„Gesetze alleine reichen nicht“

Ein Gespräch über Waldzerstörung, illegalen Holzeinschlag und zertifizierte Holzprodukte

Immer wieder gibt es kritische Berichte über Waldzerstörung und den illegalen Einschlag von Holz. Vielen stellt sich daher die Frage, ob man Holzprodukte überhaupt guten Gewissens kaufen kann. Matthias Dieter und Ulrich Bick, Wissenschaftler am Thünen-Institut für Internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie, gehen Umfang und Ursachen von Entwaldung auf den Grund und befassen sich mit Fragen zur Legalität und Zertifizierung von Holzprodukten.


Ulrich Bick und Matthias Dieter, Thünen-Institut für Internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie (© Thünen-Institut/Christina Waitkus)

Global gehen jährlich je nach Quelle zwischen 3 und 12 Mio. ha Wald verloren. Welche Rolle spielt der Bedarf an Holz dabei?

MD: Holznutzung selber ist nur ein nachrangiger Treiber für Entwaldung. Die Entwaldung vor allem in den Tropen und Subtropen geht vorrangig auf die Landwirtschaft zurück – auf kommerzielle Landwirtschaft ebenso wie Subsistenzwirtschaft - sowie auf Infrastrukturprojekte wie Siedlungs- oder Bergbau. Die Entwaldung erfolgt in diesen Fällen regelmäßig durch Abbrennen der Flächen und anschließender landwirtschaftlicher Nutzung und nicht durch die Ernte des Holzes.

Also stellt die Holznutzung gar kein Problem dar?

MD: Das wäre zu stark vereinfacht. Es gibt auch Flächen, die speziell des Holzes wegen abgeholzt werden. Noch wichtiger sind jedoch die Schneisen in den Wald, die die Einschlagsunternehmen hinterlassen, wenn sie auch nur einzelne Stämme selektiv aus dem Wald entnehmen. Diese Schneisen erleichtern Siedlern das Nachrücken und damit das weitere Abbrennen des Waldes zur Landgewinnung.

Lässt sich das nicht einfach verhindern, z. B. durch Gesetze?

MD: Ja und nein. Gesetze alleine reichen nicht. Ihre Befolgung muss sichergestellt werden. Beides zählt zum Überthema „Good Governance“, also gute Regierungsführung. In den betroffenen Ländern besteht dazu aber häufig Entwicklungsbedarf.

UB: In dem Zusammenhang muss auch berücksichtigt werden, dass es in bestimmten Ländern legal sein kann, Wälder zu roden. Dies kann notwendig sein, um die Menschen vor Ort mit Lebensmitteln zu versorgen oder deren wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen.

Wenn Entwaldung auch gute Seiten für die Menschen vor Ort hat, müssen wir sie dann doch einfach hinnehmen?

UB: Nein; wir müssen unterscheiden zwischen legaler Entwaldung, die zu akzeptieren ist, sowie illegaler, die wir bekämpfen sollten. In dem Geist ist auch die Europäische Holzhandelsverordnung, kurz EUTR, entstanden. Sie trat 2013 in Kraft. Mit ihr sollen Holzprodukte aus illegalem Einschlag aus dem europäischen Markt ferngehalten werden. Die Marktteilnehmer, die Holzprodukte erstmals in den EU-Markt bringen, unterliegen einer speziellen sogenannten Sorgfaltspflicht. Sie müssen Angaben zu den verwendeten Baumarten, zur regionalen Herkunft sowie zu den Handelspartnern machen können. Und sie müssen eine Risikoeinschätzung zur Illegalität des Holzeinschlages vornehmen. Bei begründetem Verdacht auf Illegalität dürfen die betroffenen Holzprodukte nicht in die EU gehandelt werden.

Also, ist das Problem damit schon gelöst? Ist mit der EUTR sichergestellt, dass kein illegal eingeschlagenes Holz in die EU und nach Deutschland gelangt?

UB: Soweit kann man nicht gehen. Zum einen unterliegen nicht alle Produkte auf Basis Holz der EUTR: Holzkohle, bedruckte Papierprodukte oder Recyclingmaterialien beispielsweise fallen nicht darunter; noch nicht. Für sie ist noch keine Sorgfaltspflicht vorgeschrieben. Die Europäische Kommission prüft zurzeit aber, diese und andere Produktgruppen in die Verordnung mit aufzunehmen. Für sie müssten die betroffenen Unternehmen dann ebenfalls die Angaben zu Baumarten, Herkunft und Legalität sorgfältig prüfen.

Wissen wir denn, wie ernst die Unternehmen, die Holzprodukte einführen, die Sorgfaltspflicht nehmen?

MD: An unserem Thünen-Kompetenzzentrum Holzherkünfte beobachten wir in den letzten Jahren eine stark ansteigende Anzahl an Einsendung an Holzproben zur Bestimmung der Baumarten. Etwa 80 % davon entfallen auf Unternehmen. Sie wollen auf Nummer sicher gehen und lassen prüfen, ob sie auch wirklich die vereinbarten Baumarten geliefert bekommen haben. Diese Entwicklung sehen wir als klaren Indikator dafür, dass die Unternehmen ihre Sorgfaltspflicht ernst nehmen. Sicher gibt es aber auch Unternehmen, die noch nicht so weit sind, vor allem wenn die eingeführten Holzprodukte nicht das Hauptgeschäft sind. Für solche Unternehmen ist unser Institut häufig erste Anlaufstelle für Informationen zu den Nachweispflichten.

Lassen sich denn schon Auswirkungen auf die Verwendung von Holz in Deutschland feststellen?

MD: Erste Ergebnisse unserer Untersuchungen hierzu zeigen, dass der Handel nach Deutschland und in die EU nicht zurückgegangen ist. Wir gehen dieser Frage aber weiter nach und befragen aktuell, ob die betroffenen einführenden Unternehmen vorhaben, ihre Lieferantenstruktur zu ändern oder gegebenenfalls ganz auf die Einfuhr von Holzprodukten zu verzichten. In dem Fall wollen wir erfahren, ob eher heimischem Holz oder anderen Materialen als Holz der Vorzug gegeben wird.

Was empfehlen Sie den Verbrauchern, die mit gutem Gewissen Holzprodukte kaufen möchten?

UB: Holzprodukte erwerben, die ein Nachhaltigkeitszertifikat tragen. Die Zertifizierungen stellen sicher, dass Forstbetriebe ihre Wälder über gesetzliche Anforderungen hinaus nachhaltig bewirtschaften. Waldrodung wird hierbei nicht als nachhaltige Waldwirtschaft angesehen, auch wenn sie im Herkunftsland legal sein sollte. Die am Markt befindlichen Zertifizierungsorganisationen orientieren sich an international anerkannten Grundsätzen für nachhaltige Waldbewirtschaftung. Über die sogenannte Produktkettenzertifizierung kann sichergestellt werden, dass der Weg des Holzes vom Forstbetrieb zum Endverbraucher rückverfolgt werden kann.

Vielen Dank für das Gespräch.