Hering im Nordostatlantik, Nordsee und Ostsee

Expertise

Norwegischer Frühjahrslaicher

Verbreitung und Bewirtschaftung

Der Norwegische Frühjahrslaicher ist der größte atlantische Heringsbestand. Er ist weit verbreitet und wandert in seinem Leben über große Bereiche des nördlichen Nordostatlantiks. Die Wandermuster haben sich mehrfach geändert, wobei nicht klar ist, ob diese Veränderungen nur auf die Bestandsgröße zurückgeführt werden können oder ob noch andere Faktoren eine wichtige Rolle spielen (z.B. Nahrungsanbot und Wassertemperatur).

Dadurch hat sich im Laufe der Jahrzehnte auch das Verbreitungsgebiet räumlich und saisonal mehrmals geändert. Derzeit kommt der Bestand vor allem in der Barentssee (Aufwuchsgebiet), Norwegischen See, um Island und die Färöer-Inseln und vor Grönland vor. Die Verbreitungsänderungen haben immer wieder zu Konflikten zwischen den Küstenstaaten (= Länder, in deren Gewässern ein Bestand vorkommt) hinsichtlich gemeinsamer Höchstfangmengen geführt. Derzeit haben die Europäische Union, Färöer-Inseln, Island, Norwegen, Russland und seit dem Brexit 2021 das Vereinigte Königsreich Küstenstaaten-Status für diesen Bestand. Da eine Einigung nicht möglich war, legen die Staaten seit 2013 autonom eigene Quoten fest. Deren Summe liegt meist über der wissenschaftlichen Fangempfehlung des ICES.

Bestandsentwicklung

Laicherbiomasse, Gesamtfang und andere Parameter (© Thünen-Institut)

Der Norwegische Frühjahrslaicher ist einer der Bestände, für die es besonders lange Messdaten-Zeitreihen gibt. Bestandsberechnungen gehen zurück bis 1907.

Die Gesamtfänge stiegen bis Mitte der 1960er Jahre nach Einführung der Ringwadenfischerei auf bis zu 2 Millionen Tonnen jährlich, während die Laicherbiomasse schnell abnahm. Ende der 1960er Jahre kollabierte der Bestand und es dauerte 20 Jahre, bis er sich in den späten 1980er Jahren erholte. Dies wurde hauptsächlich durch eine niedrig gehaltene fischereiliche Sterblichkeit erreicht.

Der Bestand zeigt im Vergleich zu anderen Heringsbeständen eine hohe Variabilität in der Nachwuchsproduktion. Mehrere starke Jahrgänge in den frühen 1990ern sowie zwischen 1998 und 2004 verhalfen zu einem weiteren Anstieg der Laicherbiomasse. 2008 wurde mit 7 Millionen Tonnen der höchste Wert seit 1988 erreicht. Danach nahm die Laicherbiomasse ab, blieb aber im grünen Bereich. Für 2021 ist wieder eine Zunahme zu verzeichnen. Die fischerliche Entnahme aus dem Bestand ist allerdings zu hoch. Verbunden mit relativ geringen Nachwuchsjahrgängen seit 2017 führt dies zu einer verringerten Fangempfehlung des ICES im Vergleich zum Vorjahr.


Nordsee-Herbstlaicher

Verbreitung und Bewirtschaftung

Der herbstlaichende Nordseehering ist in der Nordsee, dem östlichen Ärmelkanal und im Skagerrak und Kattegat verbreitet. Zwar treten lokal begrenzt auch frühjahrslaichende Heringe auf, für den Gesamtbestand spielen sie aber nur eine untergeordnete Rolle.

Für die Bewirtschaftung des Nordseeherings wurde 1995 der erste Managementplan in der EU beschlossen (gegenwärtig nicht mehr angewendet). Die Bewirtschaftung erfolgt gemeinsam durch die EU und Norwegen und seit 2021 mit dem Vereinigten Königreich. Für den herbstlaichenden Nordseehering wird eine Höchstfangmenge für die Nordsee festgelegt und eine weitere für den Vermischungsbereich mit dem Ostseehering, da sich die Bestände in der östlichen Nordsee und im Skagerrak/Kattegat überlappen. Durch den Brexit mussten Fanganteile neu geregelt werden, da der weitaus größte Teil der Fänge des Nordseeherings in britischen Gewässern erfolgt und dort auch die Hauptlaichgebiete liegen.

Bestandsentwicklung

Laicherbiomasse, Gesamtfang und andere Parameter (© Thünen-Institut)

Der Heringsbestand der Nordsee kollabierte in den 1970er Jahren als Folge einer nicht-nachhaltigen Fischerei. Nach Schließung der Fischerei 1977 erholte er sich allerdings schnell. Mitte der 1990er Jahre wurde die Laicherbiomasse erneut deutlich reduziert, diesmal durch eine zu hohe Entnahme von Jungfischen in der Industriefischerei, die dann fehlten, um den Laicherbestand aufzufüllen.

Seit 2002 weist der herbstlaichende Nordseehering nahezu dauerhaft unterdurchschnittliche Nachwuchsjahrgänge auf, was sich aber zunächst wegen reduzierter Fangmengen nicht negativ bemerkbar machte. Mittlerweile nimmt der Bestand jedoch ab. Im Sommer 2021 fand eine Neubewertung der Bestandsberechnung des Nordseeherings statt ("Interbenchmark"). Im Ergebnis dieses Prozesses hat sich die Einschätzung der Bestandssituation verändert. So geht beispielsweise die Bestandsabnahme langsamer vonstatten als zunächst angenommen, was in einer höheren Fangempfehlung des ICES mündet.


Frühjahrslaicher der westlichen Ostsee

Verbreitung und Bewirtschaftung

Der Hering der westlichen Ostsee gilt neben dem Dorsch als „Brotfisch“ für die deutsche Ostseefischerei. Eingesetzt werden hauptsächlich mittlere und kleine Schleppnetzkutter mit pelagischen Schleppnetzen (aktive Fischerei) und kleinste Fahrzeuge mit Stellnetzen (passive Fischerei). In der westlichen Ostsee verfügt Deutschland über die höchste Quote, im Kattegat und Skagerrak fischen vor allem Dänemark und Schweden.

Der Frühjahrslaicher der westlichen Ostsee unternimmt ausgiebige saisonale Wanderungen. Aus den Überwinterungsgebieten im Öresund zieht er von März bis Mai zum Laichen in die Bodden und Sunde der westlichen Ostsee. Nach der Eiablage wandert er zu den Nahrungsgründen, die in der westlichen Ostsee, im Kattegat und Skagerrak sowie in der östlichen Nordsee liegen. Dadurch ist dieser Bestand in drei verschiedenen Managementgebieten verbreitet, für die getrennte Höchstfangmengen festgelegt werden. In den nördlichen Verbreitungsgebieten kommt es zu Überlappungen mit den Nordsee-Herbstlaichern, was eine Fangmengen-Regelung zusätzlich erschwert.

Bestandsentwicklung

Laicherbiomasse, Gesamtfang und andere Parameter (© Thünen-Institut)

Die Zeitserie für diesen Bestand ist knapp 30 Jahre lang. In diesem Zeitraum hat die Laicherbiomasse zunächst stark abgenommen, konnte aber ab 1996 vorübergehend stabilisiert werden. Nach 2006 ist die Laicherbiomasse wieder gesunken; 2019 wurde der niedrigste Wert erreicht.

Auf die Abnahme der Laicherbiomasse hat das Management Anfang der 2000er Jahre nur langsam reagiert. Der Bestand befindet sich auch weiterhin in einer Periode mit schwacher Nachwuchsproduktion. Unter den letzten Jahrgängen sind die schwächsten der Zeitserie, was nach aktuellen Erkenntnissen vor allem auf die lokale Erwärmung bestimmter Gebiete der Ostsee zurückzuführen ist. Der Bestand befindet sich weit im roten Bereich, sodass drastische Kürzungen der Fangquoten notwendig wurden. Die Fangmengen wurden vor allem in der westlichen Ostsee reduziert (zwischen 2017 und 2021 um 94 %). Für 2022 wurde die Fangmenge erneut halbiert, ferner darf sie nur noch durch die passive Fischerei mit kleinen Fahrzeugen genutzt werden. In den nördlichen Managementgebieten des Bestandes (Skagerrak und Kattegat) durfte bis 2021 noch relativ viel Hering gefangen werden (Reduzierung der Fangmengen 2017-2021 um nur 57 %). Erst für 2022 wurden die Fangmöglichkeiten dort und in der westlichen Ostsee angeglichen; die Fangquoten in Kattegat und Skagerrak wurden dafür um über 90 % reduziert.

Die durch Fischerei verursachte Sterblichkeit konnte in den letzten zwei Jahren erheblich reduziert werden, war aber bis 2021 noch immer zu hoch, um eine schnelle Erholung des Bestandes zu ermöglichen. Selbst mit der nun erfolgten Fangmengensenkung wird eine Erholung mindestens fünf Jahre benötigen. Eine nachhaltige Nutzung ist jedoch – nach einer Erholung – auch bei anhaltend schwacher Nachwuchsproduktion möglich, wenn auch die Fangmengen von Anfang der 1990er Jahre nicht mehr erreicht werden dürften.


Weitere Infos zum aktuellen Zustand der Heringsbestände und anderer Bestände gibt es im Web-Portal Fischbestände online.