„Holz aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern ist unendlich verfügbar“

Im Gespräch

Interview mit Forstwissenschaftler Ulrich Bick zu Waldzertifizierungen

Brauchen wir Zertifizierungssysteme in der Forstwirtschaft? Ulrich Bick vom Thünen-Institut für Internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie erklärt, warum es dazu keine Alternative gibt.


Warum braucht die Forstwirtschaft Nachweise zur Nachhaltigkeit?

13 Millionen Hektar Wald – eine Fläche so groß wie Griechenland – werden pro Jahr weltweit abgeholzt. Zu einem erheblichen Anteil  illegal. Eigentlich sollte dem Raubbau schon 1992 mit dem Umweltgipfel der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro und einer entsprechenden Konvention begegnet werden. Weil sich die  Mitglieder aber nicht auf ein rechtlich verbindliches Instrument einigen konnten, schufen Umweltgruppen, soziale Verbände und Waldeigentümer mit dem Forest Stewardship Council 1993 ein eigenes Nachhaltigkeitssiegel auf marktsteuernder, privater Ebene. Heute werden überall in der Welt, auch in Deutschland, Holz und Holzprodukte nach dem FSC-System zertifiziert.

Gibt es noch andere Nachhaltigkeitssiegel im Forstbereich?

Neben dem FSC hat sich das Programme for the Endorsement of Forest Certifiction Schemes, kurz PEFC, international etabliert. 1998 wurde es auf privater Initiative in Europa  ins Leben gerufen, heute ist es das größte Zertifizierungssystem im Wald- und  Holzsektor.  Zurzeit werden  weltweit  rund 184 Millionen Hektar Waldfläche in 81 Ländern  nach den Kriterien des FSC bewirtschaftet; nach dem  PEFC-System  sind es ca. 255 Millionen Hektar in 38 Ländern.

Worin unterscheiden sich die beiden Siegel?

Das FSC-Siegel zertifiziert einzelne Forstbetriebe und Waldbestände. Im PEFC-System sind auch Gruppenzertifizierungen oder die Zertifizierung ganzer Regionen möglich. Ziel des PEFC war es ursprünglich, die kleinstrukturierten Wald-Eigentumsverhältnisse in Europa bei der Zertifizierung besser berücksichtigen zu können. Während es früher auch Unterschiede bei den Kriterien zur Überprüfung gab, unterscheiden sich die beiden Systeme inzwischen kaum noch. Beide Siegel garantieren den Nachweis der Nachhaltigkeit auf Grundlage von ökologischen, ökonomischen und sozialen Kriterien.  

Welche Komponenten umfasst die Zertifizierung?

Grundsätzlich besteht die Forstliche Zertifizierung aus zwei Teilen: Erstens ist das die sogenannte Waldzertifizierung, mit der die Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung beurteilt wird. Zweitens wird die Bearbeitungs- und Handelskette überprüft. Das Holz muss lückenlos rückverfolgt werden können – vom Einschlagsort bis zum Endverbraucher. Waldbesitzer müssen sich alle fünf Jahre,  Sägewerker und Holzhändler jedes Jahr einer unabhängigen Prüfung unterziehen, um das Siegel weiter führen zu können.

Wie viel der globalen Waldfläche ist zertifiziert?

Weltweit sind zurzeit etwa 11 % der Waldfläche zertifiziert. Regional gibt es sehr große Unterschiede. In Europa und in Nordamerika ist die Zertifizierung am stärksten vorangeschritten. In Deutschland sind fast  80 Prozent der Waldflächen zertifiziert, teilweise sogar doppelt, sowohl nach dem PEFC- als auch dem FSC-System. In den Tropen, wo die Einführung  nachhaltiger Waldbewirtschaftung am nötigsten ist, sind bis jetzt lediglich 6 % der Wälder zertifiziert.

Gehen die Forstzertifizierungen über gesetzliche Standards hinaus?

International gesehen reichen die ökologische, ökonomische und soziale Anforderungen der  FSC- und PEFC-Standards mehr oder weniger weit über die jeweiligen gesetzlichen Vorgaben hinaus. Vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern mangelt es häufig an einer funktionierenden Verwaltung, die konsequent überwacht, ob die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden.

Was können Verbraucher tun?

Ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass der Rohstoff Holz unendlich verfügbar ist, wenn er aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern stammt. Man sollte also beim Kauf von Holz und Holzprodukten grundsätzlich auf ein anerkanntes Zertifikat wie PEFC oder FSC achten, das sicherstellt, dass das Holz aus nachhaltiger Waldbewirtschaftung stammt und die Produkte nach strengen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Kriterien produziert und gehandelt worden sind. Der verantwortungsvolle Kauf von Holzprodukten aus den Tropenländern trägt dazu bei, das Einkommen der Bevölkerung in diesen Ländern zu sichern, und kann die Zerstörung von Tropenwäldern verhindern.

Wie gut funktionieren die Zertifizierungen?

Die forstliche Nachhaltigkeits-Zertifizierung ist freiwillig. Trotz ihrer Erfolge gibt es nach wie vor auf den internationalen Märkten nennenswerte  Mengen von Holz und Holzprodukten, die aus illegalen Quellen stammen. Hinzu kommt, dass die Zertifizierung in den Tropenländern – und um den Schutz der Wälder dort ging es ja ursprünglich – die gesetzten Ziele noch nicht erreichen konnte.

Was können Staaten dafür tun, dass Wälder nachhaltig bewirtschaftet werden?

Um sicherzustellen, dass kein illegales Holz mehr auf den Markt gebracht wird, hat die Europäische Union 2011 die Europäische Holzhandelsverordnung verabschiedet. Sie verpflichtet Importeure und andere Marktteilnehmer, die zum ersten Mal Holz oder Holzprodukte in der EU in Verkehr bringen, die Legalität des gehandelten Holzes nachzuweisen und bestimmte Sorgfaltspflichten zu erfüllen. Sie müssen gewährleisten, dass die Herkunft der Holzprodukte lückenlos zurückverfolgt werden kann. Vergleichbare politische Regelungen gibt es auch in den USA und in Australien.


Quelle: Thünen-Institut, Oktober 2014 (PDF Download)