Die Kälber wieder bei den Müttern lassen

Hintergrund

Kühe und Kälber gemeinsam im Stall und auf der Weide sind in der modernen Milchviehhaltung ein seltener Anblick. Meistens werden die Kälber kurz nach der Geburt von ihren Müttern getrennt und separat aufgezogen. Die muttergebundene Kälberaufzucht geht einen anderen Weg.


In den meisten modernen Milchviehbetrieben ist es heute üblich, das Kalb kurze Zeit nach der Geburt von der Mutter zu trennen. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen möchte man das Kalb vor Krankheitserregern schützen, die von der Mutter übertragen werden könnten, zum anderen vertieft sich die Mutter-Kind-Beziehung je länger Kuh und Kalb zusammenbleiben. Eine Trennung nach einigen Tagen bedeutet dann Stress für alle Beteiligten (Kalb, Kuh und auch Landwirtinnen und Landwirte). Die frühzeitige Trennung verhindert allerdings auch, dass mütterliche Verhaltensweisen von der Kuh ausgeübt und das Kalb positive Zuwendungen wie das Ablecken erfahren kann.


Um den Tieren wieder mehr artgerechtes Verhalten zu ermöglichen, haben sich einige Milchviehbetriebe dazu entschlossen, die muttergebundene Kälberaufzucht zu praktizieren. Im Gegensatz zur klassischen Aufzucht, in der die Kälber von Menschen mit Milch versorgt werden, können die Kälber in der muttergebundenen Kälberaufzucht bis zum Absetzen, wenn sie schon größere Mengen Festfutter zu sich nehmen, direkt am Euter der Kuh trinken. Hierbei nehmen die Kälber große Mengen an Milch auf und bestimmen den Zeitpunkt, wann und wie oft sie trinken, zum Teil selbst. Die „Mütter“ werden weiterhin gemolken. Auch wie man mit anderen erwachsenen Tieren umgeht, um zum Beispiel Auseinandersetzungen zu vermeiden, lernen die Kälber in der muttergebundenen Haltung.  

Forscher des Thünen-Instituts beschäftigen sich seit 2004 mit der Frage, wie der Kontakt von Kuh und Kalb unter modernen Haltungsbedingungen ermöglicht werden kann und ob dies Vorteile für die Tiere und die Landwirtschaftsbetriebe mit sich bringt. Es wurde untersucht, wie sich diese Form der Aufzucht auf die Gesundheit der Kälber, die Leistungsfähigkeit der Kühe, aber auch das Verhalten der Tiere auswirkt. Die Versuche wurden immer in Kooperation mit der ETH Zürich, der VetmedUni Wien, der Universität Kassel oder der CAU Kiel durchgeführt.

Inzwischen findet das Verfahren vorrangig auf Bio-Betrieben Anklang. Aber auch für konventionell wirtschaftende Betriebe könnte die muttergebundene Aufzucht eine Alternative sein. Auch wenn schon einiges untersucht wurde – eine Reihe von Fragen ist noch offen. Wir werden uns diesen Fragen widmen und hier fortlaufend über Forschungsergebnisse berichten. 

Muttergebunden versus Mutterkuh – wo liegt der Unterschied?

Während man in der Milchviehhaltung von muttergebundener Kälberaufzucht spricht, bezieht sich der Begriff Mutterkuhhaltung auf eine Form der Rinderhaltung in der Fleischerzeugung. Dabei werden fleischbetonte Rinderrassen oder Rassenkreuzungen  extensiv ─ also auf der Weide ─ gehalten. Die Kühe behalten ihre Kälber bis zum Absetzen im 7./8. Lebensmonat, wenn die Kälber überwiegend Festfutter und nicht mehr mit Milch gefüttert werden. Erst dann werden die Jungtiere von ihren Müttern getrennt und entweder weiter gemästet oder als Mütter eingesetzt. Gemolken werden die Kühe in diesem System aber nie.

Publikationen

Anzahl der Datensätze: 25

  1. Kälber T, Barth K (2014) Practical implications of suckling systems for dairy calves in organic production systems - a review. Landbauforsch Appl Agric Forestry Res 64(1):45-58, DOI:10.3220/LBF_2014_45-58
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  2. Barth K, Roth BA, Hillmann E (2009) Muttergebundene Kälberaufzucht - eine Alternative im Ökologischen Landbau? Landbauforsch SH 326:11-20
    PDF Dokument (nicht barrierefrei) 212 KB
  3. Johnsen J F, Zipp KA, Kälber T, De Passillè AM, Knierim U, Barth K, Mejdell CM (2016) Is rearing calves with the dam a feasible option for dairy farms? - Current and future research. Appl Anim Behav Sci 181:1-11, DOI:10.1016/j.applanim.2015.11.011
    PDF Dokument (nicht barrierefrei) 1342 KB
  4. Wagner K, Seitner D, Barth K, Palme R, Futschik A, Waiblinger S (2015) Effects of mother versus artificial rearing during the first 12 weeks of life on challenge responses of dairy cows. Appl Anim Behav Sci 164(1):1-11, DOI:10.1016/j.applanim.2014.12.010
  5. Barth K, Kälber T, Brückmann C, Häußermann A, Waiblinger S (2015) Muttergebundene Kälberaufzucht - mehr lieferbare Milch durch temporären Kalbkontakt? In: Häring AM, Hörning B, Hoffmann-Bahnsen R, Luley H (eds) Beiträge zur 13. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau "Am Mut hängt der Erfolg: Rückblicke und Ausblicke auf die ökologische Landbewirtschaftung". pp 496-497
  6. Barth K, Brückmann C, Häußermann A, Kälber T, Waiblinger S (2015) Wirkung eines Anti-Saug-Bügels (nose flap) auf das Futteraufnahmeverhalten von muttergebunden aufgezogenen Kälbern während des Absetzens. In: Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (ed) Aktuelle Arbeiten zur artgemäßen Tierhaltung 2015 : Vorträge anlässlich der 47. Internationalen Arbeitstagung Angewandte Ethologie bei Nutztieren der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft e.V. (DVG) Fachgruppe Ethologie und Tierhaltung. Darmstadt: KTBL
  7. Zipp KA, Barth K, Knierim U (2014) Agitation behaviour and heart rate of dairy cows with and without calf-contact during different stimuli in the parlour. Thünen Rep 20, Vol. 2:463-466
    PDF Dokument (nicht barrierefrei) 87 KB
  8. Kälber T, Hechmann T, Häußermann A, Waiblinger S, Barth K (2014) Auswirkungen der Aufzuchtmethode auf die Stressreaktion bei der Eingliederung tragender Färsen in die Milchviehherde. KTBL Schr 505:76-83
  9. Barth K (2014) Zurück zur Natur?! - viele Fragen und einige Antworten zur muttergebundenen Kälberaufzucht. In: Geßl R (ed) 21. Freiland-Tagung/26. IGN-Tagung : Kurzfassungen der Vorträge an der Universität für Bodenkultur Wien, 25.9.2014. Wien: Freiland-Verband, pp 60-64
  10. Zipp KA, Barth K, Knierim U (2013) Herzfrequenz und Unruheverhalten von Milchkühen mit und ohne Kalbkontakt bei verschiedenen Stimulationen im Melkstand. KTBL Schr 503:198-207
  11. Zipp KA, Barth K, Knierim U (2013) Milchleistung, Milchfluss und Milchinhaltsstoffe von Kühen mit und ohne Kalbkontakt in Abhängigkeit von verschiedenen Stimulationsverfahren beim Melken. In: Neuhoff D, Stumm C, Ziegler S, Rahmann G, Hamm U, Köpke U (eds) Beiträge zur 12. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau : Ideal und Wirklichkeit: Perspektiven ökologischer Landbewirtschaftung . Berlin: Köster, pp 462-465
  12. Wagner K, Barth K, Hillmann E, Palme R, Futschik A, Waiblinger S (2013) Mother rearing of dairy calves: Reactions to isolation and to confrontation with an unfamiliar conspecific in a new environment. Appl Anim Behav Sci 147(1-2):43-54, DOI:10.1016/j.applanim.2013.04.010
  13. Waiblinger S, Wagner K, Hillmann E, Barth K (2013) Spielverhalten und Sozialverhalten von Kälbern bei muttergebundener und mutterloser Aufzucht. KTBL Schr 503:153-159
  14. Hillmann E, Roth BA, Johns J, Waiblinger S, Barth K (2012) Dam-associated rearing as animal friendly alternative to artificial rearing in dairy cattle. Landbauforsch SH 362:181-183
    PDF Dokument (nicht barrierefrei) 164 KB
  15. Wagner K, Barth K, Palme R, Futschik A, Waiblinger S (2012) Integration into the dairy cow herd: long-term effects of mother contact during the first twelve weeks of life. Appl Anim Behav Sci 141(3-4):117-129, DOI:10.1016/j.applanim.2012.08.011
  16. Zumbrunnen M, Barth K, Hillmann E (2012) Muttergebundene Kälberaufzucht in der Schweiz. KTBL Schr 496:222-224
  17. Johns J, Wagner K, Waiblinger S, Barth K, Hillmann E (2011) Hat das Saugen bei der Mutter im Vergleich zum Saugen am Tränkeautomaten für Kälber eine Entspannungswirkung? KTBL Schr 489:88-97
  18. Wagner K, Barth K, Waiblinger S (2011) Muttergebundene Aufzucht in der Milchviehhaltung - langfristige Auswirkungen auf Verhalten und Wohlbefinden. In: Leithold G, Becker K, Brock C (eds) Beiträge zur 11. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau : Es geht ums Ganze: Forschen im Dialog von Wissenschaft und Praxis : Bd. 2, Tierproduktion und Sozioökonomie. Berlin: Köster, pp 138-139
  19. Barth K, Wilke K, Haeussermann A, Hillmann E, Waiblinger S (2011) Optimierung der Milchgewinnung in der muttergebundenen Kälberaufzucht - kann der Kalbgeruch helfen? ART SchrR 15:63-66 (ref)
  20. Wagner K, Barth K, Johns J, Hillmann E, Waiblinger S (2010) Muttergebundene Aufzucht bei Milchviehkälbern: Verhalten bei Konfrontation mit einem fremden Artgenossen in neuer Umgebung. KTBL Schr 482:40-49
  21. Barth K, Schneider R, Roth BA, Hillmann E (2009) Auswirkungen der muttergebundenen Kälberaufzucht auf das Melkverhalten der Kühe. In: Beiträge zur 10. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau : Werte - Wege - Wirkungen: Biolandbau im Spannungsfeld zwischen Ernährungssicherung, Markt und Klimawandel ; Bd. 2: Tierhaltung, Agrarpolitik und Betriebswirtschaft, Märkte und Lebensmittel. Berlin: Köster, pp 24-27
  22. Roth BA, Barth K, Gygax L, Hillmann E (2009) Influence of artificial vs. mother-bonded rearing on sucking behaviour, health and weight gain in calves. Appl Anim Behav Sci 119(3-4):143-150, DOI:10.1016/j.applanim.2009.03.004
  23. Roth BA, Barth K, Hillmann E (2008) Vergleich der muttergebundenen und der künstlichen Aufzucht bezüglich gegenseitigen Besaugens, Gesundheit und Gewichtsentwicklung bei Kälbern. KTBL Schr 471:108-115
  24. Schneider RA, Roth BA, Barth K, Hillmann E (2007) Einfluss der muttergebundenen Aufzucht auf Milchleistung, Verhalten im Melkstand und maternales Verhalten behornter Kühe. KTBL Schr 461:48-56
  25. Barth K, Rademacher C, Georg H (2006) Melken und Kälbersäugen - geht das? Landbauforsch Völkenrode SH 299:77-82
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