„Wer heute nachhaltig kauft, kann auch morgen noch Fisch genießen“

Im Gespräch

Interview mit Dr. Gerd Kraus, Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei, im Rahmen des Wissenschaftsjahres Meere und Ozeane 2016*17.


Um fangfrischen Fisch zu sehen, hat es Dr. Gerd Kraus nicht weit. Von seinem Institut sind es nur fünf Minuten Fußweg bis zum Fischmarkt in Hamburg-Altona. Im Interview verrät der Fischereibiologe, wie Verbraucherinnen und Verbraucher mit der richtigen Kaufentscheidung in ihrem Markt die Fischbestände in unseren Meeren und Ozeanen schützen können.

Was genau ist nachhaltige Fischerei?

Einfach ausgedrückt bedeutet es, dass der Fischfang weder die gefischte Art noch das Ökosystem, in dem sie lebt, gefährden soll. Noch weiter gefasst betrachtet man auch die Wirtschaft selbst, zum Beispiel die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten.

Für unsere europäischen Gewässer heißt nachhaltige Fischerei, dass immer nur so viel gefischt wird, dass die genutzten Fischbestände auf lange Sicht ihre maximale Produktivität entfalten können. Darüber hinaus soll der Anteil ungewollter Beifänge mithilfe eines Rückwurfverbots immer kleiner werden. Auch wichtig: Schutzgebiete zum Schutz besonders sensibler Fische und Lebensgemeinschaften.

Warum ist nachhaltige Fischerei wichtig?

Überfischung gefährdet die Funktionen und Widerstandsfähigkeit der marinen Ökosysteme und reduziert die Ertragsfähigkeit der Fischbestände. Nur wenn Fischerei nachhaltig ist, leistet sie ihren Beitrag zur Gesunderhaltung unserer Meere und sichert auf lange Sicht ausreichend Fisch als hochwertiges Nahrungsmittel.

Wie können Verbraucher beeinflussen, dass Fische nachhaltig gefangen werden?

Leider ist Fischeinkauf kein einfaches Thema – es gibt eine Vielzahl von teilweise widersprüchlichen Informationen. Was man aber mit Sicherheit sagen kann: Fisch, der in europäischen Gewässern gefangen wurde, ist bis auf ganz wenige Einzelfälle legal gefangen. Und folgt damit den Nachhaltigkeitsprinzipien der europäischen Fischereipolitik.

Wer besonders sicher sein will, kann sich an verschiedenen Öko- und Nachhaltigkeitssiegeln orientieren, deren Kriterien meist transparent sind. Das bekannteste Siegel ist das MSC-Siegel, das Fischereien anhand von drei zentralen Prinzipien bewertet: Schutz der Fischbestände, Minimierung der Auswirkungen auf das Ökosystem sowie verantwortungsvolles und effektives Management.

Dann gibt es noch die Fischführer der Umweltorganisationen. Das Problem dabei: Die Empfehlungen gelten meist für eine ganze Fischart. Nicht immer findet man dann die Angaben für deren einzelne Bestände auf den Verpackungen. Der einfachste – wenn vielleicht auch noch nicht perfekte – Weg, nachhaltige Fischereien zu unterstützen, geht daher aus meiner Sicht über die genannten Siegel.

Inwieweit hat sich die Situation der nachhaltigen Fischerei in den letzten Jahren verändert?

Mit der jüngsten Reform der EU-Fischereipolitik von 2013 ist die Trendwende von der Überfischung zur nachhaltigen Fischerei beschlossene Sache. Wir haben aber schon in den vergangenen zehn Jahren eine deutliche Verbesserung der Situation gesehen. Über 50 Prozent der genutzten Fischbestände werden derzeit nach dem anspruchsvollen Prinzip des maximalen Dauerertrags befischt. Das ist noch längst nicht perfekt, aber das Ziel, die Überfischung in Europa bis 2020 zu beenden, ist wohl erreichbar.


Quelle: Das Interview wurde anlässlich des Rezeptwettbewerbs „Klug gefischt“ im Rahmen des Wissenschaftsjahres Meere und Ozeane 2016*17 geführt.