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Nadine Kraft

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Thünen-Faktencheck: Ist der Westdorsch noch zu retten?

Einordnung der Studienergebnisse von Forschenden um Christian Möllmann zu Kipppunkten beim Westdorsch

Der Bestand des Westdorsches wurde lange überfischt. (© Annemarie Schütz)

Der Dorschbestand der westlichen Ostsee ist kollabiert und seine Erholungschancen sind denkbar schlecht. Zu dieser Erkenntnis kommen Christian Möllmann sowie Kolleginnen und Kollegen der Hamburger, Kieler und Leipziger Universitäten in einem vor einigen Wochen in Scientific Reports veröffentlichten Artikel. Sie haben dafür einen neuen Modellierungsansatz aus der Katastrophentheorie verwendet und einen sogenannten Kipppunkt identifiziert. Als Ursache für den schlechten Zustand nennen die Autorinnen und Autoren die jahrelange Überfischung und Auswirkungen des Klimawandels. Eine weitere Ursache sei, dass die politikberatende Wissenschaft im Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) nicht Willens oder in der Lage sei, die veränderten Umweltbedingungen in die Fangvorhersage einzubinden.

Aussagen sind nicht neu

Dem Westdorsch geht es schlecht. (© Daniel Stepputtis)

Die wesentlichen Aussagen der Studie offenbaren keine Neuigkeit. Der ICES hat den Westdorsch-Bestand bereits 2016 als kollabiert bezeichnet. Nach einer kurzen Erholung in der Folge eines einzigen starken Jahrgangs geht die Bestandsgröße seither wieder zurück, denn der Nachwuchs bleibt schwach. Vom Aussterben allerdings, wie in manchen Medienberichten postuliert, ist der Westdorsch weit entfernt. Es sind noch immer viele Millionen erwachsene Tiere übrig, die ein Fortbestehen des Bestandes sichern können.

Auch die Ursache für den Zusammenbruch des Bestandes ist lange bekannt: Die festgesetzten Fangmengen wichen viele Jahre lang erheblich von der Empfehlung des ICES ab. Der Bestand wurde überfischt. Wie lange die Erholung eines derart überfischten Bestandes dauert, ist nicht bekannt. Auch die Analyse von Möllmann et al. liefert dazu keine zusätzlichen Informationen. Die Überfischung lag jedoch nicht einfach am Unwillen der Politik, sondern an einem institutionellen Konflikt zwischen Ministerrat und Europaparlament. Dadurch wurde eine Anpassung des Dorsch-Managementplans über Jahre verhindert. Die europäische Einigung war zum damaligen Zeitpunkt wichtiger als die Festsetzung nachhaltiger Fangmengen.

Auswirkungen der Umweltveränderungen müssen erklärbar sein

Dorsch der westlichen Ostsee im Netz. (© Annemarie Schütz)

Neu ist der Vorwurf, dass der wissenschaftliche Rat die sich durch den Klimawandel schnell verändernden Umweltbedingungen nur unzureichend berücksichtige. Die Beobachtung als solche ist richtig, das Problem dennoch nicht leicht zu beheben. Sollen Veränderungen und deren Auswirkungen auf einen Bestandszustand vorhergesagt werden, muss zunächst klar sein, was genau passiert. Diesen funktionalen Zusammenhang zwischen Umwelt und Dorschpopulation liefern auch Möllmann et al. nicht. Vielmehr wird lediglich festgestellt, dass es eine Korrelation zwischen Oberflächenwassertemperatur und Bestandszustand gibt. Die kann aber viele Ursachen haben. Für den Hering der westlichen Ostsee haben wir nach zehn Jahren gezielter Forschung eine schlüssige Hypothese zum Zusammenhang zwischen Nachwuchsproduktion und Klimawandel entwickelt. Für den Dorsch der westlichen Ostsee gibt es eine solche Hypothese nicht, geschweige denn Daten, die sie belegen könnten.

Referenzpunkte werden angepasst

Wo immer möglich, baut der ICES Umweltdaten in die Bestandsberechnungen und Vorhersagen ein. Ein Beispiel ist die Vorhersage des Nachwuchses der Ostseesprotte, die mit der Wassertemperatur in bestimmten Gebieten zusammenhängt.

Auch die Referenzpunkte, mit deren Hilfe die optimale Bewirtschaftung eines Bestandes durch die Fischerei bestimmt wird, werden laufend aktualisiert. Dadurch wird beispielsweise berücksichtigt, wenn ein Bestand unproduktiver wird. Leider funktioniert das nur rückwirkend, also mit jahrelangem zeitlichen Versatz.

Möllmann et al. fordern also Unmögliches und lenken so vom eigentlichen Problem ab: der Überfischung. Die Politik hat das Problem inzwischen erkannt und setzt seit 2016 die Fangmengen weitgehend entsprechend den wissenschaftlichen Empfehlungen um. Daten, die vermeintlich das Gegenteil belegen, zeigen leider nur, dass den Autorinnen und Autoren der Unterschied zwischen der bestandsspezifischen Empfehlung und der gebietsspezifischen Höchstfangmenge nicht klar ist. Der ICES liefert eine Fangempfehlung für den Westdorsch-Bestand in seinem Verbreitungsgebiet. Die Höchstfangmenge wird dagegen für das westliche Managementgebiet festgelegt. Dort werden auch größere Mengen Ostdorsch gefangen. Die gebietsbezogene Höchstfangmenge ist daher für gewöhnlich höher als die ICES-Fangempfehlung für den Westdorsch.

Auch wenn die Modellierung ein interessanter Ansatz ist, sind die Ergebnisse nur so belastbar wie die Eingangsdaten. Möllmann et al. haben für den für die Analyse entscheidenden ersten Zeitraum der Betrachtung (1970-1985) Daten aus einer veralteten Bestandsberechnung des ICES verwendet. Damals konnten Ost- und Westdorschbestände nur aufgrund der Fanggebiete zugeordnet werden. Seit 2015 können sie u.a. mit Hilfe genetischer Methoden auch im gleichen Gebiet und damit viel genauer auseinandergehalten werden. Zwar wird dieser Punkt angesprochen, allerdings als unproblematisch angesehen, weil es erst in jüngerer Vergangenheit zu einer erheblichen Vermischung der Ost- und Westdorschbestände gekommen sei. Diese Annahme ist nachweislich falsch, die Informationen dazu sind beim ICES öffentlich verfügbar.

Der laxe Umgang mit derart entscheidenden Eingangsdaten lässt Zweifel aufkommen, wie belastbar die Ergebnisse der Modellierung tatsächlich sind und ob man deswegen eine Bewirtschaftung, die die Erholung des Bestandes zum Ziel hat, aufgeben sollte.