ICES-Fangempfehlungen: Was steckt dahinter?

Expertise

Jedes Jahr veröffentlicht der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) den wissenschaftlichen Ratschlag zum Zustand der Fischbestände im Nordostatlantik (ICES Advice) und schlägt nachhaltige Fangquoten für das nächste Jahr vor. Im Folgenden erläutern wir den Zustand der für deutsche Fischereien wichtigsten Fischbestände der Nordsee und des Nordostatlantiks und die darauf aufbauenden wissenschaftlichen Fangquoten-Empfehlungen.


Der Status vieler Fischbestände im Nordostatlantik und angrenzender Gebiete hat sich erfreulicherweise in den letzten Jahren verbessert. Durch das Absenken der Fangquoten und den daraus resultierenden Beschränkungen der Fischerei zeigt die Biomasse von vielen Beständen einen positiven Trend. Von 2003 bis 2018 nahm die Biomasse von Beständen mit analytischem Assessment im Nordostatlantik um durchschnittlich 36 % zu. Immer mehr Bestände werden nachhaltig nach dem Prinzip des maximalen Dauerertrages (MSY) bewirtschaftet, auch wenn das MSY-Ziel nicht für alle Bestände erreicht ist.

Im Jahr 2018 hatten 42 von 68 Beständen, für die entsprechende Referenzwerte vorliegen, das MSY-Kriterium erreicht. Dies entspricht 62 % der bewerteten Bestände, während es 2005 nur 22 % waren. Im Jahr 2020 sollen laut politischer Vorgaben alle Bestände nach dem MSY-Kriterium bewirtschaftet sein.

Was bedeuten MSY und FMSY?

Unter dem höchst möglichen Dauerertrag (englisch: Maximum Sustainable Yield, MSY) versteht man die optimale Fangmenge, die einem Fischbestand unter Ausschöpfung seines maximalen Wachstumspotenzials entnommen werden kann, ohne dass seine Fortpflanzungsfähigkeit in der Zukunft gefährdet ist.

Auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung (WSSD) in Johannesburg 2002 wurde eine Bewirtschaftung der Fischbestände auf Basis von MSY als globales Ziel definiert. Gemeinsam mit vielen anderen Ländern haben die EU-Mitgliedstaaten dieses politische Ziel übernommen und es in der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) verankert. Ein Hauptziel der GFP ist es somit, bis 2020 alle Bestände mit Fangbeschränkungen so zu bewirtschaften, dass sie den maximalen Dauerertrag liefern können. FMSY bezeichnet dabei die optimale Fischereiintensität, die den maximalen Dauerertrag ermöglicht. Werden Bestände über FMSY befischt, so wird ihr Wachstumspotenzial nicht mehr optimal ausgeschöpft und die Fischereien verlieren langfristig Ertrag.

Eine Gefährdung des Bestandes tritt aber erst ein, wenn über einen längeren Zeitraum mehr Fische entnommen werden als nachwachsen und eine kritische Elternbestands-Biomasse unterschritten wird, unterhalb derer das Risiko einer verminderten Nachwuchsproduktion rapide steigt. Der Bestand befindet sich dann außerhalb sicherer biologischer Grenzen.

Somit ist eine Überfischung in Bezug auf den maximalen Dauerertrag (Verlust an Ertrag) von einer Überfischung in Bezug auf sichere biologische Grenzen (verminderte Nachwuchsproduktion) zu unterscheiden.

Was ist die fischereiliche Sterblichkeit?

Die fischereiliche Sterblichkeit ist ein Maß für die Menge an Fisch oder anderen Meerestieren, die über einen bestimmten Zeitraum durch Fang vom fischereilich nutzbaren Anteil eines Bestandes entnommen wird.

Die Erholung der Bestände hat auch positive ökonomische Effekte. So verzeichnete die EU-Fangflotte im Jahr 2018 Nettogewinne in Höhe von 1,3 Milliarden Euro. Die Prognosen für 2019 und 2020 sehen den Nettogewinn stabil auf hohem Niveau.

Erläuterungen zu den einzelnen Empfehlungen

Kabeljau Nordsee

Kabeljau (© Thünen-Institut)

Für diesen Bestand nahm die fischereiliche Sterblichkeit zwischen 2000 und 2016 ab, ist aber seit 2016 wieder stark angestiegen und nun deutlich über dem Referenzwert FMSY. In den Jahren zwischen 2004 und 2015 hat sich die Laicherbestands-Biomasse etwas erholt, seit 2015 geht der Bestand aber wieder deutlich zurück. 2020 liegt die Laicherbestands-Biomasse unter dem unteren Bestandslimit (Blim) und somit außerhalb sicherer biologischer Grenzen.

Die Erholung zwischen 2004 und 2015 beschränkte sich außerdem fast ausschließlich auf den nördlichen Bereich der Nordsee. Im südlichen Teil ist der Bestand seit Jahrzehnten auf einem sehr niedrigen Niveau mit Anzeichen einer weiteren Abnahme. Klimatische Veränderungen spielen hier neben der Fischerei eine Rolle, da die Nordsee die südliche Grenze des Verbreitungsgebietes von Kabeljau darstellt. Wissenschaftliche Studien lassen außerdem vermuten, dass eine Wiederbesiedlung der südlichen Gebiete durch Kabeljau aus dem Norden unwahrscheinlich ist, da Kabeljau meist zu seinen angestammten Laichgebieten zurückkehrt und es sich generell wahrscheinlich um unterschiedliche Bestände handelt. Genetische Untersuchungen lassen einen Bestand im Nordosten (Viking Cod) und einen Bestand im Süden und entlang der Küste des vereinigten Königreichs (Dogger Cod) vermuten. Insgesamt ist die Produktivität von Kabeljau in der Nordsee nach 1998 sehr niedrig im Vergleich zu früheren Jahren. Nach einem etwas stärkeren Jahrgang 2016, wird für den Jahrgang 2017 der niedrigste Wert seit Beginn der Zeitserie berechnet. Der Jahrgang 2019 ist wieder etwas stärker.

Basierend auf dem MSY-Ansatz empfiehlt der ICES eine Höchstfangmenge von 14.755 Tonnen für 2021, nach 13.686 Tonnen für 2020. Die erlaubte Höchstfangmenge 2019 lag noch bei 35.357 Tonnen. Die Gründe für die niedrigen Höchstfangmengen liegen auch an einer negativeren Einschätzung der aktuellen Bestandgröße. Insbesondere ältere Tiere wurden in den letzten Surveys weniger gefangen als aufgrund von Surveyfängen aus den Jahren zuvor und den Daten aus der Fischerei zu erwarten war. Die Gründe dafür sind unklar und müssen weiter untersucht werden. Ein weiterer Grund für die drastische Reduzierung ist, dass bei einem Bestand, der sich unterhalb von Blim befindet, die fischereiliche Sterblichkeit deutlich unter FMSY abgesenkt werden muss, damit sich der Bestand erholen kann.

Die Erläuterung zum Kabeljau in der Nordsee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Alexander Kempf

Seelachs Nordsee

Seelachs (© Thünen-Institut)

Der Bestand ist innerhalb sicherer biologischer Grenzen. Jedoch wird der Bestand seit 2017 über FMSY befischt mit weiter steigender Tendenz. Die Produktivität des Bestandes ist in den letzten 10 Jahren geringer als in den Jahrzenten davor, was ungünstige Umwelteinflüsse vermuten lässt.

ICES empfiehlt für 2021 eine Höchstfangmenge von 65.687 Tonnen. Dies entspricht einer Reduzierung von 25 % gegenüber dem Vorjahr. Generell zeigen die wissenschaftlichen Surveys einen höheren Bestand an als die Informationen von den Fischereiflotten. Vor allem im Gebiet westlich von Schottland wurde ein Einbruch in den Fangraten gemeldet. Die Interpretation der kommerziellen Daten ist nicht einfach, da auch Veränderungen in den Fangmustern aus ökonomischen Gesichtspunkten eine Rolle spielen können. Dies erhöht die Unsicherheit der Bestandberechnungen.

Da auch der wissenschaftliche Survey nicht gezielt auf Seelachs ausgerichtet ist, gilt das Assessment insgesamt als unsicher. Alternativen fehlen aber momentan. Um die Unsicherheiten in Zukunft zu verringern, arbeiten Norwegen und Deutschland an einem speziell auf Seelachs ausgerichteten Survey.

Die Erläuterung zum Nordsee-Seelachs als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Alexander Kempf

Scholle Nordsee

Scholle (© Thünen-Institut)

Bedingt durch eine kontinuierliche Abnahme im Fischeraufwand der Hauptfangflotten für Plattfische seit Anfang der 2000er Jahre ist auch die fischereiliche Sterblichkeit (F) für Scholle in den letzten Jahren stetig gesunken. Seit 2009 liegt sie knapp um den Referenzwert FMSY. Während die ermittelte Rekrutierung seit Mitte der 1990er durchschnittlich ausfällt, ist die Laicherbestands-Biomasse der Scholle deutlich angestiegen und erreichte in den letzten Jahren die höchsten Werte seit Aufzeichnung der Daten.

Die Fangempfehlung des ICES nach dem MSY-Konzept beträgt für das Jahr 2021 für Scholle aus der Nordsee und dem Skagerrak zusammen nicht mehr als 162.607 Tonnen. Sie liegt damit leicht unter der Vorjahresempfehlung von 166.499 Tonnen (-2,3 %). Mit dieser Absenkung der erlaubten Höchstfangmenge wird dem MSY-Ansatz Rechnung getragen, damit der Bestand weiterhin auf FMSY-Niveau befischt werden kann. Die Gesamtfangmenge in den letzten Jahren lag allerdings ohnehin immer deutlich unter der empfohlenen Höchstfangmenge.

Der Laicherbestand ist in den letzten Jahren laut dem Assessment auf Rekordniveau gestiegen. Ein Großteil der aktuellen Laicherbestands-Biomasse besteht jedoch aus alten Tieren, für die keine Informationen aus den Surveys für das Assessment vorliegen. Dies erhöht die Unsicherheit in den Bestandsabschätzungen deutlich.

In den letzten Jahren ist eine Tendenz zu einem niedrigeren Gewicht der Einzeltiere zu beobachten, was auf eine Nahrungslimitation hindeuten könnte. Sollte sich das bestätigen, müsste der Referenzwert für FMSY überarbeitet werden, da der Bestand in diesem Fall trotz Bewirtschaftung auf einem vermeintlichen FMSY-Niveau nicht seine maximale Produktivität entfalten kann. Noch ist jedoch nicht abschließend geklärt, ob der Rückgang im mittleren Gewicht eine natürliche Schwankung ist oder aber anzeigt, dass tatsächlich durch den sehr hohen Bestand die Nahrung knapp wird. Dies ist ein zentraler Punkt, der die Wissenschaft momentan beschäftigt, um das Management basierend auf dem MSY-Ansatz zu optimieren.

Die Erläuterung zur Scholle in der Nordsee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Holger Haslob

Seezunge Nordsee

Seezunge (© Thünen-Institut)

Die Laicherbestands-Biomasse der Seezunge in der Nordsee zeigte nach einem Hoch Anfang der 1990er Jahre bis 2007 einen generell abnhmenden Trend. Nach diesem Tiefpunkt hat sich der Bestand leicht erholt und liegt um den Referenzwert Blim, aber seit Ende der 90iger kontinuierlich unter dem Referenzwert MSYBtrigger. Die fischereiliche Sterblichkeit (F) ist zwar seit 1997 kontinuierlich gesunken, liegt aber über für die gesamte Zeitserie über dem Referenzwert von FMSY. Die ermittelte Rekrutierung liegt seit Anfang der 1990er Jahre meist ohne erkennbaren Trend unter dem langjährigen Mittel. Für 2019 zeigten die Surveyindices jedoch eine sehr hohe Rekrutierung an.

Basierend auf dem Management-Plan der EU für die gemischten demersalen Fischereien der Nordsee berechnet der ICES Fangmengen im Bereich zwischen 13.237 und 32.920 Tonnen für 2021 in der Nordsee als konform nach dem Vorsorgeprinzip. Die auf FMSY bezogene empfohlene Höchstfangmenge liegt für 2021 bei 21.361 Tonnen. Die Vorjahresempfehlung lag bei nicht mehr als 17.545 Tonnen. Somit stellt die neue Fangempfehlung basierend auf FMSY eine deutliche Erhöhung um 22 % dar. Grund für die höhere Fangempfehlung – wenn der Bestand weiterhin mit FMSY befischt werden soll – ist ein relativ starker 2018er Jahrgang. Das Assessment wurde 2020 geprüft, und es wurden neue verfügbare Survey-Daten implementiert, die einen wichtigen Teil des Verbreitungsgebietes des Seezungenbestandes abdecken. Durch die Revision des Assessment-Modells wurde die Laicherbestands-Biomasse über die Zeitserie nach unten korrigiert und die Biomasse-Referenzpunkte nach oben.

Die Erläuterung zur Seezunge in der Nordsee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Holger Haslob

Hering Nordsee

Hering (© Thünen-Institut)

Die Laicherbestands-Biomasse des Nordseeherings schwankt seit Ende der 1990er Jahre zwischen 1,5 und 2,7 Millionen Tonnen. Ein starker Rückgang des Laicherbestandes Mitte der 1990er Jahre führte zu drastischen Fangbeschränkungen. Zusätzlich wurde ein Managementplan entwickelt und eingeführt. Im Ergebnis erholte sich der Bestand nachhaltig. Seit 1996 liegt die Laicherbestands-Biomasse innerhalb biologisch sicherer Grenzen und die fischereiliche Sterblichkeit beständig unterhalb von FMSY.

Trotz der guten Bestandsstärke ist das Aufkommen an Heringsnachwuchs seit 2003 nur unterdurchschnittlich. Einzig 2013 brachte einen stärkeren Nachwuchsjahrgang hervor. Aus Heringslarvenfängen auf den Laichplätzen ist ersichtlich, dass nach wie vor ausreichend Larven schlüpfen. Diese erreichen jedoch zumeist nicht das Jungheringsstadium. Die Gründe hierfür sind nicht abschließend geklärt. Die letzten wirklich starken Jahrgänge datieren aus den Jahren 1998 und 2000 und sind mittlerweile kaum noch im Bestand vertreten.

Basierend auf dem ICES-MSY-Ansatz (FMSY × SSB2021/MSY Btrigger) ergibt sich für 2021 eine Fangempfehlung für alle Flottenanteile von 365.792 Tonnen (-15,1 % gegenüber der empfohlenen Höchstfangmenge für 2020). Dieser Rückgang ist eine Folge der schwachen Heringsjahrgänge und der geringer werdenden Fanganteile des 2013er Jahrgangs. Gegenwärtig besteht keine Übereinkunft zwischen der EU und Norwegen zur Anwendung eines Managementplans. Daher findet für 2021 der MSY-Ansatz Anwendung. Als Folge der seit Jahren schwachen Rekrutierung ist für 2021 eine weitere Abnahme des Laicherbestandes zu erwarten.

Neben der Fischerei zur menschlichen Ernährung (A-Flotte) existiert in der Nordsee auch eine Industriefischerei zur Erzeugung von Fischmehlen und -ölen (B-Flotte). Da hier vornehmlich Jungheringe als Beifang in der Sprottenfischerei auftreten, wird dieses Flottensegment mit einer eigenen Höchstmengenbegrenzung für Heringsbeifang versehen (2021 voraussichtlich 6.425 Tonnen). Außerdem vermischen sich vor der südlichen norwegischen Küste, im Skagerrak/Kattegat und in der westlichen Ostsee Heringsbestände aus Nord- und Ostsee und werden gemeinsam gefangen. Für den Ostseehering aus der westlichen Ostsee, dem Skagerrak und dem Kattegat empfiehlt der ICES für 2021 ein Fangverbot. Daher sind auch die entsprechenden Fanganteile an Nordseehering für die Fischerei der C- und D-Flotte in den angeführten Gebieten auf null gesetzt worden, da sonst bei der Fischerei auf Nordseehering auch Ostseeheringe in den Netzen der Fischer landen.

Neben den Fangdaten und den biologischen Beprobungen aus der Fischerei werden bei den Bestandberechnungen auch verschiedene Zeitserien aus wissenschaftlichen Forschungsreisen verwendet (Heringslarven-Survey, Jungheringsaufkommen, Bodentrawl-Fänge). Dazu kommen akustische Messungen zur Anzahl und Stärke der Heringsschwärme. Damit sind Menge und Qualität an Eingangsdaten im Vergleich zu vielen anderen Beständen sehr gut.

Die Erläuterung zum Hering in der Nordsee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Norbert Rohlf

Makrele Nordostatlantik

Makrele (© Thünen-Institut)

Die Biomasse des Laicherbestandes der nordostatlantischen Makrele ist seit den 2000er Jahren substantiell bis zu einem Maximum 2014 gestiegen, nimmt seitdem ab, wird aber weiterhin innerhalb sicherer biologischer Grenzen eingeschätzt. Die fischereiliche Sterblichkeit ist seit 2003 zurückgegangen und liegt seit 2016 unter FMSY. Seit den frühen 2000er Jahren haben sich einige große Jahresklassen entwickelt. Als Resultat der gestiegenen Biomasse und klimatischer Veränderungen hat sich der Bestand seit Ende der 2000er Jahre insbesondere während der weiten Fresswanderungen im Sommer stark in nordwestlicher Richtung ausgedehnt.

Für die Bestandsabschätzung wird ein altersbasiertes Modell angewendet. Dieses verwendet – neben den kommerziellen Daten – den alle drei Jahre stattfindenden Makreleneiersurvey, der auf die Laichansammlungen abzielt, und seit mehreren Jahren auch einen nordischen „Swept area“ Survey, der den Bestand während der Fresswanderung erfasst. Außerdem wird der internationale Bodentrawl-Survey (IBTS) im 4. Quartal und 1. Quartal zur Abschätzung der Nachwuchssituation verwendet. Norwegische Markierungsdaten, bei denen über die Wiederfangraten die Bestandsgröße abgeschätzt wird, wurden in den letzten Jahren ebenfalls in das Assessment integriert.

Nach dem Benchmark-Prozess 2017 bestand immer noch eine gewisse Unsicherheit in der Berechnung. Dies liegt zum einen an der Kürze einiger der verwendeten Zeitreihen und zum anderen an einigen widersprüchlichen Signalen von den verschiedenen, im Assessment verwendeten Daten. Insbesondere die Ergebnisse aus Lebendmarkierungen von Makrelen haben das Ergebnis der Bestandsberechnungen erheblich beeinflusst. Ein Interbenchmark-Prozess im Frühjahr 2019 hat diese bestehenden Unsicherheiten nochmals untersucht.

Während des Interbenchmarks wurde dann konsequenterweise das Berechnungsmodell insgesamt überprüft und verbessert. Die Konfiguration des Modells wurde dabei so verändert, dass die unterschiedlichen Datensätze nun optimal genutzt werden. Infolgedessen hat sich die Wahrnehmung des Makrelenbestandes geändert. Die Referenzpunkte bezüglich der kritischen Bestandsgröße wurden etwas verringert und bezüglich der kritischen Werte zur fischereilichen Sterblichkeit geringfügig erhöht. Die abgeschätzte Bestands-Biomasse hat sich für die letzten Jahre deutlich erhöht.

Das Interbenchmark führte insgesamt zu einer weitaus positiveren Wahrnehmung des nordostatlantischen Makrelenbestandes und machte eine Revidierung des Ratschlages von 2019 nötig. Der neueste wissenschaftliche Ratschlag vom 30. September 2020 gibt eine maximale Fangmenge für 2021 von 852.000 Tonnen vor und liegt damit unter dem Ratschlag vom Vorjahr von 922.000 Tonnen.

Die Erläuterung zur Makrele im Nordostatlantik als PDF zum Download

Ansprechpartner: Jens Ulleweit

Kabeljau Nordostarktis

Kabeljau (© Thünen-Institut)

Dieser Bestand befindet sich derzeit in einem guten Zustand. Die Laicherbestands-Biomasse befindet sich seit 2002 innerhalb sicherer biologischer Grenzen und erreichte 2013 ihren historischen Höchststand. Seitdem hat die Biomasse abgenommen, der Bestand wird aber weiterhin nachhaltig befischt. Die fischereiliche Sterblichkeit (F) liegt seit 2008 unter dem Referenzwert FMSY.

Die Fangempfehlung des ICES von nicht mehr als 885.600 Tonnen für 2021 liegt deutlich über der empfohlenen vorjährigen Höchstfangmenge von 689.672 Tonnen. Die Erhöhung kommt hauptsächlich durch eine höhere Abschätzung des Laicherbestandes im Vergleich zu den Bestandsberechnungen im letzten Jahr zustande. Die empfohlene Höchstfangmenge basiert auf dem Managementplan des JRNFC (Joint Norwegian-Russian Fishery Commission) von 2016. Die empfohlene Fangmenge entspricht einer fischereilichen Sterblichkeit von 0,47, welche über dem FMSY Wert von 0,40 liegt. Laut Managementplan wird eine Befischung über FMSY angestrebt, wenn der Bestand mehr als doppelt so hoch ist als der Referenzwert Bpa (ab Bpa ist der Bestand innerhalb sicherer biologischer Grenzen) um z.B. negative Auswirkungen eines großen Kabeljaubestandes auf Beutebestände abzumildern.

Die 885.600 Tonnen stellen einen Mittelwert an erlaubten Fängen über eine Dreijahres-Prognose dar. Dieser Wert wäre gemäß Managementplan noch höher (890.489 Tonnen), allerdings begrenzen die Befischungsregeln (Harvest control rule) für diesen Bestand eine Zunahme des TAC von einem auf das nächste Jahr auf 20 %.

Die Erläuterung zum Kabeljau in der Nordostarktis als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Matthias Bernreuther

Rotbarsch Grönland/Irmingersee

Rotbarsch (© Thünen-Institut)

Die deutsche Flotte fischt Rotbarsch hauptsächlich am Grönlandschelf und in der Irmingersee. Dort kommen zwei Rotbarscharten, der Tiefenrotbarsch (Sebastes mentella) und der Goldbarsch (S. norvegicus, ehemals S. marinus), in mehreren Beständen vor. Der Zustand dieser Bestände ist unterschiedlich. Am Ostgrönlandschelf werden außerdem die beiden Arten gemeinsam gefangen. Eine Unterscheidung zwischen S. norvegicus und S. mentella ist oft schwierig, so dass es zu Fehlmeldungen zwischen den gemeinsam vorkommenden Arten kommt bzw. beide Arten zusammen als „Rotbarsch“ gemeldet werden.

Der S. norvegicus-Bestand am Ostgrönlandschelf gehört zu dem größtenteils am Islandschelf vorkommenden Bestand und ist in einem guten Zustand. Die Laicherbestands-Biomasse befindet sich seit 2009 innerhalb sicherer biologischer Grenzen und wird seit 2010 annähernd nach dem MSY-Prinzip befischt, da die fischereiliche Sterblichkeit meist leicht über dem FMSY-Wert von 0.097 lag. Die Fangempfehlung des ICES von nicht mehr als 38.343 Tonnen für 2021 liegt ca. 5.000 Tonnen unterhalb der erlaubten Höchstfangmenge für 2020 und basiert auf dem grönländisch-isländischen Managementplan für S. norvegicus. Sorge bereitet die Rekrutierung von Jungfischen in den Elternbestand, da diese seit 2011 gering ausgefallen ist.

Der genaue Zustand des am Grönlandschelf vorkommenden S. mentella-Bestandes kann nicht genau eingeschätzt werden. Der Bestand hat seit 2010 abgenommen und sich in darauffolgenden sieben Jahren nicht verbessert. Die Empfehlung des ICES von nicht mehr als 914 Tonnen für 2021 entspricht der zulässigen Höchstfangmenge der Jahre 2019 und 2020. Ob die Fänge die empfohlene Höchstfangmenge in den vergangenen Jahren jeweils übertroffen haben, ist schwierig einzuschätzen, da bis 2017 eine gemeinsame Quote für die beiden Rotbarscharten am Grönlandschelf ausgegeben wurde und aufgrund der schwierigen Artentrennung eine genaue Einschätzung schwierig ist.

In der benachbarten Irmingersee kommen zwei weitere S. mentella-Bestände vor, die mit pelagischen Schleppnetzen gefangen werden. Diese beiden Bestände haben so stark abgenommen, dass der ICES für den flachen Bestand seit 2010 und für den tiefen Bestand seit 2017 empfiehlt, keine Fänge zu tätigen. Der Zustand des flachen Bestandes (< 500 m Wassertiefe) kann nicht genau eingeschätzt werden, allerdings hat dieser Bestand so stark abgenommen, dass er derzeit weniger als 5 % der ursprünglichen Bestandsgröße beträgt. Der tiefe Bestand (> 500 m Wassertiefe) weist eine verminderte Reproduktionsfähigkeit auf und wird schon seit den 1990er Jahren mit einer fischereilichen Sterblichkeit von deutlich über FMSY befischt.

Die Erläuterung zum Rotbarsch Grönland/Irmingersee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Christoph Stransky

Rotbarsch Norwegensee/Barentssee

Rotbarsch (© Thünen-Institut)

Am norwegischen Schelf, in der Norwegensee und in der Barentssee sind ebenfalls die zwei Rotbarscharten von kommerzieller Bedeutung anzutreffen: der Tiefenrotbarsch (Sebastes mentella) und der Goldbarsch (Sebastes norvegicus, ursprünglich Sebastes marinus).

Der Sebastes mentella-Bestand befindet sich derzeit mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem guten Zustand. Die Laicherbestands-Biomasse hat zwischen 1992 und 2005 stetig zugenommen und sich seitdem auf hohem Niveau stabilisiert. Die fischereiliche Sterblichkeit (F) ist seit 1997 relativ niedrig (F = 0,01 – 0,06); seit 2006 werden wieder starke Nachwuchsjahrgänge beobachtet. Gemäß dem Vorsorgeansatz empfiehlt der ICES eine Höchstfangmenge von nicht mehr als 66.158 Tonnen für 2021 und 67.210 Tonnen für 2022. Diese Empfehlung liegt damit deutlich über der erlaubten Höchstfangmenge für 2019 von 53.757 Tonnen.

Seit 2004 hat sich in der Norwegensee eine pelagische Fischerei auf diesen Bestand entwickelt, die außerhalb der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) Norwegens liegt und die von der North-East Atlantic Fisheries Commission (NEAFC) gemanagt wird. Da es kein internationales Abkommen über das Aufteilen der Höchstfangmenge zwischen den fischenden Nationen und zwischen nationalen und internationalen Gewässern gibt, lagen die Fänge zwischen 2016 und 2018 etwas über der erlaubten Höchstfangmenge. 2019 lagen sie wieder unterhalb. Wie dieses Verhältnis 2020 bis 2022 sein wird, lässt sich nicht voraussagen.

Der am norwegischen Schelf und in der Barentssee vorkommende Goldbarschbestand (S. norvegicus) befindet sich derzeit in einem schlechten Zustand. Die Laicherbestands-Biomasse hat seit den späten 1990er Jahren kontinuierlich abgenommen und befindet sich auf dem niedrigsten Stand in der Zeitserie der Bestandsabschätzungen. Daher empfiehlt der ICES, keine Fänge für die Jahre 2021 und 2022 zu tätigen. Zusätzlich empfiehlt der ICES, die Beifänge an Goldbarsch in anderen Fischereien im gleichen Gebiet, wie z.B. auf Kabeljau und Seelachs, möglichst gering zu halten. Dennoch wurden in den letzten Jahren 3.000 bis 8.000 Tonnen jährlich gefangen.

Die Erläuterung zum Rotbarsch in der Norwegensee/Barentssee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Christoph Stransky

Kabeljau Grönland

Kabeljau (© Thünen-Institut)

Der Kabeljau-Bestandskomplex vor Grönland gliedert sich nach gegenwärtigem Erkenntnisstand in drei Untereinheiten mit deutlichen ökologischen Unterschieden. Der westliche Küstenbestand lebt in den ausgedehnten Fjordsystemen, der Hochseebestand gliedert sich in einen westlichen (West-Grönland) und einen östlichen Bestand (Südwest-Grönland bis Island). Der östliche Hochseebestand steht in einem Austausch mit dem Kabeljaubestand vor Island. Historisch war die Hochzeit der Kabeljaufischerei vor Grönland mit einem sehr großen westlichen Hochseebestand verbunden, während die Erholung seit 2000 auf ein Erstarken der östlichen Komponente zurückzuführen ist. Insgesamt vermischen sich die Bestände während der unterschiedlichen Lebensstadien. Daher ist es schwierig, die Fänge einer Population zuzuordnen.

Nach dem Zusammenbruch der Bestände Anfang 1990 erfolgte eine 10-jährige Periode mit sehr geringer Populationsdichte. Der Aufwärtstrend nach 2000 ist von erheblichen Schwankungen betroffen. Nach einem Moratorium bis 2005 wurde 2006 die Fischerei wieder eingeführt.

Obwohl die Abundanz-Trends der letzten Jahre für den östlichen Hochseebestand rückläufig sind, wurde die Fangempfehlung für 2018 aufgrund eines neu gerechneten Assessment-Modells nach oben korrigiert. Damit änderte sich auch die Basis der Fangempfehlungen grundlegend. Der Bestand wird laut der Abschätzung von 2020 noch als innerhalb sicherer Grenzen eingestuft, jedoch zeigt sich seit 2016 eine stark abnehmende Tendenz. Die fischereiliche Sterblichkeit steigt seit einigen Jahren stetig und liegt jetzt über dem nachhaltigen Referenzwert FMSY. Die Fangquotenempfehlung für 2021 liegt bei 6.091 Tonnen. In den letzten Jahren lagen die festgelegten Höchstfangmengen immer um ein Vielfaches über den wissenschaftlichen ICES-Fangempfehlungen.

Der westgrönländische offshore-Bestand befindet sich im historischen Vergleich auf einem sehr niedrigen Niveau. Deshalb sollten keine Fänge getätigt werden Es wird vermutet, dass der starke Anstieg in den Abundanz-Indices bis 2015 hauptsächliche durch Juvenile von anderen Beständen in der Umgebung verursacht wurde. Der grönländische Index für 2016 bis 2018 zeigt wieder einen deutlichen Einbruch und eine geringe Bestandsgröße an.

Der westgrönländische Küstenbestand zeigt einen ansteigenden Trend im letzten Jahrzehnt und erreichte 2015 ein Hoch. Seitdem nimmt der Bestand aufgrund einer rückläufigen Produktivität wieder ab. Die Fangempfehlung für 2021 beträgt 5.283 Tonnen, was einer Reduzierung um 4,6 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Der Bestand gilt als innerhalb sicherer biologischer Grenzen, aber die fischereiliche Sterblichkeit liegt deutlich über dem nachhaltigen Referenzwert FMSY. Um FMSY bei abnehmendem Bestand zu erreichen, sind Einschnitte in der empfohlenen Fangmenge erforderlich.

Die offiziellen Fänge der letzten Jahre lagen deutlich höher als die ICES-Fangempfehlungen. Eine Vermischung unterschiedlicher Bestände in den Fanggebieten erschweren das Assessment und das Management zusätzlich.

Die Erläuterung für den Kabeljau vor Grönland als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Heino Fock

Schwarzer Heilbutt (Ostgrönland, Island, Färöer, westlich von Schottland)

Schwarzer Heilbutt (© Thünen-Institut)

Für den Schwarzen Heilbutt als Tiefenbestand liegt für das große Abschätzungsgebiet von den Färöern, Island und Ost-Grönland keine einheitliche wissenschaftliche Forschungsreise vor. Entsprechend wird die Bestandsdynamik neben einem kombinierten Forschungsindex zu einem größeren Teil aus kommerziellen Fangdaten abgeschätzt. Die Ergebnisse sind dabei von der Gewichtung der einzelnen Eingangsparameter abhängig.

Ein analytisches Assessment liegt zwar vor, weist jedoch größere Unsicherheiten auf. Der Trend zeigt eine Erholung, nachdem die Bestandsdichte in den Jahren 1994 bis 1996 stark eingebrochen war und zwischenzeitlich den nachhaltigen Referenzwert MSY-Btrigger-Wert erreicht hatte. In den letzten Jahren ist der Bestand stabil über MSY-Btrigger.

Nach den ICES-Empfehlungen für 2021 sollte die Jahresfangmenge 23.530 Tonnen nicht übersteigen. Dies entspricht einer Anhebung von 10 % im Vergleich zum Vorjahr. Biomasse und Reproduktionspotenzial des Bestandes liegen oberhalb der Referenzwerte, die fischereiliche Sterblichkeit liegt auf FMSY.

Die Erläuterung zum Schwarzen Heilbutt als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Heino Fock