Sympathieträger Kiebitz: Entwicklung von produktionsintegrierten Maßnahmen zum Schutz des Kiebitz

Projekt

Kiebitz mit Kücken (c) David Allen Taylor
Junge Kiebitze werden von ihren Eltern geführt suchen aber selbstständig Nahrung. (© David Allen Taylor)

Der Sympathieträger Kiebitz als Botschafter: Umsetzung eines Artenschutz-Projektes zur Förderung des Kiebitzes in der Agrarlandschaft

Bis in die 50er Jahre war der Kiebitz ein häufiger Bewohner der Kulturlandschaft. Seitdem sind seine Bestände stark rückläufig.

Welche  Agrarumweltmaßnahmen können Kiebitzen helfen, auf ackerbaulich genutzten Flächen zu siedeln?

Hintergrund und Zielsetzung

Der Kiebitz ist eine von gut 30 Tierarten, für die Deutschland im Rahmen des Bundesprogrammes biologische Vielfalt eine besondere Verantwortung übernommen hat. Er ist als typischer Wiesenbrüter und Bewohner des Feuchtgrünlands bekannt. In den letzten Jahrzehnten wurden viele Wiesen und Weiden intensiver genutzt (häufigerer Schnitt, höhere Weidetierdichte auf den Flächen, dichtere Pflanzenbestände). Mit einer zunehmenden Nutzungsintensität sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Nester und Küken auf Grünland überleben. In einigen Regionen Deutschlands sind mittlerweile ackerbaulich genutzte Standorte die wichtigsten Brutgebiete des Kiebitzes. Der Kiebitz benötigt für seinen Neststandort weite, offene Flächen mit kurzer Vegetation. Aus diesem Grund ist er häufig in Sommerkulturen (insbesondere Zuckerrübe und Mais) zu finden. Bisher ist jedoch kaum bekannt, welche Faktoren ein Vorkommen und den Bruterfolg des Kiebitzes auf Ackerflächen bestimmen.

Im Rahmen unseres Projekts wollen wir diese Faktoren identifizieren. Basierend darauf wollen wir kulturspezifische Vorschläge für die Bewirtschaftung entwickeln, die erfolgreiche Kiebitzbruten im Ackerbau ermöglichen.

Zielgruppe

Landwirte, Beratung, amtlicher Naturschutz, Agrarverwaltung

Vorgehensweise

In acht Projektregionen in sechs Bundesländern untersuchen wir Kiebitzvorkommen auf Ackerstandorten wissenschaftlich. Gemeinsam mit Landwirten werden Maßnahmen zum produktionsintegrierten Kiebitzschutz erprobt, hinsichtlich ihrer Effektivität und ihrer betrieblichen Praktikabilität und des Aufwandes bewertet und weiterentwickelt.

Das Thünen-Institut für Ländliche Räume koordiniert die Untersuchungen  in der Region Braunschweig. Wir identifizieren Faktoren, die Kiebitze auf ackerbaulich bewirtschafteten Flächen, insbesondere in der Zuckerrübe, begünstigen. Hierzu werten wir betriebsspezifische Daten aus: Wie wurden Flächen, auf denen Kiebitze brüteten, bewirtschaftet?

Ferner schätzen wir die Akzeptanz von Maßnahmen zum Kiebitzschutz durch landwirtschaftliche Betriebe ab.

Auf nationaler Ebene soll im Weiteren abgeschätzt werden, wie effizient und effektiv die Maßnahmen sind.

Daten und Methoden

Die Untersuchung verknüpft ein vogelkundliches Monitoring der Kiebitzbestände in den Projektregionen mit Analysen der ackerbaulichen Praxis und betriebswirtschaftlichen Gegebenheiten der landwirtschaftlichen Betriebe. Zusätzlich versuchen wir, die Implementationskosten für die Überführung von effektiven Maßnahmen in Agrar-Umwelt-Programme abzuschätzen. Mit Hilfe des regionalisierten Agrarsektormodelles RAUMIS sollen Projektionen für die Populationsentwicklung des Kiebitzes für ausgewählte Szenarien erstellt werden.

Unsere Forschungsfragen

Welche Faktoren bestimmen den Bruterfolg von Kiebitzen in ackerbaulich genutzten Landschaften?
Wie effektiv und effizient sind die einzelnen Schutzmaßnahmen?
Unter welchen Bedingungen können effektive und effiziente Schutzmaßnahmen im Rahmen der ländlichen Entwicklungsprogramme gefördert werden?
Wie wirken sich bestimmte Entwicklungen in der Agrarlandschaft auf die Kiebitzbestände aus?

Vorläufige Ergebnisse

Erste Ergebnisse der Kiebitzerhebungen 2014-2017

Brutplätze/Bruterfolg

In den Jahren 2014 bis 2017 wurden Brutplätze und Bruterfolge der Kiebitze in der Region Braunschweig erfasst. Dies erfolgte sowohl auf normal bewirtschafteten Ackerflächen als auch auf Flächen, auf denen verschiedene Schutzmaßnahmen erprobt wurden.

Als Bewohner des Offenlandes benötigt der Kiebitz gut überblickbare Flächen. Der Grad der Bodendeckung und die Höhe der Vegetation zu Beginn der Brutzeit Ende März/Anfang April sind entscheidende Kriterien für die Attraktivität einer Fläche als Bruthabitat. Des Weiteren bevorzugen die Vögel die räumliche Nähe zu Feuchtstellen und Kleingewässern.

Im Raum Braunschweig ist die Zuckerrübe ein wichtiges Bruthabitat für den Kiebitz: Etwa die Hälfte der in der Region Braunschweig erfassten Gelege wurde auf Zuckerrübenfeldern gefunden. Andere Sommerkulturen, darunter vor allem Mais, nahmen fast ein weiteres Viertel ein.

Unseren ersten Ergebnissen zufolge stimmen die Bewirtschaftungspraxis beim Zuckerrübenanbau und die daraus resultierenden Flächeneigenschaften im Frühjahr vergleichsweise gut mit den Ansprüchen des Kiebitzes überein. Die Bestellung der Zuckerrübenfelder erfolgt Anfang April; bei milder Witterung auch bereits Ende März. In der Regel sind die mechanischen Arbeitsgänge auf Zuckerrübenfeldern somit vor Beginn der Brutzeit des Kiebitzes abgeschlossen bzw. es verbleibt noch ausreichend Zeit für Nachgelege. Wenn keine mechanische Unkrautbekämpfung erfolgt, sind Gelegeverluste in Zuckerrübenfeldern nach der Bestellung selten. Anders stellt sich die Situation beim Mais dar. Hier erfolgt die Bestellung später (Mitte bis Ende April). Beim Mais wurde 2015 ein Schlupferfolg von nur etwa 15 % festgestellt. Eine Markierung der Kiebitznester kann im Mais Gelegeverluste durch Bewirtschaftung verhindern. So wurde bei markierten Nestern im Mais 2016 ein Schlupferfolg von 60 % erreicht. 2017 fanden kaum Bruten auf Maisäckern statt.

Zur Lebensraumverbesserung wurden verschiedene Varianten sogenannter Kiebitzinseln getestet. In der Region Braunschweig erwies sich vor allem die „begrünte Kiebitzinsel“ an Sommerungen als effektiv. Durch die Einsaat einer Gras-Klee-Mischung konnte in den meisten Fällen eine gute Unterdrückung von Unkraut erzielt und gleichzeitig eine für Kiebitze günstige Vegetationsstruktur geschaffen werden. Der Bruterfolg auf Ackerflächen, auf denen solche Kiebitzinseln angelegt waren, war gegenüber den Kontrollflächen ohne Kiebitzinsel erhöht. Wichtige Voraussetzung ist jedoch, dass die Lage der Maßnahme sorgfältig ausgewählt wird, sodass die Flächen von Kiebitzen überhaupt zur Brut genutzt werden. Auf den eingesäten Kiebitzinseln wurde außerdem eine größere Zahl weiterer Vogelarten festgestellt.

Prädation

In den Jahren 2016 und 2017 wurden an einigen Kiebitznestern Kameras aufgestellt. Diese ermöglichen eine Überwachung des Gelegeschicksals, ohne dass der brütende Kiebitz maßgeblich gestört wird. Im Vergleich der beiden Jahre zeigte sich eine starke Schwankung der Prädation: Während 2016 kaum Gelege Fressfeinden zum Opfer fielen, wurden in 2017 zwei Drittel der beobachteten Nester von Füchsen gefressen/geplündert. Der Ausschluss von Bodenfeinden durch Elektrozäune ist eine mögliche Maßnahme, die im Braunschweiger Raum jedoch nicht systematisch getestet werden konnte. Sie erfordert hohen Aufwand beim Aufstellen und Instandhalten des Zauns und ist deshalb vor allem als besondere Maßnahme für Kiebitz-Hotspots geeignet.   

Meinungen der Bewirtschafter

In Gesprächen mit teilnehmenden Landwirten und Landwirtinnen zeigte sich eine hohe Bereitschaft, Maßnahmen zum Kiebitzschutz auf Ackerflächen umzusetzen. Dabei ist nicht ausschließlich die Bezahlung von Aufwand und Ertragsausfall für die Bewirtschafter von Bedeutung, sondern auch Erfolg und Nutzen der Maßnahmen für die Zielart. Der entstehende Aufwand wurde überwiegend als akzeptabel eingestuft. Viele würden die Maßnahmen gerne weiterhin realisieren, um einen Beitrag zur Förderung des sympathischen Vogels und der ökologischen Aufwertung ihrer Ackerflächen zu leisten.

Ausblick: Entwicklung von Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen

Für die Ausarbeitung konkreter Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen (AUKM) stellen sich zahlreiche Herausforderungen. Diese ergeben sich unter anderem aus der Vielfalt der Ergebnisse in den unterschiedlichen Projektregionen, komplexen Anforderungen des Fördersystems auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene sowie den Ansprüchen der Bewirtschafter. Die Festlegung der wichtigsten Parameter von Kiebitzschutzmaßnahmen in der Agrarlandschaft und deren Vereinbarkeit mit verschiedenen Förderinstrumenten steht im Fokus der weiteren Arbeiten am Thünen-Institut für Ländliche Räume

Links und Downloads

[Bundesprogramm Biologische Vielfalt]

Projekthomepage beim NABU

Thünen-Ansprechpartner


Beteiligte Thünen-Partner


Ehemalige Thünen-Partner

  • Breitsameter, Laura - sie war bis September 2015 Mitarbeiterin in diesem Forschungsprojekt.
             

Beteiligte externe Thünen-Partner


Geldgeber

  • Bundesland Schleswig-Holstein
    (national, öffentlich)
  • Bundesamt für Naturschutz (BfN)
    (national, öffentlich)
  • Hanns R. Neumann Stuftung
    (national, privat)

Zeitraum

8.2014 - 8.2019

Weitere Projektdaten

Projekttyp:
Förderprogramm: Bundesprogramm Biologische Vielfalt
Projektstatus: läuft

Publikationen zum Projekt

Anzahl der Datensätze: 4

  1. Böhner H, Röder N (2018) Sympathieträger Kiebitz - Wissenschaft, Landwirtschaft und Naturschutz engagieren sich gemeinsam für den Gaukler der Lüfte. Landwirtsch Braunschweiger Land:85-89
  2. Buschmann C, Böhner H, Röder N (2017) Der Kiebitz - vom Grünland ins Rübenfeld. Zuckerrübe 66(2):39-41
  3. Böhner H, Röder N, Buschmann C (2017) Schutzmaßnahmen für den Kiebitz (Vanellus vanellus) in der Agrarlandschaft. Aves Braunschweig(8):31-37
  4. Breitsameter L, Röder N (2015) Maßnahmen zum Schutz des Kiebitzes (Vanellus vanellus) in der ackerbaulich geprägten Landschaft - erste Ergebnisse aus der Region Braunschweig. Aves Braunschweig(6):28-36