in die Kinderstube des Aals

Expedition

Walther Herwig III, Seetagebuch der 404. Reise

Dauer der Reise: 3. März bis 24. April 2017

Fahrtgebiet: Sargasso-See (West-Atlantik) 

Zweck der Reise: Untersuchungen zur Reproduktionsbiologie und den frühen Lebensstadien des Europäischen Aals in der Sargasso-See. Wir wollen das Laichgebiet besser eingrenzen und die für das Überleben der Larven relevanten abiotischen und biotischen Faktoren verstehen. Darüber hinaus wollen wir mithilfe von Satelliten-Transmittern nähere Einblicke in das Schwimmverhalten und die Wanderwege laichreifer Aale gewinnen. Die Reise ist Teil einer Untersuchungserie in der Sargasso-See, die 2011 begann und 2014 und 2015 fortgeführt wurde.

Fahrtleiter: Reinhold Hanel, Thünen-Institut für Fischereiökologie

Arbeitsprogramm

Die Forschungsfahrt soll, eingebunden in eine Zeitreihe von Untersuchungen, Langzeiteffekte von sich ändernden hydrographischen Bedingungen aufzeigen und mittelfristig Informationen für ein Bestandsmanagement der gefährdeten Fischart Anguilla anguilla liefern. Das konkrete Arbeitsprogramm dieser Reise:

  1. Erfassung der Fischlarven-Gemeinschaft im Laichgebiet des Europäischen Aals mit Fokus auf die beiden Arten der Gattung Anguilla. Fänge in verschiedenen Meerestiefen mit dem Isaac-Kidd Mid-Water Trawl (IKMT) zur Erfassung der Verteilung der Larven und tageszeitlicher Änderungen der Aufenthaltstiefen.
  2. Untersuchungen der Begleitfauna mit hydroakustischen Methoden und durch tiefen­gestaffelte Befischungen mit einem pelagischen Trawl. Erkundung der Zusammensetzung der Fischfauna.
  3. Erfassung physikalischer Parameter an den Stationen durch Einsatz der CTD-Sonde.
  4. Untersuchungen des Verhaltens von adulten weiblichen Aalen im Laichgebiet mit Satelliten-Transmittern.
  5. Probennahmen für Untersuchungen an Fischlarven, Mesozooplankton sowie gelatinösem Plankton.
  6. Analyse von Mikroplastik-Partikeln im Darmtrakt von Fischarten, die assoziiert sind mit Objekten, die an der Wasseroberfläche treiben (vor allem Drücker- und Driftfische).

Zur Lebensgeschichte des Aals

Die Lebensgeschichte eines jeden Aals in Europa nimmt ihren Anfang und – wenn ihm nicht der Mensch in die Quere kommt – auch ihr Ende in den Tiefen und Weiten des südwestlichen Nordatlantiks. Genauer, in der Sargasso-See, einem Seegebiet größer als Mitteleuropa.

Die Route der Aallarven aus dem Laichgebiet konnte durch mehrere Untersuchungen in den letzten hundert Jahren stückweise rekonstruiert werden. Basierend auf der Längenverteilung der Aallarven in verschiedenen Abschnitten des Nordatlantikstroms konnte man deren Ursprung – also deren Schlupf aus dem Ei – so weit rekonstruieren, dass man mit einiger Sicherheit sagen kann, dass das Laichgebiet in der Sargasso-See liegt. Das große Rätsel bleibt aber nach wie vor, wie die erwachsenen Aale aus Europa zur Fortpflanzung in dieses Gebiet kommen.

Ohnehin versetzt dieser Fisch jeden, der sich genauer mit ihm befasst, in Erstaunen. Die Larve des Aals, aufgrund ihres Aussehens Weidenblattlarve genannt, wächst während ihrer vermutlich mehrjährigen Reise mit dem Nordatlantikstrom heran, bevor sie sich kurz vor Erreichen der Küstengewässer zum Glasaal wandelt. Dieser bleibt entweder im Küstenbereich und im Brackwasser oder wandert über Flussmündungen in Flüsse und Seen ein. In den jeweiligen Habitaten verbringen die Aale dann als Gelbaale viele Jahre ihres räuberischen Lebens, bevor sie irgendwann die Nahrungsaufnahme einstellen und sich zum Blank- oder Silberaal umwandeln. Während dieses Stadiums nimmt die letzte Reise der Aale, ihr Weg zu ihren Laichgründen, ihren Anfang. Erst während des Wegs in die Sargasso-See reifen die Blankaale zur Geschlechtsreife heran – und hier endet auch weitgehend der heutige Kenntnisstand!

Die erste Station, ganz im Süden des Untersuchungsgebiets, ist erreicht. Wir beginnen mit der Probennahme. Unser wichtigstes Gerät: ein Isaac Kidds Midwater Trawl (IKMT). Das engmaschige Netz wird auf dieser Reise in Tiefen bis 300 m hinter dem Schiff geschleppt und dient dem Fang von Plankton-Organismen.

Neben winzigen Krebstieren, Pfeilwürmern, Flügelschnecken, Borstenwürmern, Medusen, Salpen und anderen Gruppen sind auch die Larven von Tintenfischen und Fischen Teil des Planktons der Sargassosee. Diese Umgebung scheint für die jungen Larvenstadien des Aals, die Weidenblatt-Larven, entscheidende Vorteile zu bieten. Nur deshalb schwimmen erwachsene Aale tausende von Kilometern, um ihrem Nachwuchs ein Überleben zu sichern. Einige Aal-Larven sind auch uns bereits ins Netz gegangen. So wie die Larven anderer aalartiger Fische werden sie bestimmt und vermessen und anschließend für weiterführende Untersuchungen konserviert. Die Mannschaft nennt das IKMT liebevoll „Fliegennetz“. Denn auf der Walther Herwig III, einem waschechten Fischereiforschungsschiff, ist man eigentlich schwereres Gerät gewohnt...

Doch auch das soll noch zum Einsatz kommen. Wir werden berichten!

Nachdem uns der Lotse durch die zerklüfteten Seewege der Koralleninseln Bermudas navigiert hat, heißt es Abschied nehmen und die Reise geht los. Während der zweitägigen Anfahrt zur ersten Probenahmestation findet das obligatorische Sicherheitstraining statt, und weitere letzte Vorbereitungen können getroffen werden, bevor die Arbeit im Bereich der subtropischen Konvergenzzone beginnt. Entlang dieser Linie treffen Wassermassen unterschiedlicher Temperatur aufeinander. Hier vermuten Wissenschaftler die Laichgründe sowohl des Europäischen als auch des Amerikanischen Aals.

Nur hier wurden bisher die kleinsten und jüngsten Lebensstadien der beiden Arten gefunden. Trotzdem ist es in mehr als 100 Jahren Forschung noch niemandem gelungen, Eier oder laichende Aale im Bereich der Sargassosee zu fangen. Es gibt also noch viel zu entdecken! Doch das eigentliche Ziel der Expedition ist es, zu einem besseren Verständnis über die Ursachen des dramatischen Bestandsrückgangs des Aals beizutragen.

Alle Mann an Bord! Noch einmal Kraftsoff bunkern, dann verlässt die Walther Herwig III die Dockyards von Bermuda auf die letzte Etappe Richtung Sargassosee. Wer einen empfindlichen Magen hat, ist jetzt gut beraten, seine Reisemedizin zu sich zu nehmen. Denn: der Weg zur ersten Probenahmestation auf 64°W und 23°N soll wieder etwas ruppiger werden. Verläuft alles nach Plan, gehen am Dienstagabend die ersten Geräte zu Wasser.

Nachdem die Walther Herwig III gestern die Azoren passiert und damit etwa die Hälfte der Strecke nach Bermuda hinter sich gebracht hat, wurden heute die ersten Aale mit Satelliten-Transmittern versehen und ins Meer entlassen. Für die nächsten drei Monate werden die angebrachten Sender neben der Schwimmtiefe auch die Umgebungstemperatur der Aale aufzeichnen. Nach Ablauf dieser Zeit lösen sich die Transmitter von den Tieren, treiben zur Wasseroberfläche auf und übermitteln die gespeicherten Daten via Satellit. Anhand der empfangenen Daten können anschließend das Wanderverhalten und die von den Aalen präferierten Umweltbedingungen rekonstruiert und damit Einblicke in das Verhalten der Tiere während der ozeanischen Laichwanderung gewonnen werden.

Die Aale für diese Untersuchung wurden im vergangenen Herbst zu Beginn ihrer Laichwanderung auf ihrem Weg flussabwärts Richtung Meer gefangen. Anschließend wurden die Fische am Thünen-Institut für Fischereiökologie an Salzwasser gewöhnt und hormonell behandelt, um die Gonadenreifung zu beschleunigen, die unter natürlichen Bedingungen erst durch wochenlanges Dauerschwimmen im Meer erfolgen würde. Die hormonelle Simulation dieses Reifungsprozesses erlaubt es, die Aale küstenfern, in der Nähre ihres Laichgebietes zu entlassen – dort, wo vergleichsweise wenige Räuber der Reise ein rasches Ende setzen. Unsere Hoffnung ist nun, dass die Fische ihre unterbrochene Reise fortsetzen und mehr über ihr Verhalten in offener See preisgeben. In drei Monaten wissen wir mehr.

Jetzt wird’s eng. Begleitet von Basstölpeln, Möwen und zahlreichen Schiffen durchfahren wir zügig und bei besten Bedingungen die Straße von Dover und den Ärmelkanal Richtung Westen.  Doch die schnelle Fahrt reicht nicht aus: Wie ein Korken auf der Flasche hat sich ein Sturmtief auf das westliche Ende des Ärmelkanals gesetzt. Daran gibt es kein Vorbeikommen. So bleibt uns nur, den Bug in den Wind zu stellen und den Orkan mit seinen stattlichen Wellen abzuwettern. Das kostet uns wertvolle Zeit, und auf dem Atlantik ziehen bereits wie auf einer Perlenschnur die nächsten Sturmtiefs heran. Um dem Wetter auszuweichen, entscheidet sich Kapitän Janßen für eine südliche Route über die Azoren.  

Den mitreisenden Aalen kann das Wetter nichts anhaben. Die Hälterungsbecken sind mittschiffs auf dem Hauptdeck aufgestellt, sodass die Tiere von der Schaukelei nicht allzu viel mitbekommen. Aktuell planen wir,  eine erste Gruppe von markierten Aalen auszusetzten, sobald wir die Azoren passiert haben. Die Vorbereitungen dafür laufen auf Hochtouren.

Mittlerweile hat sich der erste Sturm verzogen und wir machen gute Fahrt durch die immer noch  raue See. Bald sollten wir die ruhigeren Bedingungen weiter südlich erreicht haben.

Die Reise beginnt: Am Nachmittag des 3. März verlässt die Walther Herwig III, pünktlich zum Hochwasser, ihre Heimat in Bremerhaven und macht sich auf, den Atlantik zu überqueren. Gut zwei Wochen wird das Schiff nun ohne Pause unterwegs sein, bis es am 17. März den Hafen von St. Georges in Bermuda erreicht. Während das Gros der wissenschaftlichen Besatzung erst dort an Bord geht, um das Arbeitsgebiet in der Sargasso-See zu erreichen, befindet sich ein Forscherduo des Thünen-Instituts für Fischereiökologie bereits auf dem Schiff – und es transportiert wertvolle Fracht.  

Die Biologen Lasse Marohn und Klaus Wysujack haben in Bremerhaven lebende Aale an Bord gebracht, welche mit Sendern bestückt und entlang der vermuteten Wanderroute der Aale ausgesetzt werden sollen. Der Clou: Die Tiere wurden bereits seit Wochen hormonell behandelt und beinahe bis zur Laichreife gebracht – damit entsprechen sie bestmöglich dem Vorbild eines natürlich gewanderten Aals. Die Ergebnisse dieser Studie könnten wertvolle Hinweise zu dem bis heute rätselhaften Wander- und Laichverhalten der Aale liefern. Bereits 2011 erzielten Klaus Wysujack und seine Mitautoren mit einem ähnlichen Projekt erste Erfolge (vgl. Seetagebuch der 342. Reise der Walther Herwig III).

Wir freuen uns auf eine spannende Reise! Viele Grüße von der Walther Herwig III