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Expedition

Walther Herwig III, Seetagebuch der 375. Reise

Dauer der Reise: 12. Juni bis 20. Juli 2014

Fahrtgebiet: Subtropischer Atlantik vor Westafrika; Küstenbereich von Marokko bis Senegal 

Zweck der Reise: Die Reise ist eingebunden in die deutsch-französisch-afrikanische Forschungskooperation AWA (Umsetzung des Ökosystemansatzes im Fischereimanagement vor West-Afrika) und das EU-Projekt PREFACE (Vorhersage und Auswirkungen von Klimaänderungen im tropischen Nord-Atlantik). Auf der Reise sind neben deutschen auch westafrikanische Gastwissenschaftler mit an Bord. Entlang der westafrikanischen Küste im Auftriebsgebiet des Kanarenstromes sollen der Bestand von Sardinella aurita sowie Fischlarven und mesopelagische Fische untersucht werden. Dabei sind pelagische, hydroakustische, ozeanographische und planktonische Arbeiten vorgesehen.

Fahrtleiter: Heino Fock, Thünen-Institut für Seefischerei

Endlich - nach über einem Jahr Fahrtplanung und Vorbereitungen brechen wir auf! Von Bremerhaven aus geht die Walther Herwig III auf ihre 375. Forschungsfahrt. Trotz Juni herrschen an unserem Abreisetag frische, fast herbstlich anmutende Bedingungen.  

Die kleine Thünen-Crew hat erst einmal die gesamte Ausrüstung wettersicher verzurrt für die Passage der Nordsee. In den nächsten Tagen stehen die abschließenden Geräteerprobungen an, bevor wir in Las Palmas die  übrigen Fahrtteilnehmer aus den afrikanischen Partnerinstituten an Bord nehmen können. Dann wird das wissenschaftliche Fahrtprogramm beginnen.

In den kommenden fünf Wochen halten wir Sie hier regelmäßig auf dem Laufenden.
Heino Fock, Fahrtleiter

Am 14. Juni hatten wir den westlichen Ausgang des Ärmelkanals erreicht. Die Biskaya voraus, begannen die letzten Absprachen mit den Fahrtteilnehmern, die in Las Palmas zu uns stoßen werden. Noch ist nicht klar, wo die Walther Herwig im Hafen von Las Palmas anlegen kann: „Things are very busy“ – so der Agent der Firma, die uns in Las Palmas vertreten wird.

Der Aufbau der Geräte ist mittlerweile abgeschlossen, die Labore für die ozeanographischen, chemischen und Planktonarbeiten sind bereit und die Testläufe der Geräte sind erfolgreich durchgeführt. Heute Morgen haben wir Europas Grenzen verlassen und sind vor Afrika. Die Wassertemperatur ist über die 20° C-Marke gestiegen. Das Wasser im subtropischen Atlantik ist von einem intensiven Blau – oder wie einer bemerkte: Ein ziemlich blaues Blau, nährstoffarm und von geringer Produktivität.

Nächster Stopp ist Las Palmas auf Gran Canaria.

20. Juni, früher Morgen – Wir laufen in Las Palmas ein. Für den Tag heißt es: warten auf die restlichen Crewmitglieder. Mitfahrer aus Marokko, Mauretanien, Senegal, Spanien und Deutschland steigen im Laufe des Tages zu und erhalten zunächst Sicherheitsinstruktionen von Seiten der Schiffsführung.

Heute, am 21. Juni, beginnen die detaillierte Planung der Reise und das restliche Aufbauen der Labore für die Probennahmen. Da das On-Board Training für unsere afrikanischen Kollegen wichtiger Bestandteil dieser Ausfahrt werden soll, starten wir direkt mit der Theorie für die jeweiligen einzusetzenden Geräte, zum Beispiel der CTD-Sonde, mit der sich ozeanographische Daten wie Temperatur, Leitfähigkeit und Wasserdruck in verschiedenen Meerestiefen ermitteln lassen. In den nächsten Tagen folgt die Praxis. Dann werden diese Daten in Beziehung gesetzt zu den Ergebnissen der Fischerei- und Planktonuntersuchungen.

Erfolgreich konnte der Stationsbetrieb auf Höhe der Sahara vor der Küste Marokkos in Angriff genommen werden. Planktonarbeiten, Hydrographie und biologische Proben zur Untersuchung des Pico- und Nanoplanktons starten gleichzeitig. Die ersten beiden Fischereihols offenbaren dann schon die Stars der Reise: Sardine (Sardina pilchardus) und Sardinelle (Sardinella aurita), wobei letzterer das Hauptaugenmerk gilt.

Die erste 24-Stunden-Station im kalten Auftriebswasser vor der Banc d’Arguin in Mauretanien liegt hinter uns (im Rhythmus von 3 Stunden jeweils 9 Probenahmen an der gleichen Stelle). Die Larvenuntersuchungen brachten Aufschluss über die Kondition und das Tiefenverhalten von Larven von Sardinella aurita im Tagesgang. Die Fischdichte über der Banc d’Arguin war so hoch, dass man den Eindruck hatte, es sei kaum noch Platz für das Wasser vorhanden: Walking on water.

Nach der Nachtschicht dann oft ein grauer Morgen. In den Auftriebsgebieten ist das Wetter oft durch Hochnebel bestimmt, der sich aus dem Widerstreit von kaltem Wasser und warmer Luft entwickeln kann und oft über Tage stabil bleibt, trotz des Passats, der stetig mit 6 bis 7 Windstärken weht. Der Nebel löst sich oft erst gegen Mittag auf, wenn die Sonne ihre größte Kraft entfaltet. Entsprechend weisen sich in den Satellitenaufnahmen dauerhafte Wolkenfelder aus.

Kurz vor der nächsten 24-Stunden-Station, dieses Mal im warmen Wasser (24 °C) vor der mauretanischen Südküste, bleibt etwas Zeit, auf die unterschiedlichen Schiffstypen im Gebiet einzugehen. Die einheimische Fischerei wird in sogenannten Pirogen durchgeführt, die je nach Größe bis zu 25 Mann an Bord haben. Diese offenen Boote wagen sich bis zu 100 km aufs offene Meer hinaus, und der Beruf des Fischers gehört in Westafrika zu den Berufen mit der höchsten Sterblichkeit, aber auch einem gesicherten Einkommen.

Die lizensierten Industrienationen arbeiten mit Trawlern, die zum Teil über eine beeindruckende Fangtechnologie zur schonenden Fischverarbeitung verfügen.

Ein dritter Schiffstyp im Gebiet? Na klar, Forschungsschiffe! ‚Meet and greet‘ mit der deutschen Meteor, auf der GEOMAR-Kollegen der physikalischen Ozeanographie dabei sind, Verankerungen zu legen (=verankerte Dauermessstationen, bestückt mit unterschiedlichen Messgeräten, die nach einem bestimmten Zeitraum geborgen werden). Die Einladung zum Plausch an Bord konnten wir wegen unseres engen Zeitplans nicht annehmen – schade.

Mit südwestlichem Kurs geht es auf Höhe der Kapverden zum zweiten Fahrtabschnitt, der ozeanischen Tiefseefischerei. Dort fischen wir mit einem Spezialnetz bis zu 600 m Tiefe auf Stationen, für die aus den Jahren 1966-1974 Vergleichsdaten vorliegen. Vorher haben wir noch die letzten Plankton- und Fischereistationen im Küstenbereich Mauretaniens abgearbeitet einschließlich der zweiten 24-Stunden-Station.

Auf der 24-Stunden-Station werden Larvenproben mit einem Vertikalschließnetz (Multinetz) gewonnen und noch lebend im Labor aussortiert. Unterdessen wird die Zeit genutzt, um die Tiefseefischerei vorzubereiten.

Das Resümee des ersten Abschnitts? Sehr gute Probenausbeute beim Plankton, weniger Sardinellen als erwartet, dafür aber wesentlich mehr Anchovy. Deutlich waren noch die Auswirkungen des starken Auftriebs im Frühjahr zu spüren, verbunden mit kälteren Wassertemperaturen und einem ausgedehnten Anchovy-Bestand bis hinunter in den Senegal.

Wir sind nun am südlichsten Punkt der Reise, kaum noch 600 Seemeilen vom Äquator entfernt. Das Wasser an der Oberfläche hat eine Temperatur von 28 °C. Wir warten auf den Stationsbeginn, denn die Tiefenfischerei beginnt erst nach Sonnenuntergang zum Zeitpunkt des nächtlichen Aufstiegs der Tiefenfauna, um die Vergleichbarkeit mit den 50 Jahre alten Fangdaten zu haben. Die Tiefensonde haben wir bereits erledigt und die Wasserparameter wie Temperatur, Salzgehalt, Sauerstoffsättigung und Chlorophyll sind bis zu einer Tiefe von 3.000 m gemessen.

Also Zeit genug, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie fliegende Fische denn nun fliegen. Wie Spatzen aus einem Haselnussstrauch stieben die fliegenden Flitzer schwarmweise aus der Wasseroberfläche hervor und weichen dem Schiff aus. Im Wasser schlagen sie mit dem langen Schwanzabschnitt und erzeugen so den Antritt, um sich aus dem Wasser zu katapultieren (B). Die Brustflossen sind noch angelegt und werden im Wasser nicht eingesetzt (A), sondern erst an der Luft aufgeklappt und angesteilt wie Startklappen beim Flugzeug (B). In der ersten Flugphase wird der Schwanz noch schlagend eingesetzt und erzeugt auf dem Wasser ein Zickzack-Muster (B).  Dann wird der Winkel der Brustflossen flacher und sie segeln elegant dahin, wobei der Schwanz wie ein Höhenruder eingesetzt wird (C). Die Flugweiten liegen deutlich über 100 m.

So, nun geht’s aber gleich los... 

Die ersten Stationen der Tiefenfischerei sind absolviert. Wir machen die Nacht zum Tage, um bis 6.00 Uhr morgens die Proben jeweils bearbeitet zu haben. Die Fischfauna ist erwartet vielfältig in Artenzahl und Individuenreichtum, aber auch in Hinblick auf die Anpassungen an den dunklen Lebensraum. 

So spielt Licht eine entscheidende Rolle. Es wird durch Biolumineszenz, also auf biologischem Wege, erzeugt. Meist sind hierbei symbiontische Bakterien beteiligt, die die eigentliche Lichterzeugung leisten. So besitzen die Tiefsee-Anglerfische einen umgebildeten ersten Strahl der Rückenflosse, der vorn am Kopf ansetzt und am Ende eine Gewebeblase (‚Esca‘) besitzt, der ein mit Bakterien gefülltes Lumen enthält, wo auch das Leuchten produziert wird. Das Leuchten dient zum Anlocken der Beute, lockt aber auch andererseits Räuber an. So besitzen viele Tiefseearten schwarz ausgekleidete Magenwände, so dass die Leuchtorgane einmal gefressener Beutetiere nicht weiterhin sichtbar bleiben.

Nun heißt es, die letzte Station vorzubereiten und dann geht es nach Las Palmas, wo für die Kollegen aus Afrika die Reise endet. Sie werden von dort in ihre Heimatländer zurückfliegen. 

++12.07.2014++ Heimreisen

Die Walther Herwig III im Hafen von Las Palmas. Der wissenschaftliche Teil der Reise endet hier. (© Thünen-Institut)

Madrid, Casablanca, Nouadibhou, Dakar, Frankfurt – Taxis bringen die Kollegen zum Flugplatz, damit sie ihre Heimflüge erreichen können.  Der Kollege aus Las Palmas hat den kürzesten Heimweg und wird mit dem Institutsbus abgeholt. Alle Proben sind verpackt, die Ausrüstung gesäubert und in die Transportkästen eingeräumt, die Probenlisten geschrieben, die Visumsangelegenheiten geregelt.

Nach der Fahrt ist vor der Fahrt: Die gestrige Abschlussbesprechung an der Universität Las Palmas war auch gleichzeitig die Vorbesprechung für die nächste AWA/PREFACE Reise 2015, die mit dem spanischen Projekt MAFIA koordiniert werden soll (Hier gilt aber: Nomen non est omen, denn es ist die Abkürzung für 'Migration and active fluxes in the Atlantic Ocean').

Um 8.30 Uhr wird die Walther Herwig III von ihrem Liegeplatz im Fischereihafen von Las Palmas nach Bremerhaven aufbrechen, wo sie am 20. Juli einlaufen wird. Eine erfolgreiche Fahrt geht ihrem Ende entgegen. Ein besonderer Dank geht an alle Teilnehmer der Reise, der Schiffsbesatzung unter Kapitän Hans-Otto Janßen und den wissenschaftlichen Fahrtteilnehmern. Alle von ihnen haben es mit besonderem Einsatz und Engagement ermöglicht, dass die Fahrt unter den besonderen Einsatzbedingungen des tropischen Ozeans gelingen konnte.