Institut für

Fischereiökologie

Munition im Meer

Seeminen am Meeresgrund im Versenkungsgebiet Kolberger Heide in der Kieler Bucht (Farbbild (a): Darstellung des Tiefenprofils, Schwarzweißbild (b): Aufnahme mit dem Seitensichtsonar) -
Naval mines at dumping site ‘Kolberger Heide’, Kiel Bight, Germany. Colour picture (a): Depth profile map, black and white picture (b): Side-scan sonar. (© (a) BMBF-Projekt UDEMM, (b) Wehrtechnische Dienststelle 71er for Ships and Naval Weapons, Maritime Technology and Research (WTD 71))

Millionen Tonnen von Munition liegen seit Jahrzehnten am Grund von Nord- und Ostsee; alleine in deutschen Gewässern sind es geschätzte 1,6 Mio. Tonnen. Bei dem größten Teil handelt es sich um konventionelle Munition, also Spreng- oder Brandmunition, die meist mit TNT oder weißem Phosphor befüllt ist. Ein kleinerer Teil ist chemische Kampfstoffmunition, die humantoxische Substanzen wie Senfgas, Tabun, Phosgen oder arsenhaltigen Kampfstoffe, z. B. Clark I und II oder Adamsit, enthält. Der überwiegende Teil der Munition stammt aus militärischen Operationen während des Zweiten Weltkriegs und aus Munitionsversenkungen am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg, letzteres auf Veranlassung der alliierten Siegermächte zur „Entsorgung“ von Lagerbeständen der deutschen Wehrmacht.

Die chemische Kampfstoffmunition wurde überwiegend in tiefen Bereichen der Ostsee (Bornholm- und Gotlandbecken) (ca. 42.000 bis 65.000 t) und des Skagerraks (ca. 200.000 t) versenkt, ein kleinerer Teil aber auch in flacheren Bereichen wie dem Kleinen Belt (ca. 6.000 t). Konventionelle Munition ist dagegen großräumig in der Ostsee verteilt und lässt sich daher auch in unmittelbaren Küstengewässern finden.

Obgleich seit Jahrzehnten bekannt, rückte das Thema Munition im Meer erst seit relativ kurzer Zeit in den Fokus von Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft, in erster Linie ausgelöst durch eine verstärkte Nutzung der Meere zur Energiegewinnung (Förderung von Erdöl und -gas, Windkraft) und die Verlegung von Kabeln und Pipelines auf dem Meeresgrund. Bei nahezu jeder dieser Aktivitäten kam und kommt es zu Funden von teils noch funktionsfähiger Munition. Daraus erwächst Entscheidungs- und Handlungsbedarf hinsichtlich Maßnahmen zur Bergung oder Delaboration (Entschärfung bzw. Rückbau). In diesem Zusammenhang ergeben sich zwangsläufig Fragen: Wie groß ist das Ausmaß dieses Altlasten-Problems? Welche möglichen Langzeitfolgen hat die zunehmende Korrosion der Munition inklusive der damit einhergehenden Freisetzung toxischer Substanzen? Wie gefährdet sind nicht nur die Menschen, sondern auch die belasteten Meeres-Ökosysteme? Außerdem werden zunehmend Managementoptionen hinsichtlich des Umgangs mit der versenkten Munition diskutiert; teilweise mit sehr polarisierenden Argumenten.

Im Thünen-Institut für Fischereiökologie untersuchen wir seit 2011 die Auswirkungen von versenkter Munition auf den Gesundheitszustand von Ostseefischen. In den internationalen Projekten CHEMSEA (EU-Interreg-Projekt) und MODUM (NATO-Projekt) verglichen wir den Gesundheitszustand des Ostseedorsches in Versenkungsgebieten von chemischen Kampfstoffen mit dem aus Vergleichsgebieten und erarbeiteten Konzepte für die Überwachung der Umweltrisiken. Im neu begonnenen Projekt DAIMON (ebenfalls ein EU-Interreg-Projekt) geht es vorrangig um die Weiterentwicklung von Methoden zur ökologischen Risikobewertung von chemischer und konventioneller Munition im Meer. Darauf aufbauend sollen Entscheidungshilfen entwickelt werden, wie mit versenkter Munition umzugehen ist.