„Fragen beantworten, an die noch keiner gedacht hat“

Im Gespräch

Interview mit Petra Hennig zur Bundeswaldinventur

Für die dritte Bundeswaldinventur (BWI) haben Inventurtrupps bundesweit an rund 60.000 Probepunkten etwa 400.000 Bäume vermessen. Die erhobenen Daten werden vor Ort in mobile Datenerfassungsgeräte eingegeben und online an das Thünen-Institut für Waldökologie und Waldinventuren in Eberswalde übermittelt. Eine ungeheure Datenflut, die dort gemanagt und aufbereitet werden muss. Wissenschaft erleben sprach mit Petra Hennig, die in Eberswalde als wissenschaftliche Mitarbeiterin für das Datenmanagement der Bundeswaldinventur verantwortlich ist.


Petra Hennig, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Thünen-Institut für Waldökosysteme in Eberswalde.
Petra Hennig, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Thünen-Institut für Waldökosysteme in Eberswalde. (© Katja Seifert)

Die Inventurtrupps sind nur der sichtbare Teil der dritten Bundeswaldinventur. Was steckt sonst noch dahinter und welche Vorbereitungen waren für so ein großes Projekt notwendig?

Bevor im April 2011 die eigentliche Datenaufnahme beginnen konnte, gab es eine dreijährige intensive Vorbereitungsphase, in der das Aufnahmeverfahren festgelegt wurde und viele Einzelheiten abgestimmt werden mussten. Daneben galt es, Personal und Finanzen bereitzustellen sowie Messgeräte und Feldcomputer zu beschaffen und das Datenmanagement zu organisieren. Parallel zur laufenden Datenerhebung der BWI entwickeln wir die Auswertungssoftware und die Datenbanken neu. Nach Abschluss der Datenerhebungen beginnen dann die umfangreichen Auswertungen.

Wie ist die Bundeswaldinventur organisiert?

Die Bundeswaldinventur ist ein Gemeinschaftsprojekt von Bund und Ländern. Im Bundeswaldgesetz heißt es dazu, die Länder erheben die Grunddaten und der Bund stellt sie zusammen und wertet sie aus. Im Auftrag des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft organisieren wir in Eberswalde das Datenmanagement von der Erfassung über die Auswertung bis hin zur Präsentation der Ergebnisse. Die Länder stellen die Aufnahmetrupps und kontrollieren die Aufnahmen. Bund und Länder übernehmen gemeinsam die Qualitätssicherung. Die Ergebnisse der Bundeswaldinventur, die künftig alle zehn Jahre durchgeführt werden soll, liefern viele Informationen für die Forstpolitik, aber auch für andere Nutzer.

Welche Aufgaben umfasst das Datenmanagement?

Die Datenstrukturen müssen modelliert, die Daten erfasst, gespeichert, geprüft und korrigiert werden. Zusätzliche Merkmale, wie Baumvolumina, werden aus erhobenen Merkmalen abgeleitet. Dann werden die Daten nach einem aufwendigen Algorithmus ausgewertet – wir sagen hochgerechnet oder aggregiert. Letztendlich müssen die Ergebnisse sowohl für die Öffentlichkeit als auch für Spezialisten bereitgestellt werden. Nicht zu vergessen ist die Rechteverwaltung und Systempflege.

Was verursacht die meiste Arbeit beim Datenmanagement?

Von ausschlaggebender Bedeutung ist eine hohe Datenqualität – sie ist Grundvoraussetzung für die ganze Inventur. Um dies zu gewährleisten, werden die erfassten Grunddaten auf 880 mögliche Fehler geprüft. Dasselbe gilt dann später für abgeleitete und aggregierte Daten. Außerdem ist der Test der Software sehr aufwendig.

Sie sprechen von Grunddaten bei der dritten Bundeswaldinventur. Um wie viele Parameter handelt es sich?

Mehr als 250 Parameter werden bundesweit einheitlich erfasst. Dazu zählen unter anderem Informationen über die Eigentumsart, die Geländeneigung der Probefläche, die Artzugehörigkeit von Probebäumen, deren Durchmesser und Höhe sowie Zersetzungsgrad des Totholzes. Zusätzlich können etwa 40 landesspezifische Merkmale gespeichert werden.

Landesspezifische Informationen? Werden die Daten denn nicht nach einem bundesweit einheitlichen Verfahren erfasst?

Ja, aber wir bieten den Ländern die Möglichkeit, regionalspezifische Besonderheiten zu erfassen. Die Inventur macht Arbeit und verursacht Kosten. Damit auch die Länder größtmöglichen Nutzen aus der Waldinventur erzielen können, kommen wir ihnen mit dieser Option gern entgegen.

Wie hoch ist der zeitliche Aufwand?

Für die Neuentwicklung und den Test der Software einer solchen Inventur werden insgesamt vier Jahre benötigt, zwei Jahre für die Datenerhebungsphase und zwei Jahre für die Auswertungssoftware. Danach erfolgen die eigentlichen Primärauswertungen. Rechenaufwand und Qualitätssicherung dauern mindestens ein Jahr.

Welchen Umfang haben die Datenbanken?

Die erweiterten Grunddaten der zurückliegenden Inventuren belegen rund 1 GB. Die aggregierten Ergebnisdaten belegen weitere 160 GB.

Wieso nehmen die aggregierten Daten mehr Platz ein als die unaggregierten Daten? Können Sie das erläutern?

Ja, gern. Die Informationswünsche der Nutzer sind sehr unterschiedlich. Politiker, Forstfachleute, Vertreter der Sägeindustrie, Naturschützer und weitere nationale und internationale Interessenten – alle haben unterschiedliche Blickwinkel. Der Erste möchte die Waldflächen für alle Eigentumsarten mit und ohne Nutzungseinschränkung in Deutschland wissen. Den Zweiten interessiert der durchschnittliche Holzvorrat je Hektar für verschiedene Baumarten in bestimmten Bundesländern und so weiter. Es gibt unendlich viele Kombinationen oder Bedingungen für Ergebnistabellen. Wir haben Tausende dieser Kombinationen für die Vorgängerinventuren berechnet und in Ergebnisdatenbanken mit jeweils mehreren Millionen Zahlen gespeichert. Daraus ergibt sich der enorme Platzbedarf für die Ergebnisdaten.

Das alles klingt sehr trocken. Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit Freude?

Ich freue mich, wenn die Daten endlich formal korrekt vorliegen und die Programme tun, was sie sollen, denn dann gelingt es, mit wenigen Handgriffen viele plausible Ergebnisse zu erzeugen. Noch schöner ist es, wenn ich auch Fragestellungen beantworten kann, an die vorher noch keiner gedacht hat.

Quelle: Wissenschaft erleben 2/2011 (PDF Download).