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Neue Fangquoten für Ostseefische - eine Bewertung

Aktuell

Wie jedes Jahr Mitte Oktober hat der Fischereirat der EU am 12. Oktober 2021 die Fangmengen für Fischbestände in der Ostsee für das kommende Jahr festgelegt. Erstmals hat mit Julia Klöckner (CDU) eine amtierende Bundeslandwirtschaftsministerin den Beschlüssen zu Höchstfangmengen und Quoten für die Ostsee nicht zugestimmt. Denn für die deutsche Ostseeküste besiegeln die Beschlüsse das Ende der Küstenfischerei.

Hering im Netz. (© Thünen-Institut/Daniel Stepputtis)

Bei den meisten Höchstfangmengen ist der Rat sehr dicht an den wissenschaftlichen Empfehlungen des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) geblieben. Das betrifft vor allem die Ressourcen der östlichen Ostsee: drei Heringsbestände, ein Sprottenbestand, zwei Lachsbestände, ein Dorschbestand.

Für den Hering im Bottnischen Meerbusen wurde die Fangmenge um 72 Prozent angehoben, der wissenschaftlichen Empfehlung folgend. Für den Hering im Rigaer Meerbusen ist die Quotenveränderung mit plus 21 Prozent dicht an der Empfehlung des ICES. Die Fangmengen für Hering aus der Zentralen Ostsee wurden um 45 Prozent gesenkt. Die Fischerei darf damit etwas weniger Fischbiomasse entnehmen, als die Wissenschaft empfohlen hatte. Die Sprottenfänger, zu denen nur wenige große deutsche Fahrzeuge gehören, dürfen 2022 13 Prozent mehr Fisch fangen. Der ICES hatte eine Anhebung von maximal neun Prozent empfohlen. 32 Prozent weniger Lachs darf im kommenden Jahr im Zentralen Becken der Ostsee gefischt werden. Erstmals wurde die Freizeitfischerei auf diesen Bestand reguliert und eine Tagesfangmenge von einem Tier pro Angler eingeführt. Im Finnischen Meerbusen hingegen wurde die Quote für Lachs um sechs Prozent erhöht.

Die Fischerei auf den Ostdorsch bleibt weiter bis auf überschaubare Beifangmengen in Höhe von 598 Tonnen geschlossen. Die Wissenschaft erwartet nicht, dass sich dieser Bestand trotz der niedrigen Fangmengen kurzfristig erholen kann. Der Fischereidruck hat nur noch einen verschwindend geringen Einfluss auf die Bestandsentwicklung. Erheblich wichtiger sind die Umweltbedingungen, allen voran die durch Überdüngung ausgelöste Sauerstoffarmut in den tiefen Becken.

Beim Dorsch der westlichen Ostsee liegen die jetzt beschlossenen Regularien im Bereich des Vorschlags: Die Wissenschaft hatte knapp 700 Tonnen Gesamtentnahmen empfohlen. Der Rat hat 490 Tonnen Beifangmenge in der Plattfischfischerei sowie ein Tagesfanglimit von einem Dorsch pro Tag und Angler festgesetzt. Während der Schonzeit, die um 14 Tage ausgedehnt wurde, ist das Angeln ebenso verboten wie die Fischerei in Gebieten mit mehr als 20 Meter Wassertiefe. Mit dieser Fangmenge ist einerseits sichergestellt, dass die Plattfischfischerei fortgeführt werden kann. Denn Dorschbeifänge lassen sich hier nicht gänzlich vermeiden und den Plattfischen geht es ausgezeichnet. Andererseits bekommt die Wissenschaft so weiter Daten aus der Fischerei. Das ist wichtig, um zu verhindern, dass die Unsicherheiten der Bestandsberechnung in den nächsten Jahren so steigen, dass die Berechnungen keine belastbare Grundlage für politische Entscheidungen mehr sein können. Wird das Fanglimit tatsächlich eingehalten, hat der Dorschbestand eine mehr als 50-prozentige Chance, sich langsam aber sicher zu erholen.

Bei Ostseescholle wurden die Fangmengen deutlich weniger erhöht als von der Wissenschaft vorgeschlagen: um 25 Prozent statt um 53 Prozent. Hintergrund ist die Sorge vor zu hohen Dorschbeifängen. Diese Sorge ist zwar berechtigt, zeigt aber auch, dass der Fischereirat wenig Vertrauen darin hat, dass seine erlassenen Regeln kontrolliert und Verstöße sanktioniert werden. Denn es ist seit 2015 gesetzlich vorgeschrieben, dass alle Beifänge angelandet und gegen die Quoten angerechnet werden müssen (discard ban). Ist die Höchstfangmenge ausgeschöpft, muss dementsprechend die Fischerei beendet werden. Auch den übrigen Plattfischen in der westlichen Ostsee, Flunder, Kliesche, Glatt- und Steinbutt, geht es derzeit gut. Sie sind nicht quotiert.

Beim Hering der westlichen Ostsee ist die Kommunikation des Rates unsauber: Einerseits wird kommuniziert, dass Hering nur noch als Beifang gefangen werden darf. Andererseits ist die Fangmenge von 788 Tonnen für die wenigen Fischereien, in denen Hering als Beifang auftreten könnte, viel zu hoch. Für die Stellnetzfischerei wird zudem eine Ausnahme erlassen. Das heisst, dass Hering entgegen der Aussage doch gerichtet gefangen werden darf - nur nicht mehr von Schleppnetzfahrzeugen. Das ist ein schwerer Eingriff der EU in die Hoheit der Mitgliedstaaten. Diese entscheiden selbst, wie sie die nationalen Quoten verteilen. Schlimmer aber ist, dass dieser Bestand anders als Westdorsch in zwei verschiedenen Bewirtschaftungsgebieten gefangen wird: Im Gebiet der westlichen Ostsee hat Deutschland 52 Prozent Fanganteile. In Kattegat und Skagerrak liegt der deutsche Anteil nur bei zwei Prozent. In der westlichen Ostsee wurden die Fangmengen, ungefähr der wissenschaftlichen Empfehlung folgend, ständig weiter reduziert. Von 2017 bis 2021 allein um 94 Prozent. Nun noch einmal um weitere 50 Prozent für 2022.

Im zweiten Managementgebiet sind die Fangmengen aber hoch geblieben. Der relative Anteil der deutschen Fischerei an den Fängen aus diesem Bestand ist also über die Jahre immer kleiner geworden, der der Skandinavier umso größer. Es ist wahrscheinlich, dass sich dieser Trend fortsetzt, wenn die Fangmengen für Kattegat und Skagerrak im Dezember festgesetzt werden. Denn für eine faire Verteilung müssten die Fangmengen im Norden nun um mindestens 93 Prozent gesenkt werden.

Leidtragende dieser Entscheidungen wären dann wie in den vergangenen Jahren die deutschen Küstenfischer und der Heringsbestand der westlichen Ostsee. Dieser hat nach dem aktuellen Beschluss keine Chance auf Erholung, denn der Gesamtfang, also die Summe der Fänge aus beiden Gebieten, ist immer noch dreimal höher als angemessen! Den deutschen Küstenfischern wird zugleich die Lebensgrundlage entzogen. Der aktuelle Beschluss hat also für Deutschland nur Nachteile, für Dänemark, Schweden und Norwegen hingegen vor allem Vorteile.

Kontakt: Dr. Christopher Zimmermann