Corona: Drei Strategie-Optionen

Die drastischen Restriktionen ab März galten dem Ziel, eine Überlastung des deutschen Gesundheitssystems abzuwenden. Dieses Ziel wurde erreicht. Wie nun weiter? Prof. Dr. Folkhard Isermeyer hat dazu drei längerfristige Corona-Strategien analysiert.


Deutschland ist zunächst relativ gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Die strikten Restriktionen im März haben dazu geführt, dass die Zahl der Neuinfektionen seit Anfang April um 80 Prozent gesunken ist. Eigentlich ein grandioser Erfolg. In der öffentlichen Debatte ist Freude über den erzielten Erfolg allerdings kaum zu erkennen, stattdessen wurde die Forderung immer lauter, nun endlich einen Kurswechsel vorzunehmen. Dieser Forderung hat die Politik mit ihren Beschlüssen am 6. Mai teilweise nachgegeben.

Der Grund für die Wechselstimmung liegt darin, dass (a) der bisher verfolgte Kurs hohe Belastungen verursacht und (b) viele Menschen nicht erkennen können, welchen Vorteil harte Restriktionen bringen sollen, wo doch die Infektionszahlen schon stark gesunken sind.

Es fehlen längerfristige Perspektiven und Zielbilder, die die Bevölkerung überzeugen und auch den Unternehmen eine Orientierungshilfe bieten. Um hierüber die Debatte anzuregen und zu unterstützen, hat Professor Dr. Folkhard Isermeyer, Thünen-Institut Braunschweig, in einem Arbeitsbericht drei Strategie-Optionen entwickelt und vergleichend analysiert. Abbildung 1 stellt die Optionen schematisch dar.

Abbildung 1: Tägliche Neuinfektionen in Deutschland bei unterschiedlichen Strategien 2020/2021

Quelle: Für den Zeitraum 1. März bis 3. Mai 2020 eigene Berechnungen (gleitende Mittelwerte der jeweils letzten 7 Tage) auf Basis Johns-Hopkins University CSSE. Für spätere Zeiträume schematische Darstellung. (© Thünen-Institut)

Der lange Tanz mit dem Virus

Bei Option A orientiert sich die Politik weiterhin ausschließlich an der „Intensivbetten-Schwelle“. Deshalb können Restriktionen zunächst wesentlich schneller und weitreichender gelockert werden als bei den anderen Optionen. Ein Wiederanstieg der Neuinfektionen wird toleriert. Die Restriktionen werden jedoch wieder verschärft, wenn die Neuinfektionen sich den Spitzenwerten von März nähern und dadurch die Intensivbetten knapp werden.

Sinkflug bis zur Nachverfolgung

Bei Option B wird festgelegt, dass die Zahl der Neuinfektionen sinken müssen, bis sie so niedrig liegen, dass alle Infektionsfälle nachverfolgt und durch Quarantänemaßnahmen unter Kontrolle gebracht werden können. Der Sinkflug kann steiler oder flacher eingestellt werden. Bei flacher Einstellung können die Restriktionen behutsam gelockert werden, wodurch kurzfristig gewisse Impulse für die wirtschaftliche Erholung entstehen.

Corona-freies Deutschland ab Herbst

Bei Option C wird durch fortgesetzte Restriktionen ein steiler Sinkflug erzeugt. Darüber hinaus werden neue Restriktionen an den Außengrenzen eingeführt: Der Warenverkehr soll ungehindert fließen, aber für den Personenverkehr gilt eine strikte Quarantäneregelung. Ziel ist es, ab Herbst stabil ohne Neuinfektionen zu sein. Danach können im Inland alle Corona-Beschränkungen aufgehoben werden. Wer aus dem Ausland einreist, muss für zwei Wochen in Quarantäne.

Im Vergleich der drei Optionen stellt Isermeyer fest, dass eine starke Lockerung der Restriktionen nicht empfehlenswert ist. Eine häufige Abfolge von Lockerung und Lockdown wäre auch für die Wirtschaft schädlich. Ein behutsam ausgeführter „Tanz mit dem Virus“ (Option A) schneidet besser ab, sollte aber nur in Betracht gezogen werden, wenn sehr gute Aussichten auf einen wirksamen Impfstoff ab 2021 bestehen. Positiv schlägt eine größere wirtschaftliche Erholung zu Buche, negativ relativ hohe Todeszahlen. Außerdem führt die durchgehend hohe Zahl infizierter Menschen zu einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass weiterhin auf Großveranstaltungen verzichtet werden muss und die Corona-Entwicklung doch einmal so außer Kontrolle gerät, dass ein Lockdown erforderlich wird.

Das attraktivste Zielbild stellt ein „Corona-freies Deutschland ab Herbst“ (Option C) dar. Dennoch ist nicht zu erwarten, dass sich die Politik dieses Zielbild in nächster Zeit zu Eigen macht. Erstens klingt es zu sehr nach Abschottung. Zweitens gibt es keine Garantie, dass das Ziel bis zum Herbst sicher zu erreichen ist; insbesondere nach den Anfang Mai beschlossenen Lockerungen ist das sehr unwahrscheinlich geworden. Drittens steht die Aussicht auf einen Impfstoff 2021 im Raum, so dass es der Politik nicht unbedingt nötig erscheint, jetzt das Virus mit einem großen Kraftakt eliminieren zu müssen.

Insofern spricht vieles dafür, dass sich die nationale Politik für die Strategie „Sinkflug bis zur Nachverfolgung“ (Option B) entscheidet, möglicherweise erst nach einer „zweiten Welle“ im Juni. Da sich die Ausgangssituation zwischen einzelnen Bundesländern stark unterscheidet, ist es folgerichtig, dass die Bundesländer hierbei ihre Maßnahmen in eigener Regie bestimmen. Welche Ziele dabei zu erreichen sind, muss aber gemeinschaftlich festgelegt werden.

Falls im Frühjahr 2021 ein Impfstoff zur Verfügung steht, können dann alle Beschränkungen aufgehoben werden. Falls der Impfstoff aber erst für 2022 oder später in Aussicht gestellt wird, könnte die Politik erwägen, im Frühjahr auf die Strategie „Corona-freies Europa ab Herbst 2021“ (Option C) umzusteigen.


Service zum Download

Isermeyer F (2020) Corona-Strategie: Welche Ziele, Welche Zielbilder?
Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, 31 Seiten
Thünen Working Paper 145