„Es gibt auch mal frischen Fisch mit Milchreis...“

Im Gespräch

Interview mit Sakis Kroupis, wissenschaftlicher Beobachter auf kommerziellen Fischereifahrzeugen

Neben den Reisen auf den Forschungsschiffen fahren Mitarbeiter des Thünen-Instituts für Seefischerei regelmäßig auch auf kommerziellen Fischereifahrzeugen mit, um die Zusammensetzung der Fänge der deutschen Fischereiflotte zu dokumentieren. Dies trägt zur Bestandserhebung der befischten Arten bei; gleichzeitig lassen sich die Auswirkungen für die beigefangenen Fischarten abschätzen.

Sakis Kroupis, technischer Mitarbeiter des Thünen-Instituts für Seefischerei, ist während eines Großteils des Jahres an Bord von kommerziellen Fischereifahrzeugen deutscher Flagge. Hier beprobt er die Fangzusammensetzungen. Im Gespräch schildert er seine Einsätze und berichtet über die Arbeit  an Bord.


Sie kommen gerade zurück von See.

Ja, bis gestern war ich auf einem Krabbenkutter zur Fangbeprobung.

Wie werden Sie wahrgenommen: Als Forscher? Als Kontrolleure?

Zuerst denken viele, wir wären die Kontrolleure von der BLE [Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung]. Wir hören das auf  fast jedem Schiff. Aber wir haben mit Kontrollen nichts zu tun. 

Wie kommen Sie an Ihre „Mitfahrgelegenheiten“?

Es ist einfacher, wenn uns die Kapitäne schon kennen –  neue Kutter zu gewinnen ist schwer. Vor allem, wenn man am Telefon damit anfängt, dass die Daten für die EU sind, dann legen einige Kapitäne gleich auf.

Sind die Schiffsführer verpflichtet, Sie mitzunehmen?

Sie müssen sonst begründen, warum das nicht geht. Für uns kommt es aber so oder so darauf an, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Die Mannschaft könnte uns sonst ganz leicht wichtige Informationen vorenthalten. Wir kontrollieren auch bewusst keine Maschen oder so. 

Fühlen Sie sich an Bord als Teil der Crew?

Ja, unbedingt!  Deutlich mehr als auf einem Forschungsschiff. Auf den kommerziellen Schiffen können wir nicht nur unsere Forschung machen. Wir müssen auch mit kochen und das Deck schrubben.  Die meisten Schiffe haben keinen Koch, das macht der jüngste Matrose. Da gibt es auch mal frischen Fisch mit Milchreis… etwas gewöhnungsbedürftig.  Aber der Umgang ist locker. Wenn ich mein Messbrett irgendwo festgeschweißt haben muss, dann kommt halt einer aus der Maschine und macht mir das.

Auf welchen Schiffen fahren Sie am liebsten?

Interessant ist die Vielfalt. Ich mag eigentlich alle Schiffe, von Stellnetzfischerei und Krabbenkutter bis zum Frostschiff nach Grönland. Stellnetzkutter sind entspannt. Nachts, wenn die Netze stehen, da hast du mindestens deine sechs Stunden Schlaf– und es ist dann leise auf dem Schiff. Allerdings stehen wir da eigentlich die gesamte Zeit an Deck. Das kann lang und kalt werden. Beim Einholen wird wirklich alles aus dem Netz herausgesammelt. Da kann ich dann auch 100%  des Fangs beproben. Am anstrengendsten ist die Baumkurrenfischerei. Die fischen bei jedem Wetter, zwar nur von Montag bis Freitag, sonntags sind sie ja in der Kirche. Aber bei Windstärke 8-9 fahren die auch mit 6 Knoten gegenan. Davon ist man fix und fertig, weil man keinen Schlaf kriegt – die Maschine ist sehr laut, und die Kojen liegen direkt dahinter. Außerdem haben diese Fischereien den meisten Beifang, das heißt da müssen wir richtig ran, um alles zu erfassen.

Das sind holländische Fischer?

Ja, die Mannschaften auf den meisten Baumkurrenschiffen sind rein holländisch, die fahren nur unter deutscher Flagge. Manches ist dort zuerst etwas fremd, die Lebensgewohnheiten sind aber interessant. Die Holländer zum Beispiel, die aus Urk kommen, sind durchweg gläubige Menschen: Da liest der Kapitän zum Auslaufen aus der Bibel, und dann geht es los. Vor und nach jeder Mahlzeit wird gebetet.

Wie sind denn Ihre Unterkünfte an Bord. Lässt es sich da gut leben?

Na, da gibt es alles. Einige Schiffe waren ziemlich verranzt. Einmal war ich 10 Tage auf einem kleinen Holzkutter, 15 oder 16 Meter lang, der hatte keinen Kühlschrank. Alles lag einfach auf Eis im Frostraum und hat nach Fisch geschmeckt. Wir waren zu viert im Deckshäuschen. Aber das war ein Extremfall. Dann gibt es Schiffe, die sind richtig gut. Gerade die Holländer pflegen ihre Schiffe. Das ist ihr Wohnzimmer, da läuft man drinnen auf Socken. Manchmal haben wir allerdings auch tagelang keine Möglichkeit, uns zu duschen, haben hier und da noch Schmierfett an der Kleidung. Und wenn wir dann nachts direkt von Bord nach Hause kommen, kann man eigentlich mit der Bahn guten Gewissens gar nicht fahren. Es würde einem auch keiner glauben, dass man gerade von der Arbeit kommt!


Quelle: Wissenschaft erleben 1/2011 (PDF Download)