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Projekt

Regionalwirtschaftliche Auswirkungen einer Reduzierung der Tierhaltung in Konzentrationsgebieten (ReTiKo)


Federführendes Institut MA Institut für Marktanalyse

Fabrik in agrarischer Landschaft
© Piotr Wawrzyniuk/stock.adobe.com
Zu sehen ist eine Fabrik in agrarischer Landschaft

In Deutschland gibt es ländliche Regionen mit besonders intensiver Viehhaltung. Diese trägt nicht nur zur wirtschaftlichen Prosperität, sondern auch zu erhöhten Belastungen von Boden, Luft und Wasser in den betroffenen Regionen bei.

Hintergrund und Zielsetzung

Im Projekt ReTiKo untersucht das Thünen-Institut die regionalwirtschaftlichen Auswirkungen einer möglichen Reduzierung der tierischen Produktion in Regionen mit besonders intensiver Viehhaltung. Eine solche Reduzierung wird von vielen Experten als notwendig erachtet, damit geltende Umweltstandards zum Schutz von Boden, Luft und Gewässern wieder eingehalten werden können.  Wir wissen aber noch nicht, wie stark die regionale Wirtschaft von der tierischen Produktion abhängt bzw. wie gut sie sich kurz-, mittel- und langfristig an Veränderungen anpassen kann. 

Vorgehensweise

Im quantitativen Projektteil werden mit Panelregressionen die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Branchen und ihren Beschäftigungsentwicklungen zwischen 2007 und 2019 getrennt für 16 Fall- und 220 Vergleichskreise bestimmt. Mit den identifizierten Koeffizienten des Fall- und Vergleichsregimes wird dann die mögliche Entwicklung mit und ohne eine Halbierung des Agrarsektors für zwei weitere Perioden á 12 Jahre simuliert. Ein Vergleich der Szenarien zeigt die möglichen Auswirkungen eines entsprechenden exogenen Schocks.

Die regionale Entwicklung kann aber nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden. Im qualitativen Projektteil wurden deshalb Interviews mit regionalen ExpertInnen und Stakeholdern zu den verschiedenen Strategien zur Weiterentwicklung in und außerhalb der Wertschöpfungskette der Vieh- und Fleischwirtschaft geführt. Diese Strategien beeinflussen die weitere Entwicklung nach einem möglichen exogenen Schock.

Daten und Methoden

Das empirische Konzept beruht auf einer kombinierten Auswertung quantitativer und qualitativer Daten:

(1) Der Zusammenhang zwischen der regionalen Wirtschafts- und Kompetenzstruktur und der Bedeutung des Strukturwandels in der Viehwirtschaft für die wirtschaftliche Entwicklung ländlicher Regionen wird überwiegend quantitativ ermittelt. Es werden Arbeitsmarktdaten und Daten der allgemeinen Regionalstatistik ebenso wie Mikrodaten zu Betrieben und Beschäftigten genutzt.

Die Daten werden für die Kalibrierung und Überprüfung von strukturellen Modellen sowie für ökonometrische Schätzungen zur Identifizierung spezifischer Modellparameter verwendet.

(2) Reaktionsmuster, Strategien und Steuerungsansätze werden in vergleichenden regionalen Fallstudien auf der Basis von qualitativen Daten analysiert. Zugrunde gelegt werden Informationen aus Interviews mit Stakeholdern und Experten  sowie aus historischen und aktuellen Dokumenten.

Informationen aus Experteninterviews werden dazu genutzt, die Beziehungen zwischen individuellen Akteuren, Unternehmen und Branchen des regionalen Wertschöpfungssystems zu bestimmen. Interviews mit Stakeholdern dienen dazu, Handlungsstrategien zentraler Akteure zu identifizieren und zu einer Einschätzung der individuellen und kollektiven Handlungsmacht zu gelangen.

Die Ansätze ergänzen sich und dienen der wechselseitigen Überprüfung. Zusammen schaffen die qualitativen und quantitativen Daten und Modelle ein Verständnis für Entscheidungen und Strategien der regionalen Akteure im regionalen Kontext. So wird eine Grundlage geschaffen, um mögliche Entwicklungspfade bei geänderten Rahmenbedingungen abzuleiten. Die so erstellten Modelle und Szenarien können dann mit Blick auf die konkreten regionalen Gegebenheiten interpretiert und diskutiert werden.

Unsere Forschungsfragen

Im Projekt ReTiKo werden folgende Forschungsfragen beantwortet:

(1) Welche Bedeutung kommt der Viehwirtschaft für die regionale Agrar- und Ernährungswirtschaft und für das weitere wirtschaftliche Umfeld und seine Entwicklung zu?

(2) Welche Reaktionsfähigkeiten und Anpassungsstrategien weisen die Beteiligten des regionalen Produktionssystems der Viehwirtschaft sowie ihrer vor- und nachgelagerten Bereiche auf?

(3) Wie reagieren regionale Akteure jenseits der Wertschöpfungskette „Vieh“ auf Entwicklungen der Agrar- und Ernährungswirtschaft, und welche positiven und negativen Entwicklungsimpulse gehen davon für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung der Regionen mit intensiver Viehwirtschaftaus?

Ergebnisse

Die Ergebnisse der Analysen ermöglichen es, Entwicklungsszenarien für die Zeit eines beschleunigten Strukturwandels und danach abzuleiten. Bei stabiler konjunktureller Lage können die Viehdichten in der Fallregion reduziert werden, ohne dass auf weiteres Wachstum verzichtet werden muss. Die Transformation hat mehr Aussicht auf Erfolg, je weniger die wirtschaftlichen und politischen Stakeholder der Vieh- & Fleischwirtschaft trotz anderslautender Signale an alten Zielbildern festhalten. Gelingt es, die regionalen Produktionskapazitäten durch eine Diversifizierung vor Ort zu halten, so kann das Wachstum anderer Branchen den Rückgang der Vieh- & Fleischwirtschaft weitgehend kompensieren.

Gelingt die Diversifizierung am Standort nicht, so gehen möglicherweise die besonderen endogenen Standortvorteile verloren und die Entwicklung verlässt das alte Wachstumsregime. Das Wachstum schwächt sich dann in vielen Fallkreisen stärker ab und der für die Entwicklung ländlicher Regionen wichtige Produktionssektor verliert an Bedeutung.

Diversifizierung und kompensatorisches Wachstum hängen aber auch im besten Fall von einer stabilen konjunkturellen Entwicklung ab. Die offenbar unausweichliche strukturelle Transformation der Fallregion sollte daher nach Möglichkeit in einer positiven konjunkturellen Phase forciert werden.

Project Brief, DOI: 10.3220/PB1673260441000

Geldgeber

  • Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)
    (national, öffentlich)

Zeitraum

6.2019 - 11.2022

Weitere Projektdaten

Projektfördernummer: 28N1800005
Projektstatus: abgeschlossen

Publikationen zum Projekt

  1. 0

    Margarian A (2024) Analysing evolutionary growth regimes of regional economies and transformative shocks: Proposal for a regression-based counterfactual simulation approach to local inter-industry structural change. Structural Change Econ Dynam 70:18-32, DOI:10.1016/j.strueco.2024.01.003

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn067521.pdf

  2. 1

    Margarian A (2023) A regression-based simulation of local inter-industry structural change under capacity constraints and with transformative shocks [Preprint] [online]. Rochester: SSRN, 29 p, zu finden in <http://ssrn.com/abstract=4442000> [zitiert am 22.06.2023], DOI:10.2139/ssrn.4442000

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn066464.pdf

  3. 2

    Beck V, Efken J, Margarian A (2023) Regionalwirtschaftliche Auswirkungen einer Reduzierung der Tierhaltung in Konzentrationsgebieten : Abschlussbericht zum Projekt ReTiKo. Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, 218 p, Thünen Rep 110, DOI:10.3220/REP1685447890000

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn066379.pdf

  4. 3

    Margarian A, Beck V, Efken J (2023) Strukturwandel als Chance für die deutschen Veredlungsregionen. Agra Europe (Bonn) 64(25):22-23

  5. 4

    Beck V, Efken J, Margarian A (2023) Transformation einer Veredlungsregion. Braunschweig: Thünen-Institut für Marktanalyse, 2 p, Project Brief Thünen Inst 2023/14, DOI:10.3220/PB1673260441000

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn065890.pdf

  6. 5

    Beck V, Efken J, Margarian A (2023) Transformation of a livestock intensive region. Braunschweig: Thünen Institute of Market Analysis, 2 p, Project Brief Thünen Inst 2023/14a, DOI:10.3220/PB1673260726000

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn065891.pdf

  7. 6

    Margarian A (2021) Herausforderungen der Strukturentwicklung in wirtschaftlich spezialisierten Regionen: Das Beispiel der Vieh- und Fleischwirtschaft. Loccumer Prot 57:139-170

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