zum einen die grundlegende Ausgestaltung des EEG als nicht mehr zeitgemäß kritisiert, zum anderen wurden verschiedene Wirkungen der Biogas-Förde­rung diskutiert. Die Suche nach einer verbesserten Ausrichtung der Biogasförderung (z. B. Schwerpunkt auf Gaseinspeisung, auf Ackerbaugebiete, etc.) blieb weitgehend erfolglos. Allenfalls die Kon­zen­tration auf reine „Gülleanlagen“ wäre emp­fehlenswert, aber nur, wenn Masseanteile von über 95% vorgeschrieben würden. Dem oft zu hörenden Argument, Biogas-Strom werde zum Ausgleich von Angebotsschwankungen der Solar- und Windenergie benötigt, wurde widersprochen: Da die Biogas-Mengen auf Jahrzehnte hinaus bei weiten nicht ausreichen, um Erdgas komplett zu verdrängen, ist es wahrscheinlich kostengün­stiger, zum Ausgleich von Lastschwankungen Erdgas- anstelle von Biogaskraftwerke zu nutzen.

Eine eingehende Analyse der Wirkungen, die die Biogas-Förderung des EEG 2009 und des EEG 2012 auf die deutsche Landwirtschaft hat, finden sich in den Arbeiten von de Witte (2012) und Gömann et al. (2013). Die Analysen zeigten, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Nutztierhaltung teilweise negativ (z.B. Milchvieh) und teilweise positiv (z.B. Hähnchen) beein­flusst wird, wobei es große regionale Unterschiede gibt. Die Problematik der regionalen Nährstoff­überschüsse wurde durch die Biogas-Politik verschärft.

Um das international verfügbare Potenzial an „überschüssigen“ Flächen abzuschätzen, die jen­seits der Nahrungsmittelproduktion für die Bioenergie einsetzbar wären, haben Dauber et al. (2012) die verschiedenen Landtypen kategorisiert und den in der Literatur verfügbaren Wissensstand zu den globalen Land- und Energiepotenzialen zusammengetragen. Die meisten Studien legen den Schluss nahe, dass der Beitrag der Bioenergie zur globalen Energieversorgung voraussichtlich gering bleiben wird, doch zeigt sich in der Gesamtschau auch eine große Spann­breite der Einschätzungen, nicht zuletzt verursacht durch eine insgesamt unzureichende Daten­grundlage.

Unter dem Titel „Dilemma zwischen Energie- und Nahrungspflanzen?“ hat Isermeyer (2013) eine Synopse vorgelegt, die die Bioenergie-Problematik sowohl in den agrarwirtschaftlichen als auch in den energiewirtschaftlichen Kontext eingeordnet. Bei hohen Erdölpreisen wäre, selbst wenn die Politik jegliche För­de­rung stoppen würde, mittelfristig eine globale Expansion der Bioenergie wahrscheinlich. Auch dies könnte die Leistungsfähigkeit der Weltagrarwirtschaft strapazieren. Die Energiepolitik sollte die Solar- und Windenergie sowie den interregionalen Energieaustausch ins Zentrum stellen. Die Bioenergie sollte auf „Nischen“ ausgerichtet werden, in denen sie volkswir­tschaftlich und umweltpolitisch sinnvoll ist: Integration von Gehölzen in Biodiversitäts- bzw. Klima­schutz­projekte; energetische Nachnutzung von biogenen Industriegrundstoffen; Vergärung flüs­siger Rest- und Abfallstoffe; langfristig eventuell Kraftstoffe für die Luftfahrt. Wenn die Politik diesen Erkenntnissen folgt, wird sich ein Dilemma zwischen Energie- und Nahrungspflanzen vermeiden lassen.

Die Energiewende wird von vielen als Chance für die ländlichen Regionen in Deutschland gesehen. Plankl (2013) untersuchte in einer Studie die regionale Verteilung der Betreiber und Hersteller von Biomasse-/Biogas-, Photovoltaik- und Onshore-Windkraftanlagen, des erneuerbar erzeugten Stroms sowie der EEG-Einspeisevergütungen und -Umlage für das Jahr 2011. Die Ergebnisse zeigen, dass die räumlichen Auswirkungen der Energiewende sehr unterschiedlich sind. Im Durchschnitt waren die EEG-Einspeisevergütungen für erneuerbaren Strom in ländlichen Regionen mit 433 Euro je Einwohner mehr als doppelt so hoch wie in städtischen Regionen mit 92 Euro je Einwohner. Die dünn besiedelten ländlichen Kreise mit weniger als 100 Einwohnern pro km² (z. B. Prignitz, Rottal-Inn) kamen rein rechnerisch sogar auf durchschnittlich 531 Euro je Einwohner, die kreisfreien Großstädte dagegen nur auf 23 Euro je Einwohner.