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in grönländische Gewässer

Expedition

Walther Herwig III, Seetagebuch der 400. Reise

Dauer der Reise: 8. Oktober bis 23. November 2016

Fahrtgebiet: Nordatlantik

Zweck der Reise: Bestandsuntersuchungen an grönländischen Grundfischbeständen und ozeanographisch/klimatologische Untersuchungen. Die gewonnenen Daten dienen als Grundlage für die Entwicklung von verbesserten Management- und Nutzungsstrategien.

Forschungsziele und Karte

Seit 1982 wird die West- und Ostküste von Grönland jährlich nach einem standardisierten Fangprogramm beprobt. Das Untersuchungsgebiet ist in 14 Strata unterteilt. Die jeweils erste Nummer der Strata-Bezeichnungen gibt die geografische Lage an, die zweite Nummer die Fangtiefe (1 = 0-200 Meter; 2 = 201-400 Meter) (© Thünen-Institut)

Das Forschungsprogramm der 400. Reise umfasst fischereibiologische Untersuchungen der grönländischen Kabeljau- und Rotbarschbestände sowie anderer ökologisch wichtiger Grundfischarten. Dies dient als Grundlage für die Entwicklung verbesserter Management- und Nutzungsstrategien.

Bei den ergänzenden biologisch-ozeanographischen Untersuchungen werden Zooplankton-Proben vor Ostgrönland genommen und hydrografische Parameter an ausgewählten Fischereipositionen und Transekten bzw. internationalen Standardpositionen erfasst.

Fahrtleiter: Dr. Heino Fock, Thünen-Institut für Seefischerei

12. Oktober, 9:00 Uhr. Das Wetter bestimmt die Arbeit: Ein schwerer Sturm zwingt uns dazu, den Arbeitsbeginn auf Freitag zu verschieben. Nach einer sehr unruhigen Nacht schieben uns die langen Wellen des Atlantiks hinein in den Schutz der Faxaloi-Bucht vor Reykjavik. Selbst das köstliche Frühstück – heute mit Frühlingstoast und Rührei – kann die müden Geister nur wenig beleben.

Doch von Anfang an: Dem Auslaufen am 8. Oktober mit Schlepperhilfe folgte ein ruhige Fahrt in die deutsche Bucht. Am Tag darauf gab es für alle eine große Sicherheitsübung. Die Passage durch die Nordsee und den Nordatlantik bis Island nutzten wir dazu, uns an das Leben auf See zu gewöhnen. Nach und nach werden die Labore für den ersten Arbeitseinsatz vorbereitet.

Die Stimmung an Bord ist hervorragend. Alle warten gespannt auf das Verschwinden der Schlechtwetterfront, damit wir endlich mit den wissenschaftlichen Arbeiten beginnen können. Hurrikan „Matthew“ bleibt dankenswerterweise weiter südlich und lässt uns in Ruhe.

Ein Gruß von allen an alle
Heino Fock, Fahrtleiter

Aurora borealis: Polarlichter in grün bis orange schimmernden Farben über dem Schiff sind der Beweis arktischer Breitengrade – wir sind im Untersuchungsgebiet angekommen und arbeiten.

Kurzer Blick zurück auf die letzten Tage: Bei einem zweiten – nun technischen – Zwischenstopp in Island zur Übernahme eines Ersatzteils nutzten wir den unerwarteten Landgang zu einem Ausflug in die nähere Umgebung  von Reykjavik. Dann ging es nach Westen in Richtung Dohrnbank, einem fischreichen Seegebiet zwischen Island und Grönland. Stürmische Tage und klare Nächte – allerdings fehlen bei mehrheitlich südlichen Winden bislang Eisberge und extreme Kälte, ein Umstand, der das Arbeiten einfacher macht. Die ersten Hols im vom Irmingerstrom beeinflussten Wasser an der Dohrnbank liefern gute Ergebnisse für Kabeljau. Weiter westlich bestätigen die ersten Hols am ostgrönländischen Schelf allerdings den negativen Trend für den Tiefsee-Rotbarsch.

Die nächsten Tage wird ein neuerliches Tief das Wetter bestimmen. Wir hoffen trotzdem, dass wir die Arbeiten wie geplant fortsetzen können.

Sturm behinderte die Arbeiten während der letzten Tage; Gelegenheit, einige Fahrtteilnehmer näher kennenzulernen. Für Paulina Urban, Angela Stippkugel und Nicole Smialek die erste Fahrt auf der Walther Herwig III und nach Grönland.

„Wir staunten nicht schlecht als der erste Hol vor uns auf den Tischen lag: Riesen-Kabeljau und 60-jähriger Rotbarsch. Neben der Fischfauna begeistern uns regelmäßig Naturphänomene wie Polarlichter und Schneegestöber. Nach drei Wochen ist die gesamte Crew ein eingespieltes Team: Netz einholen, Fische sortieren, wiegen, messen, Proben nehmen, eintüten, notieren – die Handgriffe sitzen. Als Frischlinge wurden wir von den erfahrenen Mitfahrern schnell in die Arbeitsabläufe an Bord eingewiesen und konnten von Anfang an tatkräftig mithelfen.    

Aber nun möchten wir uns genauer vorstellen:

Paulina berichtet (© Thünen-Institut)

Paulina, das „Küken":

Ich studiere Biologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. In meiner Bachelorarbeit habe ich mithilfe der Analyse stabiler Isotope von Proteinen die Ernährungsweise des Ostseedorsches untersucht. Der große Anreiz dieser Reise war für mich, bei vergleichenden Messungen an Kabeljau im Atlantik mitzumachen. Die Methode ist mir vertraut, den Fisch kenne ich, dennoch verwirrend war für mich als Neu-Kielerin die deutsche Namensgebung von Gadus morhua: In der Ostsee heißt er Dorsch, im Atlantik Kabeljau.

Angela berichtet (© Thünen-Institut)

Angela, die „Planktonexpertin“:

Ich bin mit von der Partie, weil ich über einen Abschnitt des Forschungsgebietes meine Masterarbeit schreibe. Eigentlich studiere ich Biologische Ozeanographie am Helmholtz-Institut GEOMAR zu Kiel. Für meine Abschlussarbeit arbeite ich mit im „CLIMA“-Projekt des Thünen-Instituts an der Erfassung klimatischer Einflüsse auf das Plankton an der südlichen Ostküste Grönlands.

Die Bezeichnung Plankton beschreibt allgemein alle Organismen im Meer, die sich nicht aktiv gegen die Strömung fortbewegen können. Darunter fallen einzellige Algen, kleine Krebstierchen, aber auch Quallen und Fischlarven. Die weitere Unterteilung in Phyto- und Zooplankton trennt dabei noch einmal die pflanzlichen von den tierischen Arten. Plankton ist eine sehr vielseitige und daher sehr aufregende Gruppe, die die Grundlage des marinen Nahrungsnetzes darstellt.

Warum aber genau untersuche ich nun das Plankton vor Ostgrönland? Vor der Ostküste Grönlands laufen unterschiedliche Wasserströmungen zusammen, die einmal warmes, salzreiches Wasser aus dem Golfstrom einbringen und auf der anderen Seite kaltes, salzärmeres Wasser aus den Polargebieten. Im Sommer kommt durch den Schmelzwassereintrag sogar noch frisches Süßwasser vom Festland Grönlands hinzu. In dem Gebiet, das ich untersuche, wird durch eine besondere Bodentopographie eine stetige Verwirbelung dieser unterschiedlichen Wasserkörper erzeugt. Das schafft eine besonders nährstoffreiche Ausgangssituation für Meereslebewesen. Angefangen bei den einzelligen Algen, die die Nahrungsgrundlage liefern für kleine Krebstierchen, die wiederum die Grundlage bieten für größere Meerestiere wie dem Kabeljau, der auf dieser Fahrt hauptsächlich untersucht wird, ist auf der „Kleinen Bank“, wie das Gebiet heißt, jede Menge los.

Nicole berichtet (© Thünen-Institut)

Nicole, die „Hydroakustikerin“:

Zurzeit schreibe ich meine Masterarbeit in Hamburg am Institut für Hydrobiologie und Fischereiwissenschaft in Zusammenarbeit mit der Universität Aarhus in Dänemark. Schwerpunkt ist die Hydroakustik. Ich untersuche die räumliche und zeitliche Verteilung von Fischen und Schweinswalen in der Nordsee und deren Gebietsüberschneidungen, um Schutzkonzepte in Bezug auf Offshore-Windkraftanlagen daraus abzuleiten.

Als Hamburger Studentin vis-à-vis vom Thünen-Institut konnte ich die großartige Möglichkeit wahrnehmen, meiner Leidenschaft für die ökologische Freilandforschung weiter nachzugehen – und das vor der aufregenden Naturkulisse Grönlands: Wann und wo kann man sonst bei der Arbeit Nordlichter bestaunen?

Moinsen ! Eure Paulina, Angela und Nicole"

Doktorand Karl-Michael Werner (© Thünen-Institut)

Stürmisches Wetter behindert weiterhin unsere Forschungsfahrt. Vor Südost-Grönland kommen noch Eisberge hinzu – schwere Arbeit für die Wachgänger. Sie müssen bei eingeschränkter Sicht nach Eisschollen und abgeplatzten Eisbergstücken, sog. Grawlern, Ausschau zu halten, die die Sicherheit des Schiffes gefährden könnten. Der Stationsplan zeigt, dass wir gerade Ostgrönland abgearbeitet haben. Zahlreiche Proben konnten genommen werden, so auch für die Doktorarbeit von Karl-Michael Werner vom Thünen-Institut für Seefischerei. Er schreibt:

„Wie verändert die Klimaerwärmung das Beutespektrum des Grönland-Kabeljaus? Mit Probefängen und kommerziellen Fangdaten ist es die Aufgabe von uns Fischereibiologen, Bestandsgrößen von ökonomisch relevanten Fischarten abzuschätzen. Von der Fischbiomasse einer Art in einer uns bekannten Fläche leiten wir die gesamte Biomasse dieser Art in einem weitaus größeren Gebiet ab. Fischbestände unterliegen starken Schwankungen, die sowohl von uns Menschen als auch von der Natur verursacht werden.

Rund um Grönland lebt der Kabeljau in einem seiner nördlichsten Verbreitungsgebiete. Dort werden durch die Klimaerwärmung besonders drastische Veränderungen erwartet. Ein leichter Anstieg der Temperatur verändert das Vorkommen von Plankton, das die Grundlage des Nahrungsnetzes bildet. In diesem Nahrungsnetz greifen die einzelnen Komponenten wie Zahnräder ineinander; Änderungen am Fuß der Nahrungspyramide werden weitergetragen bis an die Spitze, wo der Kabeljau als großer Raubfisch steht. Diese Änderungen innerhalb des Nahrungsnetzes beeinflussen das Nahrungsangebot vom Kabeljau. Die Nahrungsaufnahme wiederum hat großen Einfluss auf den Zustand und die Fitness des Individuums. Und ob ein Fisch gut oder schlecht genährt ist, kann maßgeblich sein Verhalten und Reproduktionspotential beeinflussen. Es scheint plausibel, dass in den Eierstöcken eines unterernährten Weibchens weniger und kleinere Eier als in einem vergleichbar langen und wohl genährten Fisch reifen. Ich gehe daher davon aus, dass Klimawandel, Nahrungsangebot, Fischkondition und die gesamte Größe eines Bestandes ineinandergreifen.

Für meine Arbeiten sind Magenuntersuchungen und die Auswertung verschiedener biologischer Parameter wie Länge und Gewicht einzelner Fische die wichtigsten Werkzeuge. Sie sind zugleich ökologische Knotenpunkte um zu entschlüsseln, wie subarktische Kabeljaubestände auf klimabedingte Änderungen des Nahrungsnetzes reagieren.“

Am 12. November beenden wir planmäßig die Arbeiten und laufen nach Qaqortoq in Südgrönland ein. Den ursprünglich geplanten Stopp in Nuuk, das wesentlich weiter im Norden liegt, konnten wir nicht wahrnehmen, weil wir durch die wetter- und technisch bedingten Verzögerungen nicht so weit gekommen sind.

Ergebnisse aus 78 Hols liegen vor und werden für einen ersten Zwischenbericht für das Bundeslandwirtschaftsministerium und die EU-Fischereikommission ausgewertet. Die Zahlen gehen unmittelbar ein in die Vorbereitung der in der nächsten Woche startenden Verhandlungsrunde zwischen Grönland und der EU über die Nutzung der Fischereiressourcen in 2017. Das Fischereiabkommen zwischen der EU und Grönland von 2016 bis 2020 sieht neben fischereilichen Nutzungslizenzen auch sogenannte sektorale Ausgaben für den grönländischen Staat vor. Sie sollen den Aufbau fischereiwirtschaftlicher Kompetenz im Partnerland unterstützen und so zum Ziel einer nachhaltigen Ressourcennutzung beitragen.

In Qaqortoq heißt es nun auch Abschied nehmen: Zwei Kollegen werden von hier aus zu ihren nächsten Terminen fliegen, während die anderen die lange Heimreise mit dem Schiff antreten werden. Für die erfolgreiche Arbeit dieser Fahrt gebührt allen Teilnehmern ein außerordentlicher Dank, allen voran Kapitän Stefan Meier und seiner Crew sowie allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des wissenschaftlichen Teams.

Gruß von allen an alle!
Heino Fock