Dörfer und Kleinstädte im Wandel

Dossier

Herzberg am Harz – eine typische deutsche Kleinstadt (© Annett Steinführer)

Auch im „Jahrhundert der Städte“ konzentrieren sich Menschen nicht nur in Großstädten, sondern bleiben in ländlichen Räumen verankert, ob dauerhaft oder als Pendler. Siedlungsstrukturen und Lebenssituationen haben sich innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend gewandelt.


Bis heute steht eine Siedlungsform in besonderer Weise für das Leben auf dem Land: das Dorf. Ursprünglich, so ist im zweiten Band des Deutschen Wörterbuchs der Gebrüder Grimm von 1858 zu lesen, „hiesz es wol so viel als zusammenkunft geringer leute auf freiem feld, dann aber eine niederlassung derselben an einem solchen ort, um ackerbau zu treiben“. Dies galt bis in das 20. Jahrhundert, wäre heute jedoch eine unzureichende Beschreibung – zu sehr haben sich Dörfer innerhalb weniger Jahrzehnte verändert.

Dörfer haben sich mit dem Wandel der Landwirtschaft grundlegend verändert

Dies liegt vor allem am fundamentalen Wandel der Landwirtschaft: Beschäftigte sie um 1900 noch 38 Prozent aller Erwerbstätigen, so waren es 1950 (in Westdeutschland) noch 24 Prozent und sind es heute in ganz Deutschland nicht einmal mehr 2 Prozent. Dies beschreibt einerseits den Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft bis hin zur heutigen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Andererseits zeigt die Statistik auch, wie viel effizienter die Landwirtschaft geworden ist: Um 1900 ernährte ein Landwirt vier Menschen, 1950 waren es zehn und heute sind es etwa 130.  

Orte gesellschaftlicher Vielfalt

Mit diesem Strukturwandel der Landwirtschaft veränderten sich auch die ländlichen Räume und ihre Siedlungen. Noch in den 1950er-Jahren konnte die Forschung davon ausgehen, dass das kleinbäuerliche Dorf exemplarisch für ländliche Lebensverhältnisse stand. Doch schon damals zeigten sich erste empirische Untersuchungen von den vielfältigen Arbeits-, Lebens- und Wohnverhältnissen überrascht. In den folgenden Jahrzehnten entwickelten sich Dörfer mehr und mehr zum Abbild gesellschaftlicher Vielfalt.

Heute untersuchen wir, wie sich dörfliche Lebensverhältnisse im Zeitverlauf verändert haben, aber auch Fragen der Dorferneuerung sowie lokale und regionale Schrumpfungsprozesse und wie sie sich gestalten lassen.

Neue Rolle ländlicher Kleinstädte?

Ländliche Räume bestehen nicht nur aus Dörfern. Immer schon dienten Kleinstädte als Ankerpunkte und Versorgungszentren. Im Zuge des Bevölkerungsrückgangs in vielen ländlichen Räumen und daraus folgender Alterung untersuchen wir zum Beispiel, ob Kleinstädte möglicherweise gerade unter solchen Bedingungen – etwa weil in ihnen Versorgungs- und Pflegeeinrichtungen konzentriert werden – eine neue Wertschätzung und Funktion erhalten.

Viele Kleinstädte haben ihre Fläche in den vergangenen Jahrzehnten ausgedehnt und ihren Charakter verändert ­­­­– sie sind „ländlicher” geworden. Als Einheitsgemeinden oder Gemeindeverbände sind sie oft nicht nur für eine Kernstadt, sondern auch für viele Dörfer zuständig. Dabei unterscheiden sich der Grad der dörflichen Selbstbestimmung, die Rolle des Bürgermeisters oder der Ortsvorsteherin ebenso wie das Ob und Wie der Zusammenarbeit mit anderen Kommunen im Umfeld. Das beeinflusst politische Entscheidungsprozesse, aber auch die lokale Identität und die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger, sich ehrenamtlich zu engagieren. Auch diese Fragen thematisieren wir in unseren Forschungen. 

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