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Begleitforschung Land(auf)Schwung

Projekt

Förderregionen des Modellvorhabens Land(auf)Schwung  (c) Thünen-Institut/Patrick Küpper. Verwaltungsgrenzen: Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (2013)
Karte: Förderregionen des Modellvorhabens Land(auf)Schwung (© Thünen-Institut/Patrick Küpper. Verwaltungsgrenzen: Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (2013))

Wissenschaftliche Begleitforschung zum Modellvorhaben des BMEL „Land(auf)Schwung“

Arbeitslosigkeit,  niedrige Löhne, ausgedünnte Infrastruktur, Abwanderung und Bevölkerungsalterung kennzeichnen viele periphere ländliche Räume. Das Bundeslandwirtschaftsministerium sucht nach neuen Wegen, um Entwicklungsimpulse in diesen Regionen anzustoßen. Wir begleiten diesen Prozess, indem wir modellhafte Förderansätze auf ihre Eignung und Übertragbarkeit hin untersuchen.

Hintergrund und Zielsetzung

Das Modellvorhaben Land(auf)Schwung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ist bewusst offen gestaltet, damit es von den Akteuren der 13 ausgewählten Modellregionen auf den jeweiligen Bedarf vor Ort hin zugeschnitten werden kann. Als spezifische innovative Elemente des Modellvorhabens, die auch über das Vorgängervorhaben "LandZukunft" hinausreichen, nennt das Ministerium:

  • die thematische Fokussierung auf die Daseinsvorsorge im Kontext regionaler Schrumpfungsprozesse und auf den Aufbau von Wertschöpfungsketten,
  • ein Ressourcenplan, um benötigte Kapazitäten in der Region aufzubauen und
  • die interregionale Vernetzung der Modellregionen, um lokales Wissen mit Expertenwissen zu kombinieren und Innovationen anzustoßen.

Die Begleitforschung untersucht, wie das mit dem Modellvorhaben zur Verfügung gestellte Instrumentarium umgesetzt wird und inwiefern dabei tatsächlich Entwicklungsprozesse angestoßen und modellhafte Ideen erprobt werden. Wir möchten die Wirkungsweisen der innovativen Elemente von Land(auf)Schwung verstehen lernen und die Faktoren identifizieren, die entscheidend für das Gelingen oder Misslingen von neuen Ideen sind. Damit soll nicht nur zwischen wirkungsvollen und ineffizienten Maßnahmen unterschieden, sondern auch die jeweiligen Voraussetzungen und die Bedingungen einer möglichen Übertragung auf andere Regionen beurteilt werden. Im Ergebnis wollen wir Handlungsempfehlungen ableiten, um die bestehende Förderung ländlicher Räume weiterzuentwickeln. Schließlich werden wir die Erfahrungen aus dem Modellvorhaben so aufbereiten, dass auch Akteure aus anderen peripheren ländlichen Regionen davon profitieren können.

Vorgehensweise

Die thematischen Schwerpunkte der Modellregionen unterscheiden sich relativ stark und entwickeln sich im Laufe der Förderphase stetig weiter. Somit ist es eine permanente Aufgabe der Begleitforschung, die Prozesse in den Regionen zu beobachten und das Forschungsdesign weiterzuentwickeln. Damit ist sowohl eine permanente Suche nach theoretischen Erklärungsmodellen verbunden, als auch das Konzipieren entsprechender empirischer Erhebungen. Dabei gilt es, eine Balance zu finden zwischen einem Überblick über alle beteiligten Regionen und vertieften Fallstudien zu besonders interessanten Projekten und Themen.

Inhaltlichen  ergeben sich basierend auf den Vorgaben des BMEL vier thematische Schwerpunkte: Prozesssteuerung und Kapazitätsaufbau, Daseinsvorsorge unter Schrumpfungsbedingungen, Aufbau von Wertschöpfungsketten sowie interkommunale und interregionale Kooperation. Der letzte Schwerpunkt bildet eine Querschnittsaufgabe, die in den drei ersten Schwerpunkten zu behandeln ist. Somit ergeben sich die folgenden drei Teilprojekte, in denen wiederum konkrete thematische Foki gewählt wurden:

  • Governance:  Umsetzung  und  Wirkungen  der  genutzten  Steuerungsinstrumente, Lernprozesse und regionaler Kapazitätsaufbau sowie politisches Engagement und Beteiligung
  • Daseinsvorsorge: Ärztliche Versorgung, bürgerschaftliches Engagement, Integrationspotenziale lokaler Vereine, Verbreitung innovativer Konzepte, flexible und mobile Versorgungsansätze
  • Regionale  Wertschöpfung:  Innovative  Wertschöpfungsnetzwerke  und  regionale  Produkte, Unternehmertum und Gründungsförderung sowie Fachkräftesicherung insbesondere durch die Integration von Zuwanderern in den Arbeitsmarkt 

Daten und Methoden

Zur Beantwortung der jeweiligen Forschungsfragen nutzen wir insbesondere die folgenden Methoden und integrieren dabei qualitative und quantiative Ansätze, um ein möglichst ganzheitliches Bild zeichnen zu können:

  • (Gruppen-)Interviews mit regionalen Schlüsselakteuren, Projektverantwortlichen und -zielgruppen
  • Standardisierte Befragungen (telefonisch, online oder postalisch) beteiligter Akteure und der relevanten Zielgruppen
  • Offene, nicht-teilnehmende Beobachtungen von Sitzungen des Entscheidungsgremiums, Arbeitsgruppen etc. sowie von Vernetzungstreffen und Telefonkonferenzen der Regionen
  • Dokumentenanalyse der Bewerbungsunterlagen, Protokolle, Projektanträge, Jahresberichte etc.

Vorläufige Ergebnisse

Erste Ergebnisse aus dem Teilprojekt Governance zeigen, dass zu Beginn der Umsetzungsphase zumindest kurzfristig Ernüchterung eingetreten ist. Dafür war ausschlaggebend, dass die regional Verantwortlichen zunächst von großen Freiheiten in der Mittelverwendung ausgingen. Aus Sicht der Beteiligten wurden diese Freiräume durch fördertechnische Restriktionen und die diesbezüglichen Schulungsangebote, die erst relativ spät angeboten wurden, zunehmend eingeengt. Daher empfiehlt die Begleitforschung dem BMEL den teilnehmenden Regionen die grundlegender Kompetenzen zur Bewirtschaftung des Regionalbudgets zu vermitteln und die Grenzen der Gestaltungsfreiheit frühzeitig zu kommunizieren, um den Regionen die Entwicklung ambitionierter und realisierbarer Zukunftskonzepte sowie den Einstieg in die Umsetzungsphase zu erleichtern.

Ein Instrument des Modellvorhabens ist das Steuern über Ziele, bei dem regionsspezifisch Ziele durch die jeweiligen regionalen Akteure festgelegt und durch messbare Indikatoren hinterlegt werden. Für die Begleitforschung Governance stellt sich die Frage, inwiefern die gewählten Indikatoren sinnvoll und praktikabel gewählt wurden und so dem Zweck des Instruments (d.h. Orientierung geben, Akteure motivieren, Handeln koordinieren, Projekte auswählen und Ergebnisse überprüfen) entsprechen. Dabei geht es nicht darum, die Regionen in ihrer Zielerreichung zu bewerten oder gar zu vergleichen. Es zeigt sich, dass die Indikatoren von den Regionen sehr unterschiedlich gewählt werden, was Probleme für alle fünf Funktionen (z.B. durch Nichtmessbarkeit, zu enge Kopplung an ein Projekt oder unzureichende Abbildung des eigentlich verfolgten Ziels) verursacht. Wir empfehlen daher, bei der Festlegung der Zielsysteme externe Expertise und Schulungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen und den Zweck des Instruments klarer zu vermitteln.

Die Untersuchung zu den Standortentscheidungen und Alltagsgestaltungen von Fachkräften am Beispiel von Hausärzten im Projektteil Daseinsvorsorge belegt, dass in erster Linie berufsbezogene Standortfaktoren, wie gesichertes Einkommen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, selbstbestimmtes Arbeiten, neben biographischen Bezügen zur Region ausschlaggebend sind. Wenn die Ausbildungszeit, wie bei Ärzten und anderen Hochqualifizierten der Fall, sehr lange dauert, spielt die Alltagsgestaltung mit jüngeren Kindern in der Regel eine zentrale Rolle bei der Standortentscheidung und -zufriedenheit. Dementsprechend wird ein kinderfreundliches Wohnumfeld vorausgesetzt, was allerdings bereits ohnehin mit ländlichen Standorten verbunden wird. Weitere weiche Standortfaktoren, wie etwa gehobene Freizeit-, Kultur-, oder Konsumangebote, sind hingegen kaum relevant. Deshalb empfiehlt die Begleitforschung, weiche Standortfaktoren jenseits von Angeboten für Kinder nicht zur Anziehung von Fachkräften zu fördern.

In ihre Konzepte und Projekte zur Daseinsvorsorge beziehen viele Modellregionen bürgerschaftlich engagierte Menschen ein. Unter anderem wurden in zwei Landkreisen Kurse zur Gestaltung der nachberuflichen Lebensphase angeboten, in denen sich die „jungen Alten“ mit gemeinnützigen Tätigkeiten auseinandersetzen konnten. Die Begleitforschung führte qualitative Interviews mit Kursteilnehmern und Experten durch, um die Potenziale dieses Ansatzes auszuloten. Dabei zeigten sich sehr unterschiedliche Motive, Formen und Intensitäten des (beabsichtigten) Engagements älterer Menschen. Ebenso wurden spezifische Herausforderungen ländlicher Regionen, wie etwa lange Wegstrecken oder fehlende Räumlichkeiten, deutlich. Vor diesem Hintergrund empfehlen wir unter anderem überregionale Beratungs- und regionale Schulungsangebote sowie die multifunktionale Nutzung öffentlicher Gebäude.

Im Projektteil Wertschöpfung verdeutlichen erste Analysen von Projekten zur Förderung regionaler Produkte und Wertschöpfungsnetzwerken, dass ein enger Fokus auf die vorhandenen Akteure vor Ort zu kurz greift. So fehlen häufig geeignete Partner in der Region, um regionale Wertschöpfungsketten aufzubauen. Diese potentiellen Partner sind vertraglich langfristig an ihre externen Kooperationspartner gebunden oder verlangen große Absatzmengen, damit sich die Kooperation lohnt, was gerade für neue Anbieter eine hohe Eintrittsbarriere ist. Zudem kommen kreative Impulse für neue Produkt- und Vermarktungsideen in der Regel aus anderen Regionen bzw. einer weltweit vernetzten Community. Vor diesem Hintergrund empfiehlt die Begleitforschung, regionsexterne Kooperationen und Netzwerke gezielt zu unterstützen sowie daraus entstandene Ideen bei ihrer Realisierung vor Ort zu fördern.

Im Bereich Wertschöpfung spielt des Weiteren die Regionalisierung wirtschaftlicher Prozesse in fast allen Regionen eine Rolle, beispielsweise im Standortmarketing, der Fachkräftesicherung und insbesondere im Bereich regionaler Produkte. Sieben Regionalvermarktungsinitiativen sind in Land(auf)Schwung entstanden oder wurden weiterentwickelt – teilweise widrigen lokalen Bedingungen zum Trotz, wie beispielsweise den fehlenden kulinarischen Traditionen oder der bäuerlichen Erzeugung von Lebensmitteln. Über die Erzeugung und Vermarktung von lokalen Lebensmitteln hinaus leisten diese Initiativen einen Beitrag für die Vernetzung von (überwiegend) Kleinstbetrieben. Hieraus sind, teilweise in Kooperationsprojekten zwischen Lebensmittelproduzenten verschiedener Branchen, Produktinnovationen hervorgegangen. Auch in diesen experimentellen Entwicklungsprozessen erwies sich regionsexternes (kulinarisches) Wissen als bedeutsam. Daher empfehlen wir den Zugang zu regions- und betriebsexternem Wissen zu fördern, beispielsweise durch Workshops und Messen.

Links und Downloads

  • Weitere Informationen zum Modellvorhaben finden Sie auf der Projekt-Homepage des BMEL unter: www.land-auf-schwung.de.

Thünen-Ansprechpartner


Beteiligte Thünen-Partner


Geldgeber

  • Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)
    (national, öffentlich)

Zeitraum

7.2015 - 12.2020

Weitere Projektdaten

Projekttyp:
Projektfördernummer: 2815LE007
Förderprogramm: Bundesprogramm Ländliche Entwicklung
Projektstatus: läuft

Publikationen zum Projekt

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  1. Brensing J, Mettenberger T, Tuitjer G, Küpper P (2019) Entwicklungsansätze für ländliche Regionen. LandInForm(3):46-47
  2. Mettenberger T, Küpper P (2019) Potential and impediments to senior citizens' volunteering to maintain basic services in shrinking regions. Sociologia Ruralis 59(4):739-762, DOI:10.1111/soru.12254
  3. Küpper P, Mettenberger T (2019) Was zieht Hausärztinnen und Hausärzte in periphere ländliche Räume? Ländl Raum (ASG) 70(3):16-19
  4. Küpper P, Mettenberger T (2018) Berufliche und private Standortfaktoren für die Niederlassung von Hausärzten in ländlichen Räumen. Raumforsch Raumordn Spat Res Plann 76(3):229-245, DOI:10.1007/s13147-018-0535-2
  5. Küpper P, Kundolf S, Mettenberger T, Tuitjer G (2018) Rural regeneration strategies for declining regions: trade-off between novelty and practicability. Eur Plann Stud 26(2):229-255, DOI:10.1080/09654313.2017.1361583

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