„…mehr Hasen auf Öko-Flächen“

Ein Gespräch über die Kunst, Hasen zu zählen und die Vorliebe der Löffeltiere für den Ökolandbau

Jaqueline Felix und Jürgen Ulverich bei der Bestandsaufnahme vor Ort (© Thünen-Institut/Christina Waitkus)

In Trenthorst beteiligt sich das Thünen-Institut für Ökologischen Landbau seit langem an der Erfassung der Feldhasenbestände. Jaqueline Felix organisiert die alljährlichen Zählkampagnen und Jürgen Ulverich, ehemaliger Technischer Leiter, ist auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand begeistert mit dabei.

Seit 15 Jahren erfasst das Institut für Ökologischen Landbau die Hasenpopulationen auf konventionell und ökologisch bewirtschafteten Agrarflächen. Wie kam es dazu?

JU: Mit ersten Zählungen haben wir sogar schon 1995 angefangen. Der Landesjagdverband hatte zu der Zeit begonnen, ein Wildtierkataster für Schleswig-Holstein anzulegen, und das damalige FAL-Institut hat sich daran beteiligt. Mit Änderung des Institutsprofils auf ökologischen Landbau kam dann die Idee auf, die Feldhasendichte vergleichend auf konventionellen und Ökoflächen zu erfassen.

JF: Wir haben dann rund um Trenthorst konventionell und ökologisch bewirtschaftete Flächen herausgesucht, jeweils 400 Hektar groß, die aneinander grenzen, und sie dann parallel untersucht.

Zeigen Hasen Präferenzen für einen der beiden Bewirtschaftungstypen?

JU: Ja, es ist klar zu sehen, dass auf den Ökoflächen mehr Hasen anzutreffen sind. Zu Anfang, also in der Umstellungszeit auf Ökolandbau, gab es auf beiden Flächentypen etwa die gleiche Anzahl. Doch mittlerweile finden wir auf den Ökoflächen regelmäßig etwa doppelt so viele Tiere, und zwar stabil über die Jahre hinweg.

Insgesamt gelten die Bestände an Feldhasen in der Agrarlandschaft als rückläufig. Können Sie diesen Trend für Schleswig-Holstein bestätigen?

JU: Rund um Trenthorst sind die Zahlen in den letzten Jahren ziemlich stabil – sowohl auf den Ökoflächen als auch auf den konventionellen Flächen. Die Zählungen sind damals auch deshalb eingeführt worden, weil der Hase als vom Aussterben bedroht galt. Das hat sich für Schleswig-Holstein aber ganz klar nicht bestätigt, im bundesweiten Vergleich ist die Hasendichte hier sogar relativ hoch.

Wenn man in der Agrarlandschaft einen Hasen sieht, dann doch eher zufällig. Wie kann man die Populationsstärke eigentlich systematisch erfassen?

JU: Da hat sich die sogenannte Scheinwerfer-Taxationsmethode etabliert. Nach Einbruch der Dunkelheit fährt man dazu mit dem Auto langsam eine bestimmte Strecke. Ein Beifahrer leuchtet mit einem Scheinwerfer im Winkel von 90 Grad die Strecke ab und erfasst dabei die Hasen. Die Tiere sind zu dieser Zeit aktiv, und bis in 300 Metern Entfernung kann man sie gut erkennen.

Werden die Hasen durch das Auto nicht erschreckt?

JF: Nein, die Hasen nehmen das Auto, solange es mit gleichmäßiger Geschwindigkeit fährt, nicht als Bedrohung wahr. Nur anhalten darf man nicht. Für die Erfassungen fahren wir zeitgleich mit zwei Autos beide Vergleichsgebiete auf vorher festgelegten Strecken ab, und zwar an zwei aufeinanderfolgenden Abenden. Das dauert jeweils rund zwei Stunden.

JU: Wir erfassen dabei übrigens nicht nur Hasen, sondern alle Wildtiere, die klar zuzuordnen sind. Also auch Rehe, Schwarzwild, Raubwild, Eulen und sogar Igel.

Wie viele Hasen sichten Sie im Durchschnitt während einer Erkundungsfahrt?

JF: Im Frühjahr 2019 hatten wir zum Beispiel 60 bis 65 Hasen pro Abend auf den abgeleuchteten Ökoflächen und knapp 30 auf den konventionellen Flächen. Wir machen die Zählungen zweimal im Jahr; einmal im Frühjahr, bevor die Pflanzen auf den Feldern zu hoch werden, und dann im Herbst nach der Ernte. Im Herbst liegen die Zahlen meist etwas höher, weil wir dann den Sommerzuwachs der Hasen mit drin haben. Bei der Frühjahrszählung schlagen die Winterverluste zu Buche.

Hasen gelten in der Bevölkerung als Sympathieträger. Haben sie auch eine spezielle Rolle im Agrarökosystem?

JU: Hasen sind besonders als Beute für andere Tiere von Bedeutung. Man kann fast sagen, dass alle Prädatoren der Agrarlandschaft vom Hasen leben wollen. Das gilt für Kolkraben, Krähen und Greifvögel, die vor allem Junghasen schlagen, aber natürlich auch für Fuchs und Marderhund, die die ausgewachsenen Tiere jagen.

Wieso sind auf den Ökoflächen mehr Hasen anzutreffen?

JU: Ganz klar wegen der Bewirtschaftung. Wir haben dort mehr Kleegrasflächen, Sommergetreide, Mischfruchtkulturen und Dauergrünland. Das passt in den Speiseplan der Hasen.

JF: Auf den Öko-Äckern sind die Drillabstände auch etwas größer, sodass die Bestände luftiger und mit Wildkräutern durchsetzt sind. Wichtig sind auch vielfältig bewachsene Saumstrukturen wie Raine oder Hecken – sie bieten Nahrung, aber auch Deckung.

Können auch konventionell wirtschaftende Landwirte etwas für den Schutz der Hasen tun?

JF: Zu diesem Thema hatten wir gerade im Frühjahr hier am Institut eine Informations-veranstaltung. Viel ist schon gewonnen, wenn Landwirte ein paar Streifen Grünland mit Klee oder Blühpflanzen einfügen oder die Außenbereiche der Felder etwas lockerer einsäen, wo dann Ackerwildkräuter wachsen können. Der Hase braucht für die Milchproduktion und zum eigenen Wohlergehen verschiedene Gräser und Kräuter, man spricht hier auch von der Hasenapotheke.

Was machen Hasen eigentlich im Winter? Wo sind sie anzutreffen?

JF: Speziell hier in Trenthorst kommt den Hasen der schweren Boden zugute, weil sie sich gut in den Pflugfurchen aufhalten können. Sie finden dort Deckung und Windschutz. Sie brauchen auch in der kalten Jahreszeit kräuterreiche Futterflächen wie junge Getreidesaat oder abgeblühte Blühstreifen. Ihre Sasse – also ihr Ruhelager – haben sie auch im Winter im Feld, auf Wiesen oder am Rand von Hecken.

Frau Felix, Herr Ulverich, vielen Dank für das Gespräch.