in die Nordsee

Expedition

Walther Herwig, Seetagebuch der 341. Reise

Dauer der Reise: 20. Januar bis 18. Februar 2011

Fahrtgebiet: Nordsee 

Zweck der Reise: International Bottom Trawl Survey (IBTS)

Die Anrainerstaaten der Nordsee schätzen seit 1966 jährlich im jedem ersten Quartal die Stärken der nachrückenden Jahrgänge der wirtschaftlich wichtigsten Nutzfischarten ab. Unter Koordination des ICES erarbeiten sieben Forschungsschiffe weitgehend zeitgleich die Grundlage dieser Bestandsbestimmungen. Die „Walther Herwig III“ nimmt für die Bundesrepublik Deutschland an der Bestandsaufnahme teil.

Flächendeckend werden standardisierte Grundschleppnetzfänge auf adulte und juvenile Fische verteilt. Zusätzliche Informationen zur Menge und zur Verteilung der Larven von Hering und Sprott geben seit 1999 Planktonnetzfänge. Außerdem werden an jeder Fischereistation die Umweltparameter Temperatur, Salzgehalt und Nährstoffe erhoben.

Die aufbereiteten Daten fließen in Modellrechnungen ein, die Einblicke in die jüngsten Bestandsentwicklungen geben. Sie sind eine der Grundlagen, die den EU-Fischereiministern zur Festlegung künftiger Gesamtfangmengen der Nutzfischarten in der Nordsee dienen.

Fahrtleiter: Gerd Wegner, Thünen-Institut für Seefischerei

Blauer Himmel; leichter, aber kalter Nordnordwest weht uns entgegen. Gut bemützt und beschalt verfolgen wir, die zehn Mitarbeiter des Thünen-Instituts für Seefischerei, an Deck der Walther Herwig das pünktliche Ablegemanöver unseres Forschungsschiffes in Bremerhaven. Das Auslaufen läuft wie am Schnürchen: Vom Fischereihafen durch die Schleuse auf die Weser, an den Containerschiffen der Unterweser vorbei. Diesen Giganten der Meere könnte die Herwig, immerhin ein ausgewachsenes Fischereifahrzeug, fast als Beiboot dienen. An Backbordseite sagt uns die untergehende Sonne adieu.

Die ersten Dünungswellen in der Wesermündung erinnern daran, alle Ausrüstung fest zu verzurren und die Labore klarzumachen. In nur wenigen Stunden soll der erste Planktonfang bearbeitet werden, ab morgen früh werden die Fischfänge folgen, Schlag auf Schlag. Also sputen! Beim Begrüßen der 23 Besatzungsmitglieder wird auch gleich die anstehende Zusammenarbeit mit besprochen.

Trotz aller Routine gibt es bei den ersten Arbeitsgängen immer etwas Lampenfieber, doch schon vor Mitternacht läuft der Stationsbetrieb mit geübten Handgriffen ab, so als wären wir seit der letzten Reise gar nicht zu Hause gewesen. Die Technik verweigert sich dieses Mal nicht unüberwindbar, auch wenn die eine oder andere „Streicheleinheit“ nötig ist. Unser Forschungsprogramm läuft, und im Handumdrehen wird nach Vollmondnacht und teils sonnigem Tag aus Abend und Morgen ein weiterer Tag. Poseidon meint es gut mit uns – höher als zwei Meter werden die Wellen nicht.

Viele Grüße von Bord der Walther Herwig
Gerd Wegner, Fahrtleiter

Gefreut haben wir uns über die größere Zahl kleinerer Heringe in der Deutschen Bucht. Sie kamen zwar zusammen mit Sprotten und Stichlingen an Deck, aber waren vom geübten Auge schnell unterscheidbar. Bei aller Vorsicht gegenüber diesem ersten subjektiven Eindruck wachsen anscheinend wieder mehr Jungheringe in den Bestand hinein. Uns fielen auch einige Sprotten auf, die äußere Parasiten trugen. Diese Ruderfußkrebse verankern ihre Mundwerkzeuge in den Augenhöhlen der Sprotten und bilden lange Fäden von Eischläuchen aus. Die daraus entstehenden Larven befallen die nächsten Sprotten als Wirtstiere.

Freude kam heute auf über einen Fang von Kabeljau und Köhler an der Norwegischen Rinne. Die Zahlen der Tiere beider Arten wie auch die vergleichsweise großen Längenspektren entsprachen unsern Vorstellungen von einem aussagekräftigen Forschungsfang. Der Wermutstropfen dieses Fangs: Auf seinen letzten Metern am Grund hatte das Netz große Steine aufgesammelt. Zwei kamen mit an Deck und wurden mühsam durch Matrosenhand wieder ins Meer zurückgewuchtet. Das Netz war durch diese Brocken heftig eingerissen. Ganz Partien mussten von den Matrosen und Netzmachern neu eingestrickt werden.

Auf dieser Reise begleitet uns ein Fernsehteam, das für die ARD eine Reportage über unsere Arbeit dreht.

„Diese Fahrten sind wie Skatspielen“, sagt Kapitän Jürgen Vandrei und erläutert, was er meint: „Fahrtleiter und Schiffsführung setzen auf ihre Erfahrung mit der See. Unsere Mit- bzw. Gegenspieler sind das Wetter und das Meer, also Aeolus als Gebieter der Winde und Poseidon als Herrscher über die Wellen. Der eine reizt, der andere geht mit, und wir müssen bedienen. Solange wir noch etwas auf der Hand haben – sprich: noch genügend Fangstationen abzuarbeiten sind – können wir parieren. Aber längerer Sturm und hohe See verhindern irgendwann jede weitere Arbeit. So haben wir von Reise zu Reise mal mehr, mal weniger Glück.“

Bisher hatten wir auf dieser 341. Forschungsreise großes Glück. Günstiges Wetter beflügelte den Arbeitsfortschritt. An der Ostseite des Arbeitsgebiets kamen wir in einer Woche fast zu den nördlichsten Stationen voran (Karte, links). Doch am 27. Januar wendete sich das Blatt. Poseidon stach. Die See wurde höher durch ein großes Sturmtief, das Aeolus auf Poseidons Karte drauflegte. Um weiterarbeiten zu können, blieb uns nur das Ausweichen nach Westen und Südwesten in der Hoffnung, der Sturm im Norden wäre bald vorbei. Dem war nicht so, Aeolus spielte seine Asse aus: Kräftige Orkantiefs unter Grönland schickte er auf die Reise nach Nordost, Poseidon assistierte mit reichlich Wellen. Klein beigebend schaukelte sich die Walther Herwig unbeirrt nach Südwesten (Karte, rechts). Nun stehen wir allerdings fast vor der Küste Schottlands.

Eigentlich wollten wir demnächst in den Hafen von Lerwick auf den Shetland-Inseln einlaufen. Aber da halten Aeolus und Poseidon die Hand davor: Hohe Wellen und Sturm hindern uns, überhaupt in die Richtung zu fahren. Doch haben der Kapitän und ich noch einige unbearbeitete Fangquadrate in der Hinterhand und geben dieses Spiel nicht verloren. Statt untätig auf das Abflauen des Windes zu warten, werden wir Stationen im Windschatten der schottischen Küste abarbeiten. Unser Preis dafür: Das noch zu bearbeitende Gebiet ist in zwei Teile zertrennt, die dazwischenliegende Distanz wird uns später Schiffs-, sprich Arbeitszeit kosten. Doch das steht dann im nächsten Bericht.

Begeistert nahmen wir in den vergangenen Tagen jeden jungen Fisch auf, ist doch jedes Jungtier ein Teil der notwendigen Grundsubstanz, aus der sich übernutzte Bestände wieder aufbauen können. Allein: wir haben noch nicht übermäßig viele junge Kabeljau, Schellfische und Wittlinge gefunden in der zentralen Nordsee. Um die Nachwuchssituation beurteilen zu können, müssen wir aber die Daten der Kollegen auf den anderen Schiffen abwarten.

Gestaunt haben wir über die Mengen des Nordischen Krills, der mit dem Einstrom des Atlantischen Wassers in die Norwegische Rinne am Ostrand unseres Arbeitsgebiets auftrat. Fünf Liter Krill in einem einzigen MIK-Hol, das ist unser bisheriger Rekord. Darüber hinaus traten die 2-4 cm langen Krebse, die Walen, Fischen und Vögeln als Futtertiere dienen, auch mitten in der Nordsee in größerer Menge auf. Diese Tiere sind offenbar ebenfalls aus ihren nördlichen Heimatgebieten mit dem umgebenden Wasser transportiert worden. Die Registrierungen von Temperatur und Salzgehalt mit der CTD-Sonde deuten auf entsprechende Wassermassentransporte hin.

Die erfreuliche Artenvielfalt vieler Hols bringt für die Kollegen mit sich, dass sie nur zu den Essenspausen aus dem Ölzeug und den Stiefeln sowie aus dem Fischdeck herauskommen. Jede Hand wird zur Fangaufnahme benötigt, auch die des Ozeanographen und des Fahrtleiters. Wenn die weiteren Berichte unregelmäßig erscheinen werden, hat das nicht zuletzt seinen Grund in reichlicher Arbeit im und am Fisch.

Malerisch, der Blick von der Brücke voraus! Die See ist tiefblau und die kurzen steilen Wellen tragen mächtige weiße Schaumkronen, die der Sturm zerreißt. Diese Gischt bleibt zerrupft auf der wildbewegten Oberfläche liegen. Die Sonne lugt kurz, aber intensiv zwischen den riesigen Schauerwolken hervor, bevor der nächste Regen mit kräftigsten Böen heranzieht (Bild). Bilder, an denen sich die größten Maler versucht haben! Sie kamen der Natur dabei sehr unterschiedlich nahe.  

Wir erlebten diese grandiosen Bilder live am letzten Samstagvormittag. Die Nacht über hatten wir im Windschatten der Orkney-Inseln Schutz vor dem durchziehenden Sturm gefunden. An Arbeit war an diesem Vormittag noch nicht zu denken. Zum Arbeitsplatz, der Aussetzposition, war die HERWIG seit morgens vor dem langsam abflauenden Wind gedampft. Doch die Wellen warfen das Schiff hin und her.

Weil kein Fang an Deck kam, fand auch keine Fangaufarbeitung statt. Doch die Mitarbeiter des Instituts für Seefischerei hatte noch jede Menge Messlisten nach Fischarten zusammenzufassen, mit den Otolithen-Tüten abzugleichen und Protokolle zu ergänzen. Am Vortag waren sie zu diesen notwendigen „Büro“-Arbeiten nicht gekommen. Kurz vor Mittag erlaubte es die sich beruhigende See endlich, den nächsten Hol zu machen.

Große und artenreiche Hols

Mit dem Hieven änderte sich die entspannte Arbeitsatmosphäre schlagartig. An Deck kam ein vergleichsweise großer Fang. Er bestand überwiegend aus mittelgroßem Schellfisch. Weil auch noch Wittling, Kabeljau, Hering, Stintdorsch, Seelachs, verschiedene Plattfische und einige Leng und Makrelen ins Netz gegangen waren, erforderte die zeitaufwendige Bearbeitung schnellstes Zupacken der Sortierer und höchste Konzentration der Protokollierer. Denn Kapitän und Fahrtleiter wollten das Wetter ausnutzen und ließen die HERWIG zum nächsten Hol eilen. Auch die folgenden Hols waren vergleichsweise groß und artenreich, so dass die „Fischwerker“ mit der Aufnahme der biologischen Daten kontinuierlich im Akkord zu tun hatten, bis in den späten Abend hinein. Auch der Fahrtleiter packte mit an, erntete als Verantwortlicher aber die Bemerkung: „Wir sind doch keine Saisonarbeiter! Verteil doch deine Fänge etwas besser.“ Sehr treffend, dieser Satz! Aber eine repräsentative Beprobung, wie die Wissenschaft sie benötigt, lässt hier wenig Spielraum!

Wir müssen die kurzen Perioden, die Aeolus und Poseidon uns zum Arbeiten lassen, mit aller Kraft nutzen. Schon am Vortag hatten Artenreichtum und Größe der Fänge im äußeren Moray Firth uns nicht aus dem Ölzeug und den Stiefeln kommen lassen. Allerdings waren am vorangegangenen Mittwoch und Donnerstag windbedingt nur wenige Stationen möglich gewesen.

Den Hafen von Lerwick auf den Shetlands, ursprünglich als Zwischenstopp vorgesehen, konnten wir aufgrund des schlechten Wetters nicht erreichen. Auch unser Versuch, Aberdeen als Ersatz zu nutzen, schlug fehl. Denn der Hafen – sowieso ständig voll als Hauptbasis der britischen Nordsee-Ölfirmen – war mit zusätzlichen Windliegern bis auf die Reede überfüllt. Ein notwendiger Personenaustausch konnte nur per Boot vorgenommen werden.

Also doch: Saisonarbeiter. In einer stürmischen Saison!

Immer wieder gut gerüttelt und geschüttelt wurden wir in der vergangenen Woche. Dabei ließ es sich noch verhältnismäßig gut an. Zwar ließen uns die bewegte See und der kräftige Wind nur langsam vorankommen, aber wir erreichten unsere nördlichsten Stationen – gefürchtet weil sturmreich – bei ruhigem Wetter ohne Stocken. Zudem wartete der Übergangsbereich zwischen Nordsee und Nordatlantik mit einer Überraschung auf: Ein umfangreicher Fang großer Leng-Fische kam in der Mitte zwischen den Shettland-Inseln und Norwegen an Deck. Das Besondere für uns war die Menge der großen Tiere von bis zu über 1,5 m Länge (Bild). Bisher kannten wir diese Tiere vorwiegend als kleinere Gruppen oder Einzelexemplare von gut 1 m Länge, die am Rand der Norwegischen Rinne leben. Aus welchem Grund diese „Großfamilie“ jetzt die nördliche Nordsee besuchte, hat sie uns leider nicht verraten.

Aufgeschreckt durch die tägliche Wetterberatung, entschlossen sich Kapitän und Fahrtleiter schweren Herzens, die Arbeit im Norden bei noch bestem Wetter abzubrechen und über Nacht in das südliche Arbeitsgebiet zu dampfen. Denn eine massive Südströmung der Luftmassen sollte sich in der zweiten Hälfte des nächsten Tages aufbauen. Die damit heran rauschenden kräftigen Tiefausläufer mit mehr als 6 m hohen Wellen hätten dann die nötige Südverlagerung der HERWIG verhindert. Unser Schiff wäre nur mit äußerst geringer Fahrt gegen die See angekommen, der Zeitverlust wäre enorm geworden. Es mussten also Stationen im Norden unbearbeitet bleiben.

Im südlichen Arbeitsbereich angelangt, konnte gleich am nächsten Tag weitergefischt werden, bevor der Sturm am Abend einsetzte. Er dauerte durchgehend bis zum nächsten Abend. Und dieses Spiel setzte sich die nächsten Tage fort: Einen Tag Hols mit dem großen Netz, nachts – soweit möglich – Planktonfänge, wieder gefolgt von ganztägigem heftigen Geschaukel. Dabei tanzte das durch den Brennstoffverbrauch leichter gewordene Schiff wie ein Ball auf den Wellen, nahm Wasser über (Bild) und schüttelte sich heftig. Keiner schlief mehr gut. Der Rhythmus Arbeit / Schaukeln ging auf die körperliche Substanz und zehrte an den Nerven. Denn es wurde immer klarer, dass auch hier nicht mehr alle Stationen vor dem Einlauftermin zu schaffen waren. Gestern Abend wurde dann bei rauer See der letzte Hol gemacht. Drei Quadrate blieben unbearbeitet, denn weiterer starker Wind wurde für dieses Nordseegebiet angekündigt. Gegen die See an, nahm die HERWIG deshalb Kurs auf den Heimathafen. Wider Erwarten sind jetzt in der äußeren Deutschen Bucht Wind und See sehr ruhig.

Die in den letzten Tagen in erfreulich großer Zahl aussortierten Heringslarven im zentralen Arbeitsgebiet hoben die Stimmung etwas, zeigen sie doch, dass die Nachwuchsproduktion dieser Art am Ende des letzten Jahres gut war. Den Kleinen ist nur zu wünschen, dass sie das richtige Futter zur rechten Zeit finden und das Jungheringsstadium ungefressen überstehen, um in 3 bis 4 Jahren den Bestand durch ihr Laichgeschäft wieder aufzustocken. Nach unserem – ersten – Eindruck sind die entsprechenden Aussichten bei den anderen Arten weniger gut. Endgültig werden wir das aber erst in einigen Wochen wissen, wenn die Daten aller Schiffe dieser Untersuchung ausgewertet worden sind.

Am späteren Abend wurde gestern die von der Mannschaft und den Eingeschifften gemeinsam hart erarbeite und trotz aller Widrigkeiten ansehnliche Stationsmenge (67 von 77 vorgesehenen Bodenhols, 138 von 154 Planktonhols) mit einer kleinen Feier gewürdigt und der Fahrtleiter nach dieser seiner letzten Reise verabschiedet. Aber keine Angst, die Kontinuität ist gewahrt. Im nächsten Jahr berichtet hier der Nachfolger.

Zum letzten Mal viele Grüße von Bord der Walther Herwig
Gerd Wegner, Fahrtleiter