„Alle müssen an einem Strang ziehen“

Im Gespräch

20 % Ökolandbau: Dieses Ziel hat die Bundesregierung bereits 2002 in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie formuliert. Weil die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Deutschland seither allerdings nicht über 7 % hinausgekommen ist, hat das BMEL nun eine Strategie mit Wachstumsimpulsen für den ökologischen Landbau vorgelegt. Agrarökonom Jürn Sanders vom Thünen-Institut für Betriebswirtschaft hat den Strategieprozess koordiniert.


Mithilfe der Zukunftsstrategie können also 20 % Ökolandbau in Deutschland Wirklichkeit werden?

Das ist sicherlich ein sehr plakatives Ziel. Wir leben ja nicht in einer Planwirtschaft. Die Politik möchte neue Wachstumsimpulse setzen. Letztendlich sind es aber die Verbraucher und Landwirte selbst, die entscheiden, ob sie ein ökologisch erzeugtes Produk tkaufen oder ihren Betrieb auf eine ökologische Bewirtschaftung umstellen.

Kann Politik diese Entscheidungen beeinflussen?

Ja, die Politik setzt schließlich die Rahmenbedingungen. Allerdings liegt die Handlungskompetenz hier nicht allein beim Bund, sondern auch bei den Bundesländern und der EU. Um eine nachhaltige Verbesserung für den Ökolandbau zu erreichen, müssen alle an einem Strang ziehen.

Steht die Zukunftsstrategie des BMEL in Konkurrenz zu den Öko-Aktionsplänen der Länder?

Da Bund und Länder eigenständige Kompetenzbereiche haben, gibt es keine direkte Konkurrenz zu den Öko-Aktionsplänen der Länder. Vielmehr können sich die regionalen Öko-Aktionspläne und die Zukunftsstrategie des BMEL ergänzen. Einige Bundesländer haben sich auch sehr engagiert an dem Prozess zur Zukunftsstrategie beteiligt.

Wie lief der Strategieprozess ab?

Der Strategieprozess war eine große Teamarbeit. Rund 200 Leute haben an der Zukunftsstrategie mitgedacht und mitgearbeitet – Verbandsvertreter und Berater sowohl aus der ökologischen als auch aus der konventionellen Landwirtschaft, Experten aus Bundes- und Landesverwaltungen und auch einige Wissenschaftler. Ich denke, das merkt man der Strategie auch an. Initiiert wurde dieser Prozess von Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt.

Welche Rolle spielte das Thünen-Institut?

Wir haben das Prozessmanagement übernommen– eine Aufgabe, die nicht zum Tagesgeschäft einer Ressortforschungseinrichtung gehört. Uns war esdabei wichtig, von Anfang an jene mit einzubeziehen, die die Strategie am Ende umsetzen müssen.

Die Bio-Verbände haben die Initiative des Ministers begrüßt. Kritisiert wurde allerdings, dass die Zukunftsstrategie offen lässt, bis wann 20 % Ökolandbau erreicht sein sollen.

Es wäre niemandem wirklich geholfen, wenn die Wettbewerbsbedingungen des ökologischen Landbaus durch das Ordnungsrecht oder eine immens hohe Finanzspritze schlagartig so verbessert werden, dass innerhalb von wenigen Jahren
20 % Ökolandbau erreicht werden würden. Ich denke, ein solches Wachstum wäre nicht nachhaltig. Immerhin geht es ja nicht nur darum, dass zusätzliche Betriebe auf eine ökologische Wirtschaftsweise umstellen. Es braucht beispielsweise auch gute Berater, und die fallen nicht vom Himmel. Auch sie müssen ausgebildet werden. Dafür braucht man wiederum gute Ausbilder an den Fachschulen und an den Universitäten. Hier soll die Zukunftsstrategie bessere Grundlagen schaffen. Ich gehe davon aus, dass es realistischer und nachhaltiger ist, eine mittelfristige Perspektive anzusetzen, um das Ziel zu erreichen.

Wie sollte sich das Wachstum idealerweise gestalten?

Wir haben das in 24 Maßnahmen, aufgegliedert in fünf Handlungsfelder, relativ konkret beschrieben.Wir haben auch dargelegt, wann diese Maßnahmenumgesetzt werden sollen. Zum Beispiel sollen noch in diesem Jahr, spätestens aber 2018 die Fördermittel für die Umstellungsberatung aufgestockt werden. Im Jahr 2019 soll eine erste Zwischenbilanz gezogen werden. 2022 soll ein Fortschrittsbericht erarbeitet werden, der darlegt, wie die Zukunftsstrategie für die kommenden sieben, acht Jahre fort-
geschrieben werden soll. Bis zum Jahr 2030 ist also ziemlich klar, was passieren wird.

Welche nächsten Schritte müssen jetzt erfolgen?

Für eine erfolgreiche Umsetzung der Zukunftsstrategie braucht es entsprechende Ressourcen. Mit 30 Millionen Euro für das Haushaltsjahr 2018 plus 6 Millionen für die Eiweißpflanzenstrategie, die eine Erweiterung der Fruchtfolgen um Leguminosen zum Ziel hat, hat das BMEL einen ersten Grundstock gelegt. Es ist aber auch wichtig, darüber hinaus ausreichende Ressourcen für das Prozessmanagement zur Verfügung zu stellen. Die Strategie wird nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn – wie bisher auch – alle Beteiligten konstruktiv mitarbeiten.

Wodurch kann das Ziel „20 % Ökolandbau“ gefährdet werden?

Für die Entwicklung des Ökolandbaus insgesamt ist sicherlich die Revision der EU-Öko-Verordnung eine Herausforderung: Der Vorschlag der EU-Kommission, der unter anderem die Abschaffung bestehender Ausnahmegenehmigungen in den nächsten Jahren vorsieht, wurde von vielen Seiten kritisiert und für praxisfremd befunden. Würde er so wie bisher geplant umgesetzt, könnte das der Entwicklung des Ökolandbaus schaden. Da die EU-Öko-Verordnung eine so große Bedeutung für die Zukunft des Sektors hat, ist ihre problembezogene Weiterentwicklung ein Bestandteil der Zukunftsstrategie.