Einkommen in der Landwirtschaft

Dossier

Landwirtschaftliche Einkommen sind starken Schwankungen unterworfen: Die Preise, die ein Betrieb für einen Liter Milch oder ein Kilo Fleisch erzielen kann, verändern sich von Jahr zu Jahr – genauso wie die Preise für Saatgut, Dünger, Futter und Energie. Wir analysieren die Einkommensentwicklung über die Zeit.


Auf Grundlage des Informationsnetzes landwirtschaftlicher Buchführungen, kurz: Testbetriebsnetz, können wir die wirtschaftliche Lage und Entwicklung landwirtschaftlicher Unternehmen quantitativ abschätzen. Wir verwenden die Daten des Testbetriebsnetzes auch für Folgenabschätzungen – etwa wie sich eine neue Ausgestaltung der Direktzahlungen auf die Betriebe auswirkt.

Datengrundlage

Im Testbetriebsnetz werden die Buchführungsabschlüsse von repräsentativ ausgewählten Betrieben auf freiwilliger Basis erhoben und analysiert. Aktuell nehmen etwa 9.000 landwirtschaftliche Betriebe teil.

Ursprünglich war das Ziel des Testbetriebsnetzes, Erträge und Aufwendungen landwirtschaftlicher Betriebe zu erfassen und damit Informationen über deren wirtschaftliche Lage zu erhalten. Seit den 1990er-Jahren wird das Testbetriebsnetz allerdings immer mehr für die Folgenabschätzung agrarpolitischer Maßnahmen eingesetzt, insbesondere weil es die einzige repräsentative Datenbasis ist, die neben Merkmalen der Betriebsstruktur und Produktionstechnik auch Erträge, Aufwendungen und Einkommen landwirtschaftlicher Unternehmen umfasst.

Die Daten des Testbetriebsnetzes sind auch ein zentraler Bestandteil des betrieblichen Programmierungsmodells FARMIS, mit dem wir landwirtschaftliche Aktivitäten auf Betriebsebene detailliert abbilden und so auch Ex-ante-Abschätzungen vornehmen können. Über einzelbetriebliche Hochrechnungsfaktoren lassen sich unsere Ergebnisse zudem auf die regionale und sektorale Ebene projizieren.

Das Thünen-Institut hat mit dem BMEL eine Regelung getroffen, die auch externen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen einen Zugang zu den nationalen Testbetriebsdaten ermöglicht. Dabei ist die Vertraulichkeit der Daten sichergestellt.

Wie das Einkommen der Betriebe berechnet wird

Landwirtschaftliche Betriebe können in verschiedenen Rechtsformen geführt werden. In Deutschland sind etwa 98 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe als familiengeführte Einzelunternehmen oder Personengesellschaften organisiert, etwa zwei Prozent der Betriebe sind Genossenschaften, AGs oder GmbHs, also sogenannte juristische Personen.

In Genossenschaften, AGs und GmbHs werden alle im Unternehmen beschäftigten Arbeitskräfte entlohnt. In familiengeführten Einzelunternehmen ist das anders: Zwar werden die angestellten Arbeitskräfte entlohnt; das Einkommen der Familien-Arbeitskräfte wird in der Regel aber aus dem Gewinn ermittelt, der sich aus der Differenz von Erträgen und Aufwendungen eines landwirtschaftlichen Unternehmens berechnet.

Die Kennzahl „Gewinn plus Personalaufwand je Arbeitskraft“ trägt derartigen Unterschieden Rechnung und gibt damit die durchschnittliche Entlohnung aller im Betrieb beschäftigten Arbeitskräfte wieder. Diese Kennzahl ist aber für die Einkommenssituation der Familienunternehmen nur bedingt aussagekräftig: Denn in der Regel werden die angestellten Arbeitskräfte niedriger entlohnt, als es der auf alle Arbeitskräfte bezogene Durchschnittswert ergibt.

Im Durchschnitt über alle Betriebe hat das Einkommen je Arbeitskraft zwischen 2005 und 2020 in der Landwirtschaft leicht zugenommen. In den vergangenen 15 Jahren gab es allerdings erhebliche Schwankungen: zwischen rund 25.000 Euro im Wirtschaftsjahr 2005/06 und 37.500 Euro im Wirtschaftsjahr 2017/18.

Für den betrachteten Zeitraum liegt der Einkommenstrend bei einer nominalen Wachstumsrate von 1,93 Prozent pro Jahr. Die reale Wachstumsrate betrug 0,56 Prozent pro Jahr. Dieser Unterschied ergibt sich, weil die Inflationsrate in der nominalen Einkommensentwicklung nicht berücksichtigt wird, in der realen Einkommensentwicklung dagegen schon.

In dieser Durchschnittsbetrachtung über alle Betriebe hinweg wird nicht nach Angestellten und Familienarbeitskräften unterschieden. Auch die großen Unterschiede in der Landwirtschaft, z. B. durch spezifische Produktionsrichtungen, Betriebsgrößen und regionale Standortfaktoren, bleiben unberücksichtigt.

Die Einkommen zwischen den Betriebsformen unterscheiden sich zum Teil deutlich. So haben Ackerbaubetriebe im Durchschnitt der untersuchten Wirtschaftsjahre ein deutlich höheres Einkommen je Arbeitskraft als Milchviehbetriebe.

Besonders auffallend sind die starken Einkommensschwankungen der jüngsten fünf Wirtschaftsjahre bei den Veredlungsbetrieben, mit einem extrem guten Ergebnis im Wirtschaftsjahr 2019/20 vor dem Ausbruch der Schweinepest in Deutschland. Die aktuellen Preisentwicklungen auf dem Schweinemarkt lassen für das Wirtschaftsjahr 2020/21 wieder einen deutlichen Einkommensrückgang für die Gruppe der Veredlungsbetriebe erwarten.

Insgesamt und in allen Betriebsformen ist eine erhebliche Streuung in den Einkommen festzustellen. Die größte Einkommensstreuung liegt bei den Veredlungs- und Ackerbaubetrieben vor, während Gartenbau-, Obst- und Weinbaubetriebe eine vergleichsweise niedrige Streuung aufweisen. Im Durchschnitt der drei Wirtschaftsjahre 2017/18 bis 2019/20 wurde über alle Betriebe gemittelt ein Einkommen von rund 36.000 Euro je Arbeitskraft erzielt.

Wie sich das Einkommen verteilt, darüber geben die verschiedenen Quantile Auskunft. Die Hälfte der Betriebe erwirtschaftete ein Einkommen von weniger als 30.000 Euro (Median), und ein Viertel der Betriebe erwirtschaftete weniger als 16.000 Euro (25 %-Quantil). Dagegen erwirtschaftete das erfolgreichste Viertel der Betriebe (75 %-Quantil) ein Einkommen von mehr als 50.000 Euro.

10 % der Betriebe erzielten weniger als 3.100 Euro je Arbeitskraft (10 %-Quantil), die erfolgreichsten 10 % aller Betriebe hingegen mehr als 74.500 Euro (90 %-Quantil).

Die Bedeutung von Direktzahlungen

Direktzahlungen sind ein zentraler Diskussionspunkt in der Debatte um die Ausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Die Auswertungen der Buchführungsabschlüsse aus dem Testbetriebsnetz Landwirtschaft zeigen, dass die Direktzahlungen ein wesentlicher Bestandteil des Einkommens landwirtschaftlicher Betriebe sind. Im Wirtschaftsjahr 2019/20 machten sie gemittelt über alle Betriebe etwa die Hälfte aus, im Jahr zuvor waren es sogar um 60 Prozent. Dass der Anteil der Direktzahlungen von Jahr zu Jahr deutlich schwankt, liegt vor allem am jährlichen Auf und Ab der Einkommen, während die Direktzahlungen im Zeitverlauf relativ konstant sind.

In Ackerbaubetrieben ist der Anteil der Direktzahlungen am Einkommen je Arbeitskraft am höchsten. In Betrieben mit der höchsten Wertschöpfung je Hektar – Obstbau, Weinbau und Gartenbau – ist ihr Anteil am niedrigsten.

Eine weitere häufig verwendete Darstellungsform ist der Anteil der Direktzahlungen an den betrieblichen Erträgen: Sie machen im Durchschnitt über alle Betriebe einen Anteil von etwa sieben Prozent aus. In Betrieben mit einer hohen Wertschöpfung je Hektar – wie den Garten-, Wein und Obstbaubetrieben – ist der Anteil der Direktzahlungen an den betrieblichen Erträgen deutlich geringer als in den Ackerbau- und Sonstigen Futterbaubetrieben.

Häufig wird argumentiert, dass die Direktzahlungen essenziell für die landwirtschaftlichen Betriebe sind. Im Fall von Pachtflächen wird ein Großteil der Direktzahlungen an die Bodeneigentümer und Bodeneigentümerinnen weitergegeben.

Empirische Untersuchungen zeigen, dass diese Überwälzungseffekte etwa 50 bis 60 Prozent der Direktzahlungen ausmachen dürften. Diese Effekte sind umso größer, je höher der Pachtflächenanteil ist und je länger die abgeschlossenen Pachtverträge noch laufen. Deshalb sollte ein Abbau bzw. Umbau der Direktzahlungen über mehrere Jahre geplant werden und progressiv sowie verlässlich erfolgen, damit eine schrittweise „Rückumwälzung“ stattfinden kann.