Überfischung – einfaches Wort mit kompliziertem Inhalt

Kommentar

Dr. Gerd Kraus und Dr. Alexander Kempf, Thünen-Institut für Seefischerei, über einen Begriff, der häufig verwendet wird, aber viele Deutungsmöglichkeiten in sich birgt.


Alexander Kempf und Gerd Kraus (© Christina Waitkus/Thünen-Institut)

Wann immer wir zu Vorträgen zum Thema Fisch eingeladen werden, kommt in der Diskussion das Thema Überfischung zur Sprache. Die weltweite Überfischung gilt heute als eine der größten Bedrohungen für die Gesundheit der Meere und die wirtschaftliche Existenzgrundlage der Fischer.

Häufig werden zur Unterfütterung von Aussagen zur Überfischung die Zahlen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) herangezogen. Die FAO sagt in ihrem jüngsten Gutachten, dass sich rund 69 % der weltweiten Fischbestände innerhalb nachhaltiger, biologischer Grenzen befinden, wobei 58 % voll genutzt und 11 % unternutzt sind. Die verbleibenden 31 % gelten als überfischt. Erstaunlicherweise werden diese Zahlen in der öffentlichen Debatte fast immer anders interpretiert: Die 58 % voll genutzter Bestände werden mit den überfischten in einen Topf geworfen und diese Gruppe dann als „bis an die Grenze genutzt oder überfischt“ bezeichnet. So kommt man schnell zu dem Ergebnis, dass der weit überwiegende Anteil unserer Fischbestände in größter Gefahr schwebt, obwohl „voll genutzt“ das international vereinbarte, nachhaltige Managementziel des maximalen Dauerertrages bezeichnet.  

Noch verwirrender wird das Ganze, weil nicht nur die FAO Zustandsbewertungen für Fischbestände herausgibt, sondern auch die EU-Kommission und nationale Behörden. Dabei sind allerdings weder Datengrundlagen noch Schwellenwerte zur Überfischung global vereinheitlicht, und es gibt fundamental unterschiedliche theoretische Ansätze für ihre Definition. Hier gehört endlich Klarheit in die Diskussion!

Wenn Fischerei dazu führt, dass mehr Fische aus einem Bestand entnommen werden, als in den Folgejahren durch natürliche Vermehrung und Zuwanderung nachwachsen können, sprechen Fischereibiologen von Rekrutierungsüberfischung. Die ultimative Konsequenz wäre das Aussterben eines Fischbestandes. Das ist aber in der Meeresfischerei noch nie vorgekommen, da sich bei geringen Bestandsgrößen gezielte Fischerei nicht mehr lohnt und eingestellt wird. Aber auch diesseits der Aussterbensschwelle drohen schwerwiegende Konsequenzen für den Bestand, das Ökosystem sowie für die Fischer und ihre Familien, die auf die Einnahmen angewiesen sind.

Nach EU-Regeln gelten Bestände allerdings bereits als überfischt, wenn sie nicht nach dem Prinzip des maximalen Dauerertrages bewirtschaftet werden. Diese Form der Überfischung nennen wir Wachstumsüberfischung: Jenseits dieser Grenze lassen sich die Erträge pro Fangstunde nicht steigern oder nehmen sogar wieder ab, aber es wird nicht zwingend so viel gefangen, dass schwerwiegende biologische Konsequenzen eintreten. Knapp die Hälfte der Fischbestände im Europäischen Nordatlantik leiden darunter, aber immerhin 38 % davon sind zusätzlich noch rekrutierungsüberfischt, da sich die Bestände nach Jahrzehnten allzu intensiver Fischerei nur langsam erholen.

Bei genauerer Betrachtung wird deutlich: Überfischung ist aus ökonomischer Sicht immer schlecht, aber nicht jede Form der Überfischung ist gleichzusetzen mit einer ökologischen Katastrophe in den Meeren. Nachhaltige Fischerei und Schutz der Meere sind über gute, wissenschaftlich fundierte Managementkonzepte miteinander vereinbar und zwingend erforderlich, um der globalen Herausforderung der Ernährungssicherung zu begegnen. Unnötige Panikmache in Sachen Überfischung nützt niemandem und macht unsensibel gegenüber den langfristigen Bedrohungen der Meere, wie der Zerstörung von Lebensräumen (auch durch Fischerei), dem Klimawandel samt Ozeanversauerung oder der zunehmenden Vermüllung der Meere.