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„…einfach in die Ostsee geworfen“

Im Gespräch

Interview mit Thomas Lang

Thomas Lang im Gespräch

In der Ostsee liegen Tausende von Tonnen chemische Kampfstoffmunition – vor allem vor Bornholm. Die Frage nach ihren möglichen ökologischen Auswirkungen ist bislang ungeklärt. Ein Gespräch mit Thomas Lang vom Thünen-Institut für Fischereiökologie über die Situation im Versenkungsgebiet und seine Forschungsaktivitäten.


Worum ging es im Projekt CHEMSEA genau?

Es ging darum zu untersuchen, wo sich versenkte Kampfstoffmunition befindet, welche Art von Munition es ist und welche ökologischen Risiken von ihr ausgehen. Der größte Teil der Munition wurde nach dem Zweiten Weltkrieg versenkt, um die Munition loszuwerden. Damals erschien es als eine gute Idee, sie einfach in die Ostsee zu werfen.

Unterwasserfoto
Versenkte Kampfstoffmunition in der Ostsee (© Shirshov Institute of Oceanology)

Wie ist der Zustand des Materials heute?

Die Munition und andere Behälter, in denen die Kampfstoffe versenkt wurden, sind natürlich korrodiert nach so vielen Jahren. Wir wissen, dass auch schon Substanzen freigesetzt worden sind. Aus diesem Grund wurde hier gezielt geforscht.

Sind die Kampfstoffe nicht schon längst zerfallen?

Einige sind im Laufe der Zeit tatsächlich chemisch abgebaut, andere Substanzen sind dagegen ziemlich langlebig – arsenhaltige Kampfstoffe zum Beispiel, deren Abbauprodukte wir in Fischen nachweisen konnten. Senfgas ist ebenfalls langlebig: Es gab Vorfälle, wo Fischer Senfgasklumpen mit ihren Grundschleppnetzen erfasst haben und es dadurch zu schwerwiegenden Verletzungen der Besatzungsmitglieder kam.

Welche Rolle hatte das Thünen-Institut? 

Wir sind im Thünen-Institut für Fischereiökologie die Experten für Fischkrankheiten – und das war auch unsere Hauptaufgabe im Projekt. Wir haben Dorsche auf verschiedene Krankheiten untersucht: Dazu gehören solche, die wir mit bloßem Auge bereits an Bord erkennen können und auch krankhafte Veränderungen innerer Organe, die unter dem Mikroskop untersucht werden. 

Thomas Land im Hafen von Hamburg

Was reizt Sie an einem solchen Forschungsprojekt?

Wir kennen die Fische in der Ostsee natürlich sehr gut aus unserem regelmäßigen Überwachungsprogram. Für uns war dieses Projekt interessant, weil das Thema Munition im Meer zurzeit wissenschaftlich und in der Öffentlichkeit in aller Munde ist. Nicht zuletzt deshalb, weil das Meer heute viel stärker genutzt wird als früher – etwa durch den Bau von Windkraftanlagen. Und das Bewusstsein, dass man in einem Gebiet fischt, in dem zehntausende Tonnen giftiger Substanzen verklappt wurden, das erhöht natürlich schon die Anspannung.

Sind die Fische im Versenkungsgebiet kränker?

Wir und unsere Projektpartner haben in der Tat feststellen können, dass die Dorsche aus dem Hauptversenkungsgebiet östlich von Bornholm einen schlechteren Gesundheitszustand aufwiesen als Fische aus Vergleichsgebieten. Korrespondierend dazu haben finnische Kollegen dort chemische Kampfstoffe sowohl in Fischen als auch im Boden nachgewiesen.

Was glauben Sie? Ist die Munition die Ursache für die veränderte Gesundheit der Fische?

Als Wissenschaftler stützt man seine Schlussfolgerungen nicht auf das, was man glaubt. Für uns war es wichtig festzustellen, ob es überhaupt Unterschiede im Gesundheitszustand der Fische in den Versenkungsgebieten im Vergleich mit anderen Gebieten gibt. Wir haben einige Faktoren gleichzeitig beobachtet: Erhöhte Mengen von Kampfstoffen und schlechteren Gesundheitszustand. Wir haben festgestellt, dass die Fische offensichtlich solche Substanzen aufnehmen, wenn auch in sehr geringen Mengen. Es ist möglich, dass die Kampfstoffe die Widerstandskraft der Fische schwächen und wir aus diesem Grund erhöhte Krankheitsraten finden.

Wie stehen Sie zu einer möglichen Sanierung der munitionsbelasteten Gebiete?

Das muss im Einzelfall entschieden werden. Es gibt Regionen, wo eine Bergung kritisch ist, weil neben enormen Kosten ökologische Risiken entstehen, wenn man große Mengen korrodierter Munition bergen will. Aber es gibt sicher auch andere Fälle. Bei einigen Ostseeanrainern gibt es Bestrebungen, einen Teil der Munition zu bergen.

Stellt die versenkte Munition eine Gefahr dar beim Bau von Windkraftanlagen?

Der größte Teil der chemischen Kampfstoffmunition wurde bewusst in sehr tiefen Regionen der Ostsee versenkt. Dort werden niemals Windkraftanlagen gebaut werden. Ein viel größeres Problem für den Bau solcher Anlagen ist die konventionelle Munition, also Spreng- und Brandbomben. Von denen liegen nach Schätzungen etwa 1,6 Millionen Tonnen in deutschen Küstengewässern. Das bedeutet: Wenn Windkraftanlagen oder Pipelines im Meer gebaut werden sollen, muss zunächst geprüft werden, ob dort Munition liegt, die dann gegebenenfalls gesprengt oder geborgen wird.

Wie schätzen Sie das aktuelle Risiko ein, das von der versenkten Munition für die Fische ausgeht?

Wir sind der Meinung, dass aufgrund unserer Befunde und dem sich verschlechternden Zustand der versenkten Munition ein Überwachungsprogramm installiert werden müsste, um in regelmäßigen Abständen zu überprüfen, inwieweit Substanzen freigesetzt werden und ob sie den Gesundheitszustand der Fische beeinträchtigen. Mit dem Thema Überwachung beschäftigen wir uns in einem derzeit laufenden Folgeprojekt. Von Bord der Walther Herwig III aus werden wir Unterwasserroboter einsetzen, um Munition aufzufinden und Proben zu nehmen.


Quelle: Wissenschaft erleben 1/2014

Lesen Sie dazu auch die Artikel Stille Wasser im Magazin "forschungsfelder" 2/2018 und Zeitbomben im Meer im Thünen-Magazin "Wissenschaft erleben" 2/2018