„Die Talsohle haben wir durchschritten“

Im Gespräch

Die BIS – Wirtschaftsförderung Bremerhaven – befragte Dr. Gerd Kraus, Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei, über die Zukunft der Fischerei und die Herausforderungen der Branche.


Bremerhaven war einst der Heimathafen einer bedeutenden deutschen Fischereiflotte, der hiesige Fischereihafen der größte seiner Art auf Europas Festland. Heute, nach einem drastischen Strukturwandel in der Fangfischerei, ist der Hafen ein Cluster leistungsfähiger Fisch- und Lebensmittelwirtschaft und Forschungsstandort, der durch zwei Thünen-Institute weiter verstärkt wird. BIS aktuell – der Newsletter der Wirtschaftsförderung Bremerhaven – sprach mit mit Dr. Gerd Kraus, dem Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei.

Sind die Meere bald leergefischt? Oder müssen wir uns in der Hinsicht keine Sorgen machen?

Im Moment sieht es so aus, als ob wir das Problem der Überfischung langsam aber sicher in den Griff bekommen. Viele Bestände, gerade bei uns in Europa, haben sich deutlich erholt. Das soll aber nicht heißen, dass wir uns keine Sorgen machen müssten. Wenn wir uns jetzt zurücklehnen und den Dingen ihren freien Lauf lassen würden, könnte sich der Trend ganz schnell wieder umkehren.

Wem oder was haben wir die gute Entwicklung zu verdanken?

Unter anderem guter Wissenschaft und gutem Management. Seit 2002 haben wir in der europäischen Fischereipolitik das Prinzip des maximalen Dauerertrags. Man schöpft also nur das ab, was man auf lange Sicht aus dem Ökosystem entnehmen kann, ohne die natürliche Produktivität der Bestände zu gefährden. Das ist das oberste Managementziel, und daran wird sich auch mehr und mehr gehalten. Dazu kommt, dass wir für viele der großen Fischbestände langfristige Managementpläne implementiert haben, die kurzfristige Wünsche und Begehrlichkeiten ausbremsen.

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Fische und die Fischerei aus?

Global betrachtet wird es sich negativ auf die Fischereiwirtschaft auswirken. Die Ozeane werden wärmer, und durch die vermehrte Aufnahme von CO2 kommt es auch zu einer Versäuerung der Meere. Es gibt aber regionale Unterschiede. In den gemäßigten Breiten und der Arktis, also auch in unseren Gewässern, könnten wir den Prognosen zufolge sogar vom Klimawandel profitieren, da Artenvielfalt und Fangpotenzial hier zunehmen. Mit dem Thünen-Institut für Seefischerei liefern Sie wissenschaftliche Daten als Grundlagen für Politik und Wirtschaft.

Wie schaffen Sie es, die kompletten Bestände in Nordsee und Nordatlantik im Auge zu behalten?

Das ist tatsächlich nicht ganz so einfach, denn das Meer ist groß, dreidimensional und man kann nicht reingucken. Daher müssen wir mit kleinen Stichproben arbeiten und bedienen uns zusätzlich der kommerziellen Fischerei, die mit ihren Fängen für uns ein sehr großflächiges Sammelprogramm fährt. Wir analysieren, wie die Fänge und Proben zusammengesetzt sind. Dann benutzen wir ähnlich wie die Bevölkerungsforscher beim Menschen demographische Modelle. Anhand von Daten wie Altersstruktur, Nachwuchs- und Sterblichkeitsraten der Fische aus verschiedenen Datenquellen prognostizieren wir die künftige Entwicklung der Bestände und des Ökosystems.

Aquakulturen liegen im Trend. Essen wir bald nur noch gezüchtete Fische?

Global gesehen hat die Aquakultur die Fangfischerei eingeholt, beide sind heute in etwa gleichauf. Und da der Fischmarkt globalisiert ist, kommt auch bei uns immer mehr Fisch aus Aquakultur in die Verarbeitung. Was die Produktion von Zuchtfischen anbelangt, hinken wir in Europa der globalen Entwicklung aber weit hinterher. Aufgrund der sehr strengen Umweltauflagen ist es praktisch nicht möglich, innerhalb der EU und besonders in Deutschland, neue Aquakulturen aufzubauen. Durch diesen sehr starken regulatorischen Deckel werden die Chancen und Potenziale bei uns ausgebremst.

Lassen sich Umweltschutz und Aquakulturen nicht unter einen Hut bringen?

In der Forschung denkt man gerade über eine Integrierte multitrophische Aquakultur nach. Dabei wird versucht, die Exkremente und Emissionen, die von der Fischzucht an die Umwelt abgegeben werden, durch Algen und niedere trophische Tiere wie Muscheln aufzunehmen und abzubauen, so dass man insgesamt auf eine ausgeglichene Umweltbilanz kommt. Das könnte in Europa und Deutschland auf lange Sicht ein vielversprechender Weg sein. In Bremerhaven war die Fischerei mal ein bedeutender Wirtschaftsfaktor – Vergangenheitsform.

Welche Rolle spielt die Fischerei als Wirtschaftsbranche heute noch?

In Deutschland hat sie gesamtwirtschaftlich gesehen kaum noch eine Bedeutung. Sie spielt eine regionale, man kann fast schon sagen museale Rolle. Die Küstenfischerei in den kleinen Häfen an der Küste ist auch nur lokal bedeutsam, vor allem aber für die Attraktivität als touristische Standorte. Die deutsche Hochseefischerei ist derzeit noch mit sieben Schiffen weltweit unterwegs. Sie arbeitet zwar sehr profitabel – ist im Vergleich zu anderen Ländern Europas und der Welt aber sehr übersichtlich.

Wird sich daran Ihrer Einschätzung nach noch einmal etwas ändern?

Das Fischereimanagement hat bereits dazu beigetragen, dass die Fischer mehr Sicherheit bekommen, weil sie einfach verlässlichere Fangoptionen haben. Wenn man noch weiter in die Zukunft denkt und sich Szenarien für die weltweite Bevölkerungsentwicklung anschaut, wird sich global das Proteinversorgungsproblem verstärken. In Europa ist der Eigenversorgungsgrad mit aquatischen Lebensmitteln noch recht gering. Daher könnte die Fischerei ein Baustein in einer europäischen Ernährungsstrategie sein, und müsste es in meinen Augen auch sein. Darum schätze ich die Zukunft der Fischerei eher positiv ein – die Talsohle haben wir auf jeden Fall schon durchschritten.


Quelle: BIS aktuell Nr. 19, Februar 2017
(PDF des Artikels. Das Interview führte M. Wagner)