Auswirkungen des Brexit auf die deutsche Hochseefischerei

Expertise

Der bevorstehende Brexit wird deutliche Auswirkungen auf die europäische Fischerei haben. Derzeit werden die Fangmöglichkeiten in den EU-Gewässern unter den Mitgliedstaaten nach einem historischen Schlüssel verteilt, der die Fangzusammensetzung der EU-Flotten in den Jahren 1973-1978 widerspiegelt. Nach dem Prinzip der sogenannten „relativen Stabilität“ erhalten die Mitgliedstaaten einen bestimmten (und immer gleichen) prozentualen Anteil an den jährlich festgelegten Fangquoten.

Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) des Vereinigten Königreichs (© )

Die Gewässer Großbritanniens (Ausschließliche Wirtschaftszone, AWZ) beherbergen allerdings außerordentlich reiche Fanggründe. Folglich erwirtschaften Fischereifahrzeuge anderer EU-Staaten in der britischen AWZ häufig einen großen Teil ihrer zugeteilten Fangquoten – und zwar deutlich mehr als umgekehrt. Deshalb drängen britische Fischer im Zuge des Brexit darauf, die Verteilung der Quoten neu zu verhandeln. Aus ihrer Sicht ist die Quotenverteilung nach der relativen Stabilität zu ihrem Nachteil ausgefallen und sie drängen darauf, die hohe Produktivität der Fanggründe in ihren Hoheitsgewässern bei einer Neuverteilung der Fangmöglichkeiten zugunsten Großbritanniens stärker zu berücksichtigen.     Eine Variante, die aktuell intensiv diskutiert wird, ist die Aufteilung zukünftiger Fangquoten nach dem Prinzip der „zonalen Zuordnung“. Hier würden Großbritannien bzw. die britischen Fischer deutlich besser dastehen, denn diesem Verteilungsprinzip liegt die Verteilung der jeweiligen Fischbestände auf die AWZ der Länder zugrunde. Anhand von Abschätzungen dieser Anteile würde dann die Gesamtquote eines Bestands unter den Ländern verteilt. So ein Verteilungsschlüssel würde für die verbleibenden EU-Mitgliedstaaten deutlich geringere Fangmöglichkeiten im Vergleich zum Status quo bedeuten. Allerdings hätte eine solche Zuordnung nicht nur Vorteile für die britischen Fischer, da bei einigen Arten (z.B. Kabeljau) auch geringere Fangmöglichkeiten für die UK-Fischer die Folge sein könnten.

Unabhängig davon, wie man zu der von Großbritannien geforderten Neuverteilung der Fangoptionen kommt, hat jede Form der Neuverteilung auch Auswirkungen auf die Verteilung der Fangoptionen zwischen den verbliebenen EU-Staaten. Hier einen tragfähigen Kompromiss zu finden, wird eine der ganz großen Herausforderungen der Fischereipolitik sein, denn die Lage ist unübersichtlich und die detaillierten Konsequenzen neuer Verteilungsmodi sind bisher nur zu erahnen.

Thünen-Institut untersucht Konsequenzen

In einer Studie für das EU-Parlament hat sich das Thünen-Institut für Seefischerei mit den möglichen Folgen des Brexit für die deutsche Fischereiwirtschaft beschäftigt. Die vier deutschen großen Schwarmfisch-Trawler erzielen bis zu 80 % ihrer Fänge und damit den überwiegenden Teil ihres Umsatzes aus der britischen AWZ – hauptsächlich Hering und Makrele.  Sollte ihnen nach dem Brexit der Zugang zur britischen AWZ verwehrt werden, würde ein Großteil der Erlöse wegfallen, denn die verfügbaren Fangmöglichkeiten, zu denen sie laut Quotenverteilung Zugang hätten, könnten nicht außerhalb der britischen AWZ wahrgenommen werden. Dies hat eine Analyse der Verbreitungsmuster der Fischbestände und der in der Vergangenheit erzielten Fänge gezeigt.

Deutscher Fischereitrawler (© Kay Panten/Thünen-Institut)

Auch andere deutsche Fischereifahrzeuge fischen einen Teil ihrer Fangmöglichkeiten in der britischen AWZ (u.a. Scholle, Seelachs, Anglerfisch oder Kaisergranat). Hier sind die Anteile aber deutlich geringer, und diese Fahrzeuge dürften auf andere Fanggebiete ausweichen können.

Die Analyse der Handelsströme von Fischwaren zeigt, dass Großbritannien grundsätzlich mehr in die EU exportiert als importiert. Dabei werden vor allem Rohwaren exportiert und Fertigwaren importiert (auch aus Deutschland). Beim Marktzugang für Fischerzeugnisse hätte Großbritannien also mehr zu verlieren als die EU. Speziell auf Deutschland bezogen sieht das Bild jedoch etwas anders aus: Im Gegensatz zu anderen EU-Staaten exportieren deutsche Firmen deutlich mehr nach Großbritannien als sie importieren (230 Mio. € gegenüber 105 Mio. €).

Detaillierte rechtliche Abkommen werden notwendig

Insgesamt führt der Austrittsantrag Großbritanniens zu großen Unsicherheiten für den Fischereisektor. Auch nach dem Austritt der Briten müssen die Bestände weiter gemeinschaftlich bewirtschaftet werden, da sie über die Grenzen der jeweiligen Wirtschaftszonen hinweg wandern. Auf internationaler Ebene wird Fischereirecht grundsätzlich durch internationale Abkommen wie das Seerechts-Übereinkommen geregelt, die unabhängig vom Brexit weiterhin gültig sein werden. Detaillierte Abkommen, z.B. über die konkrete Verteilung der Fangoptionen, müssen allerdings im Rahmen der internationalen Rechtsetzung ausgearbeitet und geschlossen werden. Die EU-Abkommen mit Grönland oder Norwegen mögen hier als Beispiel dienen.

Wie sich Großbritannien allerdings nach dem vollzogenen Brexit an der wissenschaftlichen Analyse der Lage und Prognose der Fischbestände beteiligen wird – essentielle Grundlage zur gemeinschaftlichen Bewirtschaftung – ist eine von vielen wichtigen Fragen, die bislang noch offen sind.