„Beim Wolf ist der Faktor Mensch entscheidend…“

Im Gespräch

Interview mit Dr. Frank Tottewitz, Thünen-Institut für Waldökosyteme, über die Rückkehr der grauen Räuber.


Die Zahl der Wölfe in Deutschland steigt. Die einen freut dies, die anderen sehen eher Konflikte. Welche Fakten sind bekannt und wie kann ein Ausgleich zwischen den Interessen gefunden werden? Diese Fragen beantwortet Wildtierökologe Frank Tottewitz.

In den Medien wird viel und kontrovers über den Wolf diskutiert. Wie sieht es mit den Fakten aus?

Es gibt im Rahmen der Berner Konvention zur Erhaltung wild lebender Arten einen europäischen Wolfs-Aktionsplan aus dem Jahr 2000. Er verfolgt das Ziel, dass sich Wölfe in Europa wieder flächendeckend ausbreiten und sich eine lebensfähige Wolfspopulation als integraler Bestandteil der europäischen Landschaft entwickelt und erhalten bleibt. Nach der Ausrottung vor rund 150 Jahren ist der Wolf nun zurück und breitet sich schneller aus, als von vielen Experten erwartet. Im September 2016 hat das Bundesamt für Naturschutz für Deutschland 46 bestätigte Wolfsrudel und weitere 15 bestätigte Wolfspaare bekannt gegeben.

Das Fachgebiet Wildtierökologie am Thünen-Institut beschäftigt sich eigentlich nur mit bejagdbarem Wild. Jetzt auch mit dem Wolf?

Wir beraten das BMEL zu allen Fragen des Wildtiermanagements, des Artenschutzes und der Tierseuchenbekämpfung. Das betrifft vorrangig  die  jagdbaren Wildarten. Der Wolf unterliegt nur in Sachsen dem Jagdrecht. Demgegenüber sind aber seine natürlichen Beutetiere vorrangig Tierarten, die bejagt werden. Insofern übt die Dichte und Rudelverteilung der Wölfe einen entscheidenden Einfluss auf das Verhalten der Beutetiere aus. Abschusspläne und Bejagungsstrategien müssen angepasst werden.

Wie viel Wölfe „verträgt“ Deutschland?

Um dieser Frage nachzugehen, hat das Bundesamt für Naturschutz im Jahr 2009 eine Studie in Auftrag gegeben, die anhand von Vergleichen mit polnischen Gebieten alle potenziell geeigneten Lebensräume für den Wolf in Deutschland erfasst. Mit diesem theoretischem Modell ist ermittelt worden, dass es hier Platz für maximal 440 Wolfsrudel gibt.

Wie steht das Thünen-Institut zu diesem Modellwert?

Dass es sich hierbei nicht um einen Zielwert handeln kann, zeigt bereits die derzeitige Situation. Zum einen halten sich oftmals Populationen nicht an solche Modelle. Zum anderen bleibt der Faktor Mensch in solchen Betrachtungen völlig unbeachtet. Und besonders beim Wolf spielt dieser die entscheidende Rolle. Akzeptanz und Finanzierbarkeit von Entschädigungen für Nutztierrisse nehmen dabei eine Schlüsselstellung ein.

Wenn die Zahl der Wölfe zunimmt, steigt dann auch die Anzahl der Konflikte?

Das lässt sich so nicht pauschalisieren und ist sicherlich von Bundesland zu Bundesland verschieden. Fakt ist, dass bereits jetzt bei der derzeitigen Besiedelungsdichte die Zahl der Konflikte, vorrangig mit Weidetierhaltern, kontinuierlich zugenommen hat. Und eine immer großflächigere Ausbreitung der Wölfe mit einem jährlichen Zuwachs von 30 Prozent, trotz zahlreicher Verluste, trägt in diesem Zusammenhang nicht zu einer Verbesserung der Situation bei.

Dürfen Wölfe außerhalb von Sachsen, wo sie dem Jagdrecht unterliegen, geschossen werden?

Bereits jetzt können in bestimmten Fällen Problemwölfe erlegt werden, die verhaltensauffällig geworden sind. Dass dies äußerst schwierig ist, zeigte nicht zuletzt ein Problemwolf in der Stadt Rathenow. Nachdem er ohne sichtbare Scheu mehrmals in der Stadt gesehen wurde, fürchtete der Leiter der örtlichen Schule um die Sicherheit der Schulkinder. Der Wolf wurde zum Abschuss frei gegeben. Dazu kam es allerdings nicht, weil er wieder die freie Wildbahn aufgesucht hatte. Ist er aber dadurch kein Problemwolf mehr? Das ist eine schwierige Frage, die nur durch ein funktionierendes Monitoring für alle Wölfe, z.B. über Fotofallen, zu beantworten ist.

Und wie sieht es mit den Wölfen aus, die nicht verhaltensauffällig sind? Geht es ohne Regulation?

Eine biologische Selbstregulation durch Verringerung der Zuwachsrate ist unter den Bedingungen unserer Kulturlandschaft mit einer Vielzahl an geeigneten Lebensräumen mit „reich gedecktem Tisch“ eine Illusion. Bereits jetzt hat sich die Akzeptanz im ländlichen Raum zunehmend verringert. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz wurden bisher für Nutztiere, die von Wölfen getötet wurden, knapp 108.000 Euro Ausgleichszahlungen geleistet. Und einer ständig zunehmenden Finanzierung von Präventionsmaßnahmen und Entschädigungen sind zwangsläufig Grenzen gesetzt. Es bedarf also einer gesellschaftlichen Diskussion, in welchem Maß der Wolf bei uns akzeptiert wird und was wir uns seine Wiederkehr kosten lassen wollen. Letztlich wird die Zahl der in Deutschland lebenden Wölfe ein Kompromiss aus wildbiologisch sinnvoller und gesellschaftlich akzeptierter Zahl sein.

Wie sähe ein Wolfs-Management aus Sicht des Thünen-Instituts aus?

Zunächst sollten wir möglichst frühzeitig eine Strategie entwickeln, die künftigen Maßnahmen zugrunde liegt und die auf breiter Akzeptanz basiert. Für ein Management sollten unvoreingenommen alle Möglichkeiten diskutiert werden: Meldewege, Verantwortlichkeiten, Entnahmen, Wolfsgebiete oder wolfsfreie Zonierungen und vieles mehr. Eingriffe in die Bestände, die auf breiter Basis abgestimmt sind, würden nicht nur auf Verständnis vieler Menschen stoßen, sondern auch dazu beitragen, dass der Wolf die nötige Scheu vor dem Menschen aufbaut. Der Wolf ist ein hochintelligenter und auf großer Fläche lebender Spitzenprädator, der auch nur auf großer Fläche gemanagt werden kann. Er ist zweifellos eine hochinteressante Tierart und eine Bereicherung der heimischen Tierwelt. Es wäre fatal, den Dialog erst dann zu suchen, wenn das Ruder bereits aus den Händen geglitten ist und Aktionismus das Handeln bestimmt.

Vielen Dank für das Gespräch.