Abschlussbericht zur Zukunft der Landwirtschaft übergeben

ZKL-Vorsitzender Prof. Dr. Peter Strohschneider bei der Übergabe des Abschlussberichts an Bundeskanzlerin Angela Merkel am 6. Juli 2021 (© Bundesregierung/Guido Bergmann)

Die Zukunftskommission Landwirtschaft hat ihren Abschlussbericht am 6. Juli an Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben. Das Thünen-Institut war mit zwei Mitarbeiterinnen in der Kommission vertreten, zum einen Dir. u. Prof. Dr. Hiltrud Nieberg, Leiterin des Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft, für den Bereich Wissenschaft und Kathrin Muus, inzwischen Mitarbeiterin im Thünen-Institut für Betriebswirtschaft, als Bundesvorsitzende des Bundes der Landjugend.


In der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) arbeiteten Vertreterinnen und Vertreter von Landwirtschaft, Wirtschaft, Handel, Verbraucher, Umwelt- und Tierschutz sowie Wissenschaft zusammen, darunter auch vier Professorinnen und zwei Professoren aus den Agrar- und Umweltwissenschaften. Diese ziehen ein insgesamt positives Fazit: „Es waren sehr zeitaufwändige Dialogprozesse, aber es ist gelungen, mit Hilfe wissenschaftlicher Ergebnisse eine fundierte und dialogförderliche Basis für die Verhandlungen zu entwickeln, die vorher teilweise sehr verhärtet zwischen den verschiedenen Organisationen der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette und den Verbänden des Verbraucher-, des Natur-, Tier- und Umweltschutzes geführt wurden. Alle haben mit- und voneinander gelernt“, so Dir. u. Prof. Dr. Hiltrud Nieberg vom Thünen-Institut.

Landwirtschaft will Transformation mitgestalten

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der ZKL haben viele der Gesprächsrunden moderiert und versucht, den Stand der wissenschaftlichen Forschung einzubringen. Professorin Ute Knierim von der Universität Kassel fasst die Kernaussage zusammen: „Der Abschlussbericht macht deutlich, dass die Landwirtschaft sich der großen Transformation zu mehr Umwelt- und Tierschutz stellt und sie mitgestalten will. Allerdings kann sie diese nicht allein aus eigener Kraft stemmen; es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe mit Verbindungen in viele Lebensbereiche.“

„Es war bei der Einrichtung der Zukunftskommission vor einem Jahr völlig offen, ob sich die beteiligten Verbände auf das Ziel eines schnellen und umfassenden Transformationsprozesses des gesamten Landwirtschafts- und Ernährungssystems verständigen können“, konstatiert der Frankfurter Naturschutzprofessor Manfred Niekisch. „Doch nun kommt es darauf an, dass die nötigen Schritte und Instrumente seitens der beteiligten Interessengruppen und durch die Politik auch entwickelt und umgesetzt werden.“

Damit das umfassende Programm umgesetzt werden kann, werden die Bürgerinnen und Bürger als Steuerzahler und Verbraucher in den kommenden Jahren schätzungsweise rund 5 bis 8 Mrd. Euro pro Jahr mehr aufbringen müssen. Dabei wird sich der Betrag schrittweise verringern, denn es ist geplant, die bisherigen EU-Direktzahlungen umzuwandeln in Gelder zur Honorierung öffentlicher Leistungen. Die Hälfte dieses Mittelbedarfs wird für ein verbessertes Tierwohl, die andere Hälfte für einen verbesserten Schutz von Biodiversität, Natur und Klima benötigt. Das sind anfänglich bis zu 100 Euro im Jahr für jeden Bürger.

Kosten werden sich volkswirtschaftlich rechnen

„Den meisten Menschen sind Tierwohl und eine intakte Natur diese Summe auch wert“, so Professor Achim Spiller von der Universität Göttingen. Einkommensschwache Haushalte werden allerdings, z.B. durch eine Erhöhung von Hartz IV-Sätzen oder direkte Transfers, dafür kompensiert werden müssen. „Dies wird sich volkswirtschaftlich mittel- bis langfristig sogar rechnen, da viele Umwelt- und Gesundheitsbelastungen, die heute anfallen, durch die konsequente Transformation des Landwirtschafts- und Ernährungssystems vermieden werden können.“ „Langfristig rechnet sich mehr Vorsorge“, so Professorin Ramona Teuber von der Universität Gießen.

Nach harten Verhandlungen hat schließlich auch die landwirtschaftliche Verhandlungsseite mitgetragen, dass die klassischen EU-Subventionen für die Landwirtschaft – die pro Hektar ausgezahlten sog. Direktzahlungen – keine Zukunft mehr haben und innerhalb der nächsten beiden Perioden der EU-Agrarpolitik vollständig umgebaut werden müssen. An die Stelle der Direktzahlungen sollen betriebswirtschaftlich attraktive Zahlungen für Umwelt- und Tierschutzleistungen der Landwirtschaft treten. Diese Empfehlung der ZKL ist aus Sicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wegweisend, weil sie den Landwirten neue Geschäftsmodelle ermöglicht und sie wirtschaftlich absichern kann.

Die Zukunftskommission war aus Sicht der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein gelungenes Experiment und belegt den Wert solcher Dialogprozesse mit umfassender Beteiligung der Stakeholder. „Für die Verständigung auf einen gemeinsamen Weg zur Umsetzung von mehr Nachhaltigkeit können solche Dialogprozesse auf allen politischen Ebenen, vom Bundestag bis zu lokalen Konflikten, zum Beispiel Stallbauten oder Veränderungen des Landschaftsbildes durch Gewächshäuser oder Hagelnetze, einen wichtigen Beitrag leisten“, so Professorin Vera Bitsch von der Technischen Universität München.

Der Abschlussbericht „Zukunft Landwirtschaft. Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ wurde am 6. Juli 2021 durch den Vorsitzenden der Kommission, Prof. Dr. Peter Strohschneider, an Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben.