Welthandel in Gefahr?

Kommentar

Gedanken von Dr. Martin Banse und Dr. Janine Pelikan, Thünen-Institut für Marktanalyse, zu den Verflechtungen der großen Handelsmächte USA, EU und China und den Tücken des Rückzugs aus der internationalen Arbeitsteilung.


Mit der Umsetzung seines Wahlkampfversprechens „America first!“ hat US-Präsident Donald Trump einen radikalen Wandel der US-Handelspolitik eingeleitet. Er droht nun ständig mit neuen Zollerhöhungen auf ausländische Produkte. Trump hat hierbei vor allem China und die EU im Visier. Bei der EU geht es um Stahl, Autos und Maschinenbau. Zwar weist auch der EU-Agrarsektor einen steigenden Handelsüberschuss gegenüber den USA auf, zuletzt 14 Mrd. USD im Jahr 2017, doch stand dieser Punkt bisher weniger in der Kritik.

Um Druck aus dem Handelskonflikt zu nehmen, hat EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im Juli 2018 Präsident Trump unter anderem versprochen: „Wir werden mehr Sojabohnen aus den USA kaufen!“ Hintergrund war die Sorge der US-Landwirte, durch die chinesischen Strafzölle auf US-Soja starke Umsatzeinbußen zu erleiden. Die Aussage von Juncker sorgte in Fachkreisen allerdings für Verwunderung, denn die EU lenkt den Sojahandel weder durch Zölle noch durch Quoten oder Subventionen, hat also keine Möglichkeiten zum Abbau von Handelsbeschränkungen.

Was könnte die EU also machen, um dieses Versprechen einzulösen? Handelsbarrieren für Soja aus anderen Ländern errichten, um US-Soja einen Vorteil zu verschaffen? Erstens stehen Zollerhöhungen in der EU-Politik nicht auf der Agenda, und zweitens wäre eine Ausnahmeregelung für die USA ein klarer Verstoß gegen das sogenannte Meistbegünstigungsprinzip der Welthandelsorganisation WTO, wonach Handelsvorteile für ein WTO-Mitglied auch allen anderen Mitgliedern gewährt werden müssen.

Vermutlich ist die Sache viel einfacher: Weil China infolge seiner Strafzölle auf US-Soja nun mehr Soja aus anderen Regionen importiert, sind die Sojapreise in jenen Regionen gestiegen und in den USA gefallen. Das verschafft US-Soja eine bessere Wettbewerbsposition auf dem EU-Markt, so dass sich Junckers Versprechen von allein erfüllt, ohne dass politisches Zutun erforderlich wäre.

Eine simple Handelsumlenkung könnte man noch als belanglose Anekdote der Wirtschaftsgeschichte abtun. Ein anderer Effekt der Trump'schen Handelspolitik bereitet jedoch ernste Sorgen: die Verunsicherung der Marktteilnehmer. Wenn Importeure fürchten müssen, dass das aktuelle Beispiel Schule macht und sie sich nicht mehr auf den Welthandel verlassen können, werden sie sich andere Wege zu sicheren Rohstoffquellen suchen. So tätigt China schon seit Jahren Direktinvestitionen in afrikanisches und asiatisches Ackerland und könnte dies nun noch verstärken. Eine andere Strategie ist die Ankurbelung der heimischen Produktion. Der Ruf nach mehr Selbstversorgung kommt ja vielerorts gut an – auch hierzulande in der Debatte um die Eiweißstrategie.

Dass solche Anpassungen ihre Tücken haben, muss deutlich betont werden: Wenn Produkte nicht mehr dort erzeugt werden, wo dies in der internationalen Arbeitsteilung am besten gelingt, sondern jeder seine eigene Selbstversorgung anstrebt, wird am Ende mehr Agrarfläche für die Versorgung der Weltbevölkerung benötigt – mit negativen Folgen für biologische Vielfalt, Klimaschutz und Ernährungssicherheit.

Andererseits wird Freihandel allein nicht von selbst eine nachhaltige Weltwirtschaft hervorbringen. Insofern haben die Staatenlenker allen Grund, über ergänzende Regelwerke nachzudenken. Sie sollten dies allerdings als gemeinsame Herausforderung begreifen, denn ständige Handelskonflikte und globale Verunsicherung werden zu keinem guten Ergebnis führen. Deshalb ist aktuell jeder politische Versuch einer Deeskalation, sei sie auch noch so klein, sehr zu begrüßen.