Institut für

Seefischerei

ICES-Fangempfehlungen: Was steckt dahinter?

Expertise

Jedes Jahr veröffentlicht der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) den wissenschaftlichen Ratschlag zum Zustand der Fischbestände im Nordostatlantik (ICES Advice) und schlägt nachhaltige Fangquoten für das nächste Jahr vor. Im Folgenden erläutern wir den Zustand der für deutsche Fischereien wichtigsten Fischbestände der Nordsee und des Nordostatlantiks und die darauf aufbauenden wissenschaftlichen Fangquoten-Empfehlungen.


Der Status vieler Fischbestände im Nordostatlantik und angrenzender Gebiete hat sich erfreulicherweise in den letzten Jahren verbessert. Durch das Absenken der Fangquoten und die daraus resultierenden Beschränkungen der Fischerei zeigt die Biomasse vieler Bestände einen positiven Trend. Von 2003 bis 2019 nahm die Biomasse von Beständen mit analytischem Assessment im Nordostatlantik um durchschnittlich 35 % zu. Die Spannbreite bei der Entwicklung einzelner Bestände ist jedoch groß und für einige Bestände auch negativ (z.B. Kabeljau in der Nordsee).

Viele Bestände werden in EU-Gewässern nachhaltig nach dem Prinzip des maximalen Dauerertrages (MSY) bewirtschaftet, auch wenn das MSY-Ziel nicht für alle Bestände erreicht ist. Im Jahr 2019 hatten 37 von 65 Beständen, für die entsprechende Referenzwerte vorliegen, das MSY-Kriterium erreicht. Dies entspricht 57 % der bewerteten Bestände, während es 2005 nur 18 % waren. Die durchschnittliche fischereiliche Sterblichkeit, gemittelt über alle Bestände, lag 2019 nahe der MSY-Zielwerte, während 2005 der Zielwert im Mittel noch um 65 % überschritten wurde. Dies zeigt, dass der Grad der Überfischung deutlich abgenommen hat.

Was bedeuten MSY und FMSY?

Unter dem höchst möglichen Dauerertrag (englisch: Maximum Sustainable Yield, MSY) versteht man die optimale Fangmenge, die einem Fischbestand unter Ausschöpfung seines maximalen Wachstumspotenzials entnommen werden kann, ohne dass seine Fortpflanzungsfähigkeit in der Zukunft gefährdet ist.

Auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung (WSSD) in Johannesburg 2002 wurde eine Bewirtschaftung der Fischbestände auf Basis von MSY als globales Ziel definiert. Gemeinsam mit vielen anderen Ländern haben die EU-Mitgliedstaaten dieses politische Ziel übernommen und es in der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) verankert. Ein Hauptziel der GFP ist es somit, bis 2020 alle Bestände mit Fangbeschränkungen so zu bewirtschaften, dass sie den maximalen Dauerertrag liefern können. FMSY bezeichnet dabei die optimale Fischereiintensität, die den maximalen Dauerertrag ermöglicht. Werden Bestände über FMSY befischt, so wird ihr Wachstumspotenzial nicht mehr optimal ausgeschöpft und die Fischereien verlieren langfristig Ertrag.

Eine Gefährdung des Bestandes tritt aber erst ein, wenn über einen längeren Zeitraum mehr Fische entnommen werden als nachwachsen und eine kritische Elternbestands-Biomasse unterschritten wird, unterhalb derer das Risiko einer verminderten Nachwuchsproduktion rapide steigt. Der Bestand befindet sich dann außerhalb sicherer biologischer Grenzen.

Somit ist eine Überfischung in Bezug auf den maximalen Dauerertrag (Verlust an Ertrag) von einer Überfischung in Bezug auf sichere biologische Grenzen (verminderte Nachwuchsproduktion) zu unterscheiden.

Was ist die fischereiliche Sterblichkeit?

Die fischereiliche Sterblichkeit ist ein Maß für die Menge an Fisch oder anderen Meerestieren, die über einen bestimmten Zeitraum durch Fang vom fischereilich nutzbaren Anteil eines Bestandes entnommen wird.

Die Erholung der Bestände hat auch positive ökonomische Effekte. Im Jahr 2020 verzeichnete die EU-Fangflotte Nettogewinne in Höhe von 800 Millionen Euro. Im Vergleich zu 2019 entspricht dies jedoch einem Rückgang um 29 %, was auf Auswirkungen der Corona-Pandemie zurückzuführen ist.

Erläuterungen zu den einzelnen Empfehlungen für 2022

Kabeljau Nordsee

Kabeljau (© Thünen-Institut)

Für diesen Bestand nahm die fischereiliche Sterblichkeit zwischen 2000 und 2016 ab, ist aber seit 2016 wieder stark angestiegen und nun deutlich über dem Referenzwert FMSY. In den Jahren zwischen 2004 und 2015 hat sich die Biomasse des Laicherbestands etwas erholt, seit 2015 geht der Bestand aber wieder deutlich zurück. 2021 lag die Laicherbestands-Biomasse unter dem unteren Bestandslimit (Blim) und somit außerhalb sicherer biologischer Grenzen.

Die Erholung zwischen 2004 und 2015 beschränkte sich außerdem fast ausschließlich auf den nördlichen Bereich der Nordsee. Im südlichen Teil ist der Bestand seit Jahrzehnten auf einem sehr niedrigen Niveau und ist weiterhin abnehmend. Klimatische Veränderungen spielen hier neben der Fischerei eine Rolle, da die Nordsee die südliche Grenze des Verbreitungsgebietes von Kabeljau darstellt. Insgesamt ist die Produktivität von Kabeljau in der Nordsee nach 1998 sehr niedrig im Vergleich zu früheren Jahren. Aufgrund der niedrigeren Produktivität des Bestandes wurden 2021 die Referenzwerte für die Laicherbestands-Biomasse nach unten angepasst.

Basierend auf dem MSY-Ansatz empfiehlt der ICES eine Höchstfangmenge von 14.276 Tonnen für 2022. Die empfohlene Höchstfangmenge für 2018 lag noch bei 53.058 Tonnen. Der Hauptgrund für die niedrigen Höchstfangmengen liegen an einer negativeren Einschätzung der Bestandgröße. Survey-Daten lassen außerdem eine Abwanderung älterer Tiere in Gewässer westlich von Schottland vermuten. Ein weiterer Grund für die niedrige empfohlene Höchstfangmengen ist, dass bei einem Bestand, der sich unterhalb von Blim befindet, eine Befischung deutlich unterhalb des MSY-Niveaus angestrebt wird, damit sich der Bestand wieder erholen kann.

Die Erläuterung zum Kabeljau in der Nordsee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Alexander Kempf

Seelachs Nordsee

Seelachs (© Thünen-Institut)

Der Bestand wird für 2021 knapp außerhalb sicherer biologischer Grenzen eingeschätzt. Der Bestand wird laut neuestem Assessment aktuell über FMSY befischt. Die Produktivität des Bestandes ist in den letzten 10 Jahren geringer als in den Jahrzenten davor, was zusätzlich ungünstige Umwelteinflüsse vermuten lässt.

ICES empfiehlt für 2022 eine Höchstfangmenge von 49.614 Tonnen. Dies ist die niedrigste jemals empfohlene Höchstfangmenge. Bezogen auf die erlaubte Höchstfangmenge im Vorjahr (2021) entspricht dies einer weiteren Reduzierung um 24 %. Generell zeigen die wissenschaftlichen Surveys einen höheren Bestand an als die Informationen von den Fischereiflotten. Alle größeren Flotten, die direkt auf Seelachs fischen, verzeichnen einen Rückgang in den Fangraten. Die Interpretation der kommerziellen Daten ist aber nicht einfach, da auch Veränderungen in den Fangmustern aus ökonomischen Gesichtspunkten eine Rolle spielen können. Dies erhöht die Unsicherheit der Bestandberechnungen.

Da auch der wissenschaftliche Survey nicht gezielt auf Seelachs ausgerichtet ist, gilt das Assessment insgesamt als unsicher. Alternativen fehlen aber momentan. Um die Unsicherheiten in Zukunft zu verringern, arbeiten Norwegen und Deutschland an einem speziell auf Seelachs ausgerichteten Survey.

Die Erläuterung zum Nordsee-Seelachs als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Alexander Kempf

Scholle Nordsee

Scholle (© Thünen-Institut)

Die fischereiliche Sterblichkeit (F) für Scholle ist seit Anfang der 2000er Jahre deutlich zurückgegangen. Das liegt daran, dass der Fischereiaufwand der Hauptfangflotten für Plattfische seit dieser Zeit kontinuierlich abgenommen hat. Seit 2009 liegt die fischereiliche Sterblichkeit knapp um den Referenzwert FMSY, in 2020 darunter. Während die ermittelte Rekrutierung seit Mitte der 1990er durchschnittlich ausfällt, ist die Laicherbestands-Biomasse der Scholle in den letzten Jahren deutlich angestiegen und erreichte in den letzten Jahren die höchsten Werte seit Aufzeichnung der Daten.

Die Fangempfehlung des ICES nach dem MSY-Konzept beträgt für das Jahr 2022 für Scholle aus der Nordsee und dem Skagerrak zusammen nicht mehr als 142.508 Tonnen. Sie liegt damit unter der Vorjahresempfehlung von 167.785 Tonnen (-15,1 % Prozent) und berücksichtigt abwechselnd stärkere und schwächere Jahrgänge. Der Gesamtfang in den letzten Jahren lag immer deutlich unter der empfohlenen Höchstfangmenge, da eine Ausfischung der Quoten nicht rentabel ist.

Der Laicherbestand ist in den letzten Jahren laut dem Assessment auf Rekordniveau gestiegen. Ein Großteil der aktuellen Laicherbestands-Biomasse besteht aus alten Tieren, für die keine Informationen aus den Surveys für das Assessment vorliegen. Dies erhöht die Unsicherheit in den Bestandsabschätzungen deutlich. In den letzten Jahren ist eine Tendenz zu einem niedrigeren Gewicht der Einzeltiere zu beobachten, was auf eine Nahrungslimitation hindeuten könnte. Sollte sich das weiterhin bestätigen, müsste der Referenzwert für FMSY überarbeitet werden. Ein Benchmark zur Überarbeitung der Bestandberechnungen und Referenzpunkte ist für 2022 vorgesehen.

Die Erläuterung zur Scholle in der Nordsee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Holger Haslob

Seezunge Nordsee

Seezunge (© Thünen-Institut)

Die Laicherbestands-Biomasse der Seezunge in der Nordsee zeigte nach einem Hoch Anfang der 1990er Jahre bis 2007 einen generell abnehmenden Trend. Nach diesem Tiefpunkt hat sich der Bestand leicht erholt und lag lange um den Referenzwert Blim. Aufgrund eines starken Jahrganges 2018 steigt die Biomasse des Laicherbestands aber rapide an und der Bestand für wird 2021 innerhalb sicherer biologischer Grenzen eingeschätzt.

Die fischereiliche Sterblichkeit (F) ist seit 1997 kontinuierlich gesunken, liegt aber in den letzten Jahren noch immer leicht über dem Referenzwert von FMSY. Die ermittelte Rekrutierung liegt seit Anfang der 1990er Jahre meist ohne erkennbaren Trend unter dem langjährigen Mittel. Der Jahrgang 2018 ist jedoch – wie bereits erwähnt – außergewöhnlich groß.

Der ICES berechnet eine maximale Fangmenge nach MSY-Ansatz von 15.330 Tonnen für 2022. Das sind rund 28 % weniger als im Vorjahr. Grund für die niedrigere Fangempfehlung ist, dass der große 2018er Jahrgang im aktuellsten Assessment schwächer eingeschätzt wird als ein Jahr zuvor im Modell prognostiziert wurde.

Das Assessment wurde 2020 geprüft und es wurden neue verfügbare Survey-Daten implementiert, die einen wichtigen Teil des Verbreitungsgebietes entlang der englischen Küste abdecken. Durch die Revision des Assessment-Modells wurde die Laicherbestands-Biomasse insbesondere ab 2011 nach unten korrigiert und die Biomasse Referenzpunkte nach oben.

Die Erläuterung zur Seezunge in der Nordsee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Holger Haslob

Hering Nordsee

Hering (© Thünen-Institut)

Die Biomasse des Laicherbestands des Nordseeherings schwankt seit Ende der 1990er Jahre zwischen 1,3 und 2,4 Millionen Tonnen. Ein starker Rückgang des Laicherbestandes Mitte der 1990er Jahre führte zu drastischen Fangbeschränkungen. Dadurch konnte sich der Bestand erholen. Seit 1996 liegt die Laicherbestands-Biomasse innerhalb biologisch sicherer Grenzen und die fischereiliche Sterblichkeit beständig unterhalb von FMSY.

Trotz der guten Bestandsstärke ist das Aufkommen an Heringsnachwuchs seit 2003 nur unterdurchschnittlich. Einzig 2013 brachte einen stärkeren Nachwuchsjahrgang hervor. Aus Heringslarvenfängen auf den Laichplätzen ist ersichtlich, dass nach wie vor ausreichend Larven schlüpfen. Diese erreichen jedoch zumeist nicht das Jungheringsstadium. Die Gründe hierfür sind nicht abschließend geklärt. Als Folge der niedrigen Nachwuchsproduktion sinkt der Bestand in den letzten Jahren kontinuierlich ab.

Im Sommer 2021 wurde der Nordseehering einem sogenannten „Interbenchmark“ unterzogen, die Bestandssituation des Herings neu bewertet und die Referenzwerte angepasst. Zwar nimmt der Heringsbestands auch in der Neubewertung über die letzten Jahre hinweg ab, doch geht diese Abnahme langsamer vonstatten als ursprünglich angenommen. Außerdem hat sich der Wert für FMSY erhöht. Infolgedessen steigt die Fangempfehlung des ICES für 2022 um 45 % auf 532.183 Tonnen Nordseehering für alle Flottenanteile (siehe unten). Für 2022 ist jedoch mit einer weiteren Abnahme des Laicherbestandes und eines Rückgangs der empfohlenen Fangmenge für 2023 zu rechnen.

Neben der Fischerei zur Humanernährung (A-Flotte) existiert in der Nordsee auch eine Industriefischerei zur Erzeugung von Fischmehlen und -ölen (B-Flotte). Da hier vornehmlich Jungheringe als Beifang in der Sprottenfischerei auftreten, wird dieses Flottensegment mit einer eigenen Höchstmengenbegrenzung für Heringsbeifang versehen (2022 voraussichtlich 8.745 t). Außerdem vermischen sich vor der südlichen norwegischen Küste, im Skagerrak/Kattegat und in der westlichen Ostsee Heringsbestände aus Nord- und Ostsee und werden gemeinsam gefangen. Für den Ostseehering aus der westlichen Ostsee, dem Skagerrak und dem Kattegat empfiehlt der ICES für 2022 aufgrund der schlechten Bestandssituation ein Fangverbot. Daher sind auch die entsprechenden Empfehlungen für Fanganteile an Nordseehering in den angeführten Gebieten auf null gesetzt worden.

Neben den Fangdaten und den biologischen Beprobungen aus der Fischerei werden bei den Bestandberechnungen auch verschiedene Zeitserien aus wissenschaftlichen Forschungsreisen verwendet (Heringslarven-Survey, Jungheringsaufkommen, Bodentrawl-Fänge). Dazu kommen akustische Messungen zur Anzahl und Stärke der Heringsschwärme. Damit sind die Menge und Qualität an Eingangsdaten im Vergleich zu vielen anderen Beständen sehr gut.

Die Erläuterung zum Hering in der Nordsee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Norbert Rohlf

Makrele Nordostatlantik

Makrele (© Thünen-Institut)

Die Biomasse des Laicherbestandes der nordostatlantischen Makrele ist seit den 2000er Jahren substantiell bis zu einem Maximum 2014 gestiegen. Seitdem nimmt sie ab, wird aber weiterhin innerhalb sicherer biologischer Grenzen eingeschätzt. Die fischereiliche Sterblichkeit ist seit 2003 zurückgegangen und liegt seit 2016 unter FMSY. Seit den frühen 2000er Jahren haben sich einige große Jahresklassen entwickelt. Als Resultat der gestiegenen Biomasse und klimatischer Veränderungen hat sich der Bestand seit Ende der 2000er Jahre insbesondere während der weiten Fresswanderungen im Sommer stark in nordwestlicher Richtung (Island, Grönland) ausgedehnt. Dieser Prozess scheint sich aber aktuell nicht fortzuführen.

Für die Bestandsabschätzung wird ein altersbasiertes Modell angewendet. Dieses verwendet – neben den kommerziellen Daten – den alle drei Jahre stattfindenden Makreleneiersurvey, der auf die Laichansammlungen abzielt und seit mehreren Jahren auch einen nordischen „Swept area“ Survey, der den Bestand während der Fresswanderung erfasst. Außerdem wird der internationale Bodentrawl-Survey (IBTS) im 4. Quartal und 1. Quartal zur Abschätzung der Nachwuchssituation verwendet. Norwegische Markierungsdaten, bei denen über die Wiederfangraten die Bestandsgröße abgeschätzt wird, wurden in den letzten Jahren ebenfalls in das Assessment integriert.

Die neueste wissenschaftliche Empfehlung vom 30. September 2021 gibt eine maximale Fangmenge für 2022 von 795.000 Tonnen vor und liegt damit unter der Empfehlung vom Vorjahr von 852.000 Tonnen. In den Vorjahren konnten sich allerdings die Fischereinationen (z.B. EU-Staaten, Norwegen, Island, Grönland, Russland) nicht auf eine gemeinsame Höchstfangmenge einigen, und die einseitig aufgestellten unilateralen Quoten folgten den wissenschaftlichen Empfehlungen in der Gesamtmenge nicht. Makrele wird auch in internationalen Gewässern befischt, was das Management zusätzlich erschwert.

Die Erläuterung zur Makrele im Nordostatlantik als PDF zum Download

Ansprechpartner: Jens Ulleweit

Kabeljau Nordostarktis

Kabeljau (© Thünen-Institut)

Dieser Bestand befindet sich derzeit in einem guten Zustand. Die Biomasse des Laicherbestands befindet sich seit 2002 innerhalb sicherer biologischer Grenzen und erreichte 2013 ihren historischen Höchststand. Seitdem hat die Biomasse abgenommen, der Bestand wird aber weiterhin nachhaltig befischt. Die fischereiliche Sterblichkeit (F) liegt seit 2008 unter bzw. nahe am Referenzwert FMSY.

Die Fangempfehlung des ICES von nicht mehr als 708.480 Tonnen für 2022 liegt deutlich unter der empfohlenen Höchstfangmenge für 2021 von 885.600 Tonnen. Das liegt daran, dass die Bestandsgröße abnimmt und zusätzlich nach dem aktuellsten Assessment niedriger als im Vorjahr eingeschätzt wird. Die Survey-Indizes sind im letzten Jahr niedriger als erwartet ausgefallen. Die empfohlene Fangmenge entspricht einer fischereilichen Sterblichkeit von 0.61, welches knapp über dem FMSY-Bereich von 0.40 – 0.60 liegt. Gemäß FMSY wäre die empfohlene Fangmenge deutlich niedriger (532.968 Tonnen), allerdings begrenzen die Befischungsregeln (Harvest Control Rules) im norwegisch-russischen Managementplan eine Abnahme (oder Zunahme) der Höchstfangmengen von einem auf das Folgejahr auf 20 %.

Die Erläuterung zum Kabeljau in der Nordostarktis als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Matthias Bernreuther

Rotbarsch Grönland/Irmingersee

Rotbarsch (© Thünen-Institut)

Die deutsche Flotte fischt Rotbarsch hauptsächlich am Grönlandschelf und in der Irmingersee. Dort kommen zwei Rotbarscharten, der Tiefenrotbarsch (Sebastes mentella) und der Goldbarsch (S. norvegicus, ehemals S. marinus), in mehreren Beständen vor. Der Zustand dieser Bestände ist unterschiedlich. Am Ostgrönlandschelf werden außerdem die beiden Arten gemeinsam gefangen. Eine Unterscheidung zwischen S. norvegicus und S. mentella ist oft schwierig, so dass es zu Fehlmeldungen zwischen den gemeinsam vorkommenden Arten kommt bzw. beide Arten zusammen als „Rotbarsch“ gemeldet werden.

Der S. norvegicus-Bestand am Ostgrönlandschelf gehört zu dem größtenteils am Islandschelf vorkommenden Bestand und ist in einem guten Zustand. Die Laicherbestands-Biomasse befindet sich seit 2009 innerhalb sicherer biologischer Grenzen und wird seit 2010 annähernd nach dem MSY-Prinzip befischt, da die fischereiliche Sterblichkeit meist leicht über dem FMSY-Wert von 0.097 lag. Die Fangempfehlung des ICES von nicht mehr als 31.855 Tonnen für 2022 liegt ca. 7.000 Tonnen unterhalb der erlaubten Höchstfangmenge für 2021 von 38.343 Tonnen und basiert auf dem grönländisch-isländischen Managementplan für S. norvegicus. Sorge bereitet die Nachwuchsproduktion, da diese seit 2011 gering ausfällt.

Der Zustand des am Grönlandschelf vorkommenden S. mentella-Bestandes kann nicht genau eingeschätzt werden. Der Bestand hat seit 2010 abgenommen und sich in den darauffolgenden Jahren nicht verbessert. Da der aktuellste Biomasseindex des grönländischen Flachwassersurveys (Greenland Shallow Water Survey) aus 2020 nahe Null lag, empfiehlt der ICES für 2022, keine Fänge von diesem Bestand mehr zu tätigen.

In der benachbarten Irmingersee kommen zwei weitere S. mentella-Bestände vor, die mit pelagischen Schleppnetzen gefangen werden. Diese beiden Bestände haben ebenfalls so stark abgenommen, dass der ICES für den flachen Bestand seit 2010 und für den tiefen Bestand seit 2017 empfiehlt, keine Fänge zu tätigen. 2021 konnte der Bestandszustand des flachen S. mentella-Bestandes in der Irmingersee erstmalig seit 2013 wieder eingeschätzt werden. Das Ergebnis des Surveys war etwas positiver, da der resultierende Biomasseindex den höchsten Wert seit 2005 aufwies, aber im historischen Vergleich weiter auf niedrigem Niveau bleibt. Trotz der leicht positiveren Einschätzung bleibt es bei der Empfehlung eines Nullfangs, da dieses Ergebnis in dem nächsten wissenschaftlichen Survey zunächst bestätigt werden muss. Der tiefe Bestand (> 500 m Wassertiefe) wird schon seit den 1990er Jahren mit einer fischereilichen Sterblichkeit von deutlich über FMSY befischt. Die Ergebnisse des oben erwähnten Surveys in 2021 weisen für den tiefen Bestand den niedrigsten Biomassewert seit Beginn des Surveys auf. Während z. B. Russland weiterhin auf diese Bestände fischt, erlaubt die EU aktuell keine Fischerei auf die beiden Bestände.

Die Erläuterung zum Rotbarsch Grönland/Irmingersee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Christoph Stransky

Rotbarsch Norwegensee/Barentssee

Rotbarsch (© Thünen-Institut)

Am norwegischen Schelf, in der Norwegensee und in der Barentssee sind ebenfalls die zwei Rotbarscharten von kommerzieller Bedeutung anzutreffen: der Tiefenrotbarsch (Sebastes mentella) und der Goldbarsch (Sebastes norvegicus).

Der Sebastes mentella-Bestand befindet sich derzeit mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem guten Zustand. Die Biomasse des Laicherbestands hat zwischen 1992 und 2005 stetig zugenommen und sich seitdem auf hohem Niveau stabilisiert. Die fischereiliche Sterblichkeit (F) ist seit 1997 niedrig (F = 0,01 – 0,06), und seit 2006 werden wieder starke Nachwuchsjahrgänge beobachtet. Gemäß dem Vorsorgeansatz empfiehlt der ICES eine Höchstfangmenge von nicht mehr als 67.210 Tonnen für 2022. Diese Empfehlung liegt damit leicht über der erlaubten Höchstfangmenge für 2021 von ≤ 66.158 Tonnen.

Der am norwegischen Schelf und in der Barentssee vorkommende Goldbarschbestand (S. norvegicus) befindet sich dagegen derzeit in einem schlechten Zustand. Die Laicherbestands-Biomasse hat seit den späten 1990er Jahren kontinuierlich abgenommen und befindet sich auf dem niedrigsten Stand in der Zeitserie der Bestandsabschätzungen. Daher empfiehlt der ICES, keine Fänge für die Jahre 2021 und 2022 zu tätigen. Zusätzlich empfiehlt ICES, die Beifänge an Goldbarsch in anderen Fischereien, wie z. B. auf Kabeljau und Seelachs, möglichst gering zu halten. Dennoch wurden international in den letzten Jahren 3.000 bis 8.000 Tonnen jährlich gefangen.

Die Erläuterung zum Rotbarsch in der Norwegensee/Barentssee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Christoph Stransky

Kabeljau Grönland

Kabeljau (© Thünen-Institut)

Der Kabeljaubestandskomplex vor Grönland gliedert sich nach gegenwärtigem Erkenntnisstand in drei Untereinheiten mit deutlichen ökologischen Unterschieden. Der westliche Küstenbestand lebt in den ausgedehnten Fjordsystemen, der Hochseebestand gliedert sich in einen westlichen (West-Grönland) und einen östlichen (Südwest-Grönland bis Island). Der östliche Hochseebestand steht in einem Austausch mit dem Kabeljaubestand vor Island. Historisch war die Hochzeit der Kabeljaufischerei vor Grönland mit einem sehr großen westlichen Hochseebestand verbunden, während die Erholung seit 2000 auf ein Erstarken der östlichen Komponente zurückzuführen ist. Insgesamt vermischen sich die Bestände während der unterschiedlichen Lebensstadien. Daher ist es schwierig, die Fänge einer Population zuzuordnen.

Nach dem Zusammenbruch der Bestände Anfang der 1990er Jahre erfolgte eine 10-jährige Periode mit sehr geringer Populationsdichte. Der Aufwärtstrend nach 2000 ist von erheblichen Schwankungen betroffen. Nach einem Moratorium bis 2005 wurde 2006 die Fischerei wieder zugelassen.

Die Survey-Indices der letzten Jahre sind für den östlichen Hochseebestand rückläufig. Der Bestand wird laut der Abschätzung von 2021 aber als innerhalb sicherer biologischer Grenzen eingestuft und zeigt seit 10 Jahren eine Population auf stabilem Niveau. Die fischereiliche Sterblichkeit steigt seit einigen Jahren stetig und liegt jetzt über dem nachhaltigen Referenzwert FMSY. Die Fangquotenempfehlung für 2022 liegt bei 8.768 Tonnen. In den letzten Jahren lagen die politisch festgelegten Höchstfangmengen aber immer um ein Vielfaches über den wissenschaftlichen Empfehlungen.

Der westgrönländischen Hochseebestand befindet sich im historischen Vergleich auf einem sehr niedrigen Niveau. Sowohl die Ergebnisse der grönländischen als auch der deutschen Forschungsfahrten von 2020 zeigen eine sehr niedrige Bestandsgröße. Folgerichtig lautet die wissenschaftliche Empfehlung für die Jahre 2022 und 2023, den Bestand nicht zu befischen.

Die Erläuterung für den Kabeljau vor Grönland als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Heino Fock

Schwarzer Heilbutt (Ostgrönland, Island, Färöer, westlich von Schottland)

Schwarzer Heilbutt (© Thünen-Institut)

Für den Schwarzen Heilbutt als Tiefenbestand liegt für das große Abschätzungsgebiet von den Färöern, Island und Ost-Grönland keine einheitliche wissenschaftliche Forschungsreise vor. Entsprechend wird die Bestandsdynamik neben einem kombinierten Forschungsindex zu einem größeren Teil aus kommerziellen Fangdaten abgeschätzt, wobei die Ergebnisse von der Gewichtung der einzelnen Eingangsparameter abhängig sind.

Eine wissenschaftliche Bestandsabschätzung liegt vor, weist jedoch größere Unsicherheiten auf. Der Bestand zeigt eine Erholung, nachdem die Bestandsdichte 1994-1996 und 2003-2006 ihre niedrigsten Werte erreicht hatte. In den letzten Jahren ist der Bestand stabil in biologisch sicheren Bereichen. Nach ICES-Empfehlungen für 2022 sollte die Jahresfangmenge 26.650 Tonnen nicht übersteigen. Dies entspricht einer Anhebung von 13 % im Vergleich zum Vorjahr. Laut der aktuellen Abschätzung liegt die fischereiliche Sterblichkeit im nachhaltigen Bereich, die Abschätzung ist jedoch mit großen Unsicherheiten behaftet.

Die Erläuterung zum Schwarzen Heilbutt als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Heino Fock

Einen umfassenden Überblick über den Zustand der meisten Meeres-Fischbestände, die für den deutschen Markt von Bedeutung sind, gibt das Portal Fischbestände online.