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in grönländische Gewässer

Expedition

Walther Herwig III, Seetagebuch der 359. Reise

Dauer der Reise: 3. Oktober bis 18. November 2012

Fahrtgebiet: Nordatlantik

Zweck der Reise: Bestandsuntersuchungen an grönländischen Grundfischbeständen (Kabeljau- und Rotbarschbestände sowie andere ökologisch wichtige Grundfischarten) und ozeanographisch/klimatologische Untersuchungen. Die Ergebnisse fließen in die Entwicklung von verbesserten Management- und Nutzungsstrategien ein.

Fahrtleiter: Heino Fock, Thünen-Institut für Seefischerei

Forschungsziele

Seit 1982 wird die West- und Ostküste von Grönland jährlich nach einem standardisierten Fangprogramm beprobt. Das Untersuchungsgebiet ist in 14 Strata unterteilt. Die jeweils erste Nummer der Strata-Bezeichnungen gibt die geografische Lage an, die zweite Nummer die Fangtiefe (1 = 0-200 Meter; 2 = 201-400 Meter) (© Thünen-Institut)

Ziel der fischereibiologischen Untersuchungen ist die Erfassung der Dynamik der grönländischen Kabeljau- und Rotbarschbestände sowie anderer ökologisch wichtiger Grundfischarten. Dies dient als Grundlage für die Entwicklung von verbesserten Management- und Nutzungsstrategien. Die Repräsentativität der Untersuchungen wird für einige Arten durch den Einsatz hydroakustischer Messungen erweitert.

Ziel der ozeanographischen Untersuchungen ist die Probenahme an den Fischereipositionen und an ausgewählten Transekten an internationalen Standardpositionen mittels CTD/Rosetten Systemen. Parallel zu den ozeanographischen Messungen werden Planktonbeprobungen durchgeführt.

Wie in den Vorjahren wird in den grönländischen Seegebieten die Größe und Struktur des Kabeljaubestandes ermittelt. Die vorgesehenen Hols werden auf die in der Abbildung definierten Teiluntersuchungsgebiete (Strata, siehe oben) verteilt.

Mehrjährige Routine hin oder her – Aufregung steckt in jedem von uns, als wir am 11. Oktober um 18.30 von Reykjavik auslaufen, nachdem wir einen Personalwechsel vorgenommen hatten. Nordlicht begleitet uns aus dem Hafen, ebenso wie das Lotsenboot, das eben hinter der Hafeneinfahrt den Lotsen wieder retour nimmt.

Die noch hohe Dünung kündet vom letzten Sturm, als wir nachmittags am 12. Oktober auf der Dohrnbank in der Mitte zwischen Island und Grönland anfangen können. Bei den heftigen Winden und niedrigen Temperaturen bedeutet die Arbeit an Deck für alle Schwerarbeit mit bis zu sieben Hols am Tag.

Innerhalb der nächsten Tage arbeiten wir uns bis zur Kleinen Bank vor Ost-Grönland vor, einem Gebiet, das in den letzten Jahren im Fokus unserer Ökosystemuntersuchungen gestanden hat. Planktonuntersuchungen, ozeanographische Messungen und Nährstoffanalysen zur Bestimmung des Potenzials pflanzlicher Primärproduktion sollen die besonderen Bedingungen über der Kleinen Bank erhellen.

Die Kleine Bank bildet eine strömungsberuhigte Zone, keilförmig eingebettet zwischen dem arktischen  Ostgrönlandstrom und dem atlantischen Irmingerstrom. Beide Meeresströmungen treiben das Wasser mit bis zu 5 km/h Geschwindigkeit nach Süden. In der strömungsberuhigten Zone bildet der stabil geschichtete Wasserkörper ideale Bedingungen für das Wachstum von Phytoplankton und damit eine besonders reiche Nahrungsquelle für die Bodenfischbestände.

Am 22. Oktober arbeiten wir bereits vor Südgrönland, einem Gebiet, das als Friedhof der Eisberge der bekannt ist. Während die großen Eisberge im Radar gut sichtbar sind, stellt das tracking der abgefallenen Bruchstücke, sog. Grauler, hohe Anforderungen an das Brückenpersonal, um eine Kollision mit dem Schiff zu verhindern.

Weiter geht’s vor Westgrönland und dann nach Nuuk, wo wir an Land gehen und unsere grönländischen Kollegen besuchen werden.

So wie Odysseus‘ Heimkehr eingeleitet wird durch die Begegnung mit den heiteren Gestaden der Insel Scheria, bewohnt von gastlichen und mit hübschen Königstöchtern gesegneten Phäaken, erscheint nach 7-tägiger Atlantiküberquerung der Pentland Firth, der die Orkneys vom schottischen Festland trennt, als freundlicher Vorbote einer Rückkehr nach Bremerhaven. Zugegeben – ein leicht prosaischer Vergleich.

Die Insel Stroma im Pentland Firth ziert ein Leuchtturm. Am nördlichsten Punkt dieser Insel liegt der Swelkie, der gefährlichste Strudel im Firth, hervorgerufen durch das Zusammentreffen von fünf gegensätzlichen Strömungen. Nach isländischer Saga rühren riesige Ruder an dieser Stelle das Salz ins Meer – Salz, das dem König Frodi durch den Meeresgott Mysing gestohlen wurde. Mysings Langschiff musste jedoch unter der gestohlenen Last sinken. Gesunken auf eine Tiefe von 15 Faden, versuchte die Mannschaft dennoch weiter zu rudern, ein Grund für das bis heute andauernde Tosen in diesem Meeresschlund.

Die Durchfahrt durch den Pentland Firth markiert für uns das bevorstehende Ende der Grönlandreise.  105 Stationen mit Fischerei, 128 Hydrographie-Stationen, davon fünf mit einer Tiefe über 1000 m, die Prozessstudie über der Kleinen Bank mit Zooplankton- und Nährstoffproben, der Informationsaustausch in der grönländischen Hauptstadt Nuuk mit den dortigen Kollegen und eine Sturmfahrt über den Atlantik liegen hinter uns.

Eine Gesamtleistung, die wesentlich auf die Arbeit von Kapitän Hans-Otto Janßen und seiner nautischen Crew (Rüdiger Behrens, Ulrike Fischer und Andreas Koch), der Decksmannschaft um Bootsmann Werner Washausen, der technischen Abteilung um Jörg Hawer und Siegmar Kirchner sowie den Zauberern in Kombüse und Messe Sven Knauerhase, Olaf Schiel, Dietmar Brezmann und Katrin Zerpka zurückzuführen ist – allen gebührt ein herzlicher Dank!

Es grüßen von Bord:
Heino Fock, Team und Crew der Walther Herwig auf der 359. Reise!

Es grüßen von Bord (von links): Szymon Urbanski, Sebastian Schulz, Matthias Seydel, Ernst-Jürgen Kube, Boris Cisewski, Wolfgang Brennoe, Annika Elsheimer, Jörg Appel, Carolin Knörr, Helena Bauer, Heino Fock. (© Thünen-Institut)