Gefährliche Falschdeklarierung

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Snapper ist nicht gleich Snapper: Hier werden auf dem Fischmarkt in Victoria, Seychellen, Doppelfleck-Schnapper angeboten (links und oben), Kaiserschnapper bzw. Emperor Red Snapper (unten Mitte) und Mondsichel-Juwelenbarsche (rechts). (© Reinhold Hanel)

Wer nach dem Genuss von Fisch aus tropischen Regionen an Magen-Darm-Problemen oder einer überraschenden Umkehrung des Kalt-Warm-Empfindens leidet, kann Opfer einer Ciguatera-Vergiftung sein. Genetische Untersuchungen bei der Einfuhr der Fische können dazu beitragen, das Risiko einer solchen, bei uns seltenen Vergiftung zu minimieren.


Lange Zeit waren Ciguatera-Vergiftungen auf bestimmte Regionen der Welt begrenzt. Die Vergiftungsfälle werden durch den Verzehr von Fischen verursacht, die Ciguatoxine entlang der Nahrungskette anreichern. Dabei handelt es sich um Stoffwechselprodukte von einzelligen Algen, die hauptsächlich in den Korallenriffen der Karibik sowie des Pazifischen und Indischen Ozeans vorkommen. In europäischen Küstengebieten sind die verursachenden Einzeller im Gebiet der Kanaren, auf Madeira, den Azoren und im östlichen Mittelmeer anzutreffen. Überall dort können sich die Ciguatoxine anreichern und so in die Nahrungskette des Menschen gelangen. Bislang sind über 400 Fischarten bekannt, die Ciguatera-Vergiftungen auslösen. Durch den zunehmenden internationalen Seafood-Handel gelangen solche Fischarten und mit ihnen Ciguatoxine auch nach Deutschland.

In Deutschland wurden zwischen 2012 und 2017 sechs Wellen von Ciguatera-Fischvergiftungen registriert. Hierbei wurden 65 Personen gesundheitlich beeinträchtigt, 14 davon mussten stationär im Krankenhaus behandelt werden. Vermutlich gibt es eine hohe Dunkelziffer unerkannter Fälle. Die FAO geht von ca. 50.000 Fällen weltweit und pro Jahr aus.

Im Gegensatz zu anderen Krankheitserregern werden Ciguatoxine nicht bei der Zubereitung von Fisch zerstört, da sie hitzebeständig sind. Zudem sind Ciguatoxine farb-, geruch- und geschmacklos. Eine Vergiftung kann sich an einer Vielzahl von Symptomen zeigen, beispielsweise einer Magen-Darm-Störung und an neurologischen Fehlfunktionen, wie einer Umkehr des Kalt-Warm-Empfindens. Meist heilt die Erkrankung folgenlos wieder aus, die Nervenstörungen können allerdings über Monate andauern. Die Ciguatera-Fischvergiftungen in Deutschland standen jeweils im Zusammenhang mit dem Verzehr von Fisch aus tropischen Gebieten.

Kontrolle am Frankfurter Flughafen

Frische tropische Fische werden vor allem über Frachtflüge nach Europa eingeführt. Falsch deklarierte Tropenfische sind hier besonders problematisch, nicht nur weil sie häufig aus illegalen Fischereien stammen, sondern auch weil sie Arten umfassen, die aus Gründen der Lebensmittelsicherheit nicht für den Import zugelassen sind – unter anderem, weil sie im Verdacht stehen, häufiger Träger von Ciguatoxinen zu sein.

Das Erkennen von Falschdeklaration bei tropischen Fischen stellt die Einfuhrkontrollen vor große Herausforderungen. Dr. Henrik Kusche vom Thünen-Institut für Fischereiökologie hat Probennahmen von Fischgewebe am Frankfurter Flughafen und deren genetische Analyse koordiniert. Das Forschungsprojekt fand in Zusammenarbeit mit der für die Überwachung der Fischetikettierung zuständigen Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung statt. Die Entwicklung DNA-basierter Identifizierung von Fischen und Fischereiprodukten in Kombination mit Bildmaterial hilft dem Zoll und der Lebensmittelüberwachung, falsch deklarierte Ware schnell und eindeutig zu erkennen.

Überprüfung von importiertem Fisch auf dem Frankfurter Flughafen (© Henrik Kusche)

Am Frankfurter Flughafen wurden über den Projektzeitraum von drei Jahren hunderte Falschdeklarationen aufgedeckt. Durch die DNA-Analysen und die Auswertung von Bildmaterial der importierten Fische konnten die Thünen-Wissenschaftler zunächst ermitteln, dass 31 % der untersuchten Fische falsch deklariert waren. Dabei war das Vorkommen von Fischarten, die mit Ciguatera-Vergiftungen in Verbindung gebracht werden, bei den falsch deklarierten Fischen gegenüber den korrekt deklarierten Tieren beträchtlich erhöht (46 % gegenüber 17 %). Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Aufdeckung falsch deklarierten tropischen Fisches nicht nur der Einhaltung von Handelsregeln dient, sondern auch hilft, die Fälle von Ciguatera-Vergiftungen zu mindern.

Red Snapper häufig falsch deklariert

In den Stichproben vom Flughafen Frankfurt war die Familie der Schnapper (Lutjanidae) besonders häufig von falscher Etikettierung betroffen. Eine Schwerpunktart des Projektes war der Red Snapper (Lutjanus malabaricus), ein bei uns beliebter Speisefisch. Bei dieser Art waren alle 103 untersuchten Einzelproben falsch deklariert. Statt um Red Snapper handelte es sich meist um Arten derselben Gattung und ähnlichem Aussehen wie dem Doppelfleck-Schnapper (Lutjanus bohar, 14 Fälle) und dem Mangroven-Schnapper (Lutjanus argentimaculatus, 70 Fälle). Weil diese beiden Arten an einer anderen Stelle in der Nahrungskette stehen, weisen sie eine höhere Affinität für Ciguatoxine auf und sind für die Mehrzahl der in Deutschland bekannt gewordenen Vergiftungsfälle verantwortlich.

Die hohe Anzahl an falsch deklarierten Importen von Red Snapper (Lutjanus malabaricus) gibt Anlass zur Sorge. Insgesamt wurden von Januar bis April 2017 etwa 6 Tonnen tropischer Fisch, deklariert als Red Snapper, über den Flughafen Frankfurt eingeführt. Selbst wenn man davon ausgeht, dass nicht immer alle angelieferten Fische dieser Art falsch deklariert sind, ist hier doch ein hohes Risikopotenzial auszumachen.

Eindeutige Bestimmung

Das Team des Instituts für Fischereiökologie und seine Projektpartner schaffen mit einer kombinierten DNA- und Bilddatenbank (www.aquagene.org) die Vorrausetzung für ein eindeutiges und damit rechtsicheres Bestimmen von Fischen. Für Fische, die für den Import besonders wichtig sind, haben sie zusätzlich für die deutsche Einfuhrkontrolle einen bebilderten Katalog mit Artbeschreibung erarbeitet. Bei Verdacht auf Gefahr im Verzug wird die Ware sofort aus dem Handel genommen. Ansonsten ist eine rechtssichere Identifizierung der Fischarten erforderlich. Diese wird über eine zweite Stufe der Kontrolle, das sogenannte DNA-Barcoding, erreicht. Die Analysen dauern allerdings einige Tage. Daher gibt die Einfuhrkontrolle die Fische in der Regel bereits nach der visuellen Inspektion frei. Sollte sich jedoch der Verdacht einer Falschdeklarierung danach im genetischen Test erhärten, wird eine Strafe verhängt.


Quelle: Wissenschaft erleben (2020/1)

Weiterführende Information: Kusche H., Hanel R. (2021): Consumers of mislabeled tropical fish exhibit increased risks of ciguatera intoxication: A report on substitution patterns in fish imported at Frankfurt Airport, Germany.
Food Control 121 https://doi.org/10.1016/j.foodcont.2020.107647