in die Nordsee und den Nordost-Atlantik

Expedition

Walther Herwig III, Seetagebuch der 355. Reise

Ein letzter Blick von der Brücke über das Arbeitsdeck – wir lassen Spitzbergen hinter uns.
Ein letzter Blick von der Brücke über das Arbeitsdeck – wir lassen Spitzbergen hinter uns. (© Sven Blechner, MRI)

Dauer der Reise: 14. Juni bis 11. Juli 2012

Fahrtgebiet: Nordsee, Nordost-Atlantik 

Zweck der Reise: Biologische, chemische und Radioaktivitäts-Untersuchungen an Meerestieren aus der der nördlichen Nordsee, der Barentssee und den Gewässern vor Spitzbergen.

Im Rahmen eines Langzeitprogramms werden Veränderungen der Belastung von Konsumfischen mit Dioxinen, dioxinähnlichen PCB und anorganischen Schadstoffen untersucht und die aktuelle Umweltradioaktivität überwacht.

In einem integrativen Ansatz führen das das Thünen-Institut und das Max Rubner-Institut ein Monitoring der demersalen Fischbestände durch und erheben die Schadstoffsituation an der Westküste Spitzbergens. Daneben werden im Rahmen der Arbeiten des Nationalen Referenzlabors für Nematoden und für das EU-Projekt „Parasite“ an ausgewählten Fischarten parasitologische Untersuchungen durchgeführt und Probenmaterial für die Bestandsdifferenzierung verschiedener Nutzfischarten gesammelt.

Fahrtleiter: Horst Karl, Max Rubner-Institut

Wie verändert sich langfristig die Belastung von Konsumfischen mit Dioxinen, dioxinähnlichen PCB und anorganischen Schadstoffen? Wie hoch ist die aktuelle Umweltradioaktivität? Diese Fragen bilden die Grundlage für Langzeituntersuchungen, die auf der 355. Reise fortgeführt werden. Dazu nehmen wir Proben von Meerestieren (Fische, Krebs- und Weichtiere) aus der nördlichen Nordsee, der Barentssee und  den Gewässern westlich von Spitzbergen und bereiten sie für spätere Analysen vor. Gleichzeitig erfolgt ein Monitoring der demersalen (= in Bodennähe lebenden) Fischbestände.

21. Juni 2012, an Bord der Walther Herwig III

Bei ruhigem Wetter überqueren wir den Polarkreis vor der Küste Nordnorwegens und entern damit arktische Gewässer, nachdem wir am 15. Juni von Bremerhaven ausgelaufen sind. Wir nähern uns nun unseren nördlichen Bestimmungszielen: Nordkapbank, Bäreninsel und schließlich Spitzbergen. Von nun an bleibt es 24 Stunden hell und lässt uns reichlich Muße zum Aufarbeiten der Proben.

Den bisherigen Fahrtabschnitt nutzten wir, um Referenzproben für die Radioökologie und die Rückstandsanalytik zu sammeln. Auf dem Programm standen außerdem Untersuchungen zur Fischqualität und Parasitologie. Begleitet und dokumentiert wurde die Arbeit von Manfred Ladwig, einem Fernsehjournalisten von arte.tv, der an einem Beitrag über die Umweltradioaktivität der Ozeane arbeitet. Auf unserer Reise ließ er sich durch Fahrtleiter Horst Karl vom Max Rubner-Institut (MRI) und Wolfgang Lindemann vom Thünen-Institut in die Grundlagen der radioökologischen Arbeit am Thünen-Institut für Fischereiökologie einführen.

Die ersten Proben in der Deutschen Bucht und am sogenannten "Tampen" lieferten einen typischen Querschnitt durch die jeweilige Meeresfauna. In der Deutschen Bucht dominiert der Graue Knurrhahn die Fänge. Er ist damit ein möglicher zukünftiger Kandidat für den deutschen Speisefischmarkt. Während am Thünen-Institut  die wissenschaftlichen Grundlagen für das Bestandsmanagement erarbeitet werden, laufen parallel am MRI die Untersuchungen zur Fleischqualität und Verwertbarkeit der Filets.

Im flachen Abschnitt der nördlichen Nordsee (Tampen 150 m) dominierte Seelachs. Auffällig war die starke Zunahme von Seehecht gegenüber einer geringen Bestandsdichte von Kabeljau.  

In größeren Tiefen (Tampen 500 m) dominieren Rotbarsch, Schwarzer Heilbutt und Blauer Wittling. Die Biodiversität der Knorpelfische am Tampen war mit drei Haiarten (Dorn-, Katzen- und Kleiner Schwarzer Dornhai), vier Rochenarten (Kuckucks-, Fyllas-, Stern- und Glattrochen) und einer Chimärenart hoch.

Nun halten wir Kurs auf Tromsö, um einen Austausch des wissenschaftlichen Personals vorzunehmen. Verabschieden werden wir uns von den Kollegen des norwegischen NIFES, Arne Levsen und Vidar Fauskanger, die zusammen mit dem MRI an Standardprogrammen zur Lebensmittelsicherheit bei Rotbarsch, Schellfisch und Kabeljau gearbeitet haben. Neu an Bord kommen wird Kollegin Monika Lahrssen-Wiederholt vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die somit das Personal für den zweiten Fahrtabschnitt komplett machen wird. Auf nach Norden!

3. Juli 2012, an Bord der Walther Herwig III

Die Walther Herwig nimmt nach der letzten Station südlichen Kurs auf – wir verlassen die arktischen Gewässer nach erfolgreicher Survey-Arbeit, die in den letzten Tagen vor der beeindruckenden Naturkulisse Nordwest-Spitzbergens durchgeführt wurde. Nicht selten waren in unmittelbarer Nähe Gruppen von Finnwalen zu sehen, die sich prustend durch die Planktonwolken der arktischen Frühjahrsblüte vor Spitzbergen schoben. Schwerpunkt im letzten Abschnitt waren klimabedingte Änderungen in den Wasserkörpern und in der Fischfauna, durchgeführt von Wissenschaftlern des Thünen-Instituts für Seefischerei. Hierzu wurde ein Stationsnetz mit Fischerei- und Planktonhols bis 80°08’N aufgebaut, dem nördlichsten Punkt in der 18-jährigen Fahrtengeschichte der Walther Herwig.

Biologische Untersuchungen wurden mit hydrographischen Messungen entlang von drei Transekten bei 79°N, 79°40’N und 80°N flankierend unterstützt, die uns bei 5° östlicher Länge an den Rand des Packeises führten. Dieser Meeresbereich, an der die letzten Ausläufer des Golfstromes auf Wassermassen des Polarmeeres treffen, liefert ideale Voraussetzungen für parasitologische Studien über Verbreitungswege und biogeographische Grenzen von Fischkrankheiten –  ein Spezialgebiet von Thomas Kuhn vom Biodiversity & Climate Research Center, Frankfurt, der die Möglichkeit der Probenahme für Vergleichsarbeiten bei Grönland nutzte. Schwarzer Heilbutt aus Tiefen um 500 m vor der Spitze Nordwest-Spitzbergens wurde von  Monika Lahrssen-Wiederholt vom Bundesinstitut für Risikobewertung für Vergleichsmessungen an perfluorierten Tensiden in unterschiedlichen Organen genutzt.

Vorherige Stationen waren die Bäreninsel und die Nordkapbank nördlich von Tromsö vor der norwegischen Küste. Dort haben wir Proben für radiochemische, rückstandanalytische und Qualtitätsuntersuchungen an Fisch als Lebensmittel am MRI und am Thünen-Institut für Fischereiökologie gesammelt.

Und nun: Kurs Bremerhaven!

Gruppenfoto siehe Bildunterschrift
80°08’Nord, 010°50’Ost – vom nördlichsten Punkt der Reise grüßen: Hans-Otto Janssen (Kapitän), Jörg Hawer (Leiter Maschine), Achim Mall (Univ. Freiburg), Dietrich Otto (Bordarzt), Iris Bagge (MRI), Karin Schiefenhövel (MRI), Thomas Kuhn (BCRC, BIK-F), Farzaneh Kazemi (Univ. Hamburg), Heino Fock (Thünen-Institut), Horst Karl (Fahrtleiter, MRI), Wolfgang Lindemann (Thünen-Institut), Monika Lahrssen-Wiederholt (BfR), Sven Blechner (MRI). (© Sven Blechner, MRI)