Japan und der Walfang

Im Gespräch

Interview mit der Meeresbiologin Nicole Hielscher vom Thünen-Institut für Seefischerei, Mitglied im Wissenschaftsausschuss der Internationalen Walfang-Kommission (IWC).


Viele Großwalarten sind durch übermäßige Bejagung, vor allem im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert,  stark dezimiert worden. In den 1930er Jahren beispielsweise wurden weltweit jährlich über 30.000 Wale erlegt. Als Reaktion haben sich zahlreiche Staaten zusammengeschlossen und die Internationale Konvention zur Regulierung des Walfangs unterzeichnet mit dem Ziel, die weitere Gefährdung einzudämmen und den Walfang zu regulieren. Die Internationale Walfangkommission (IWC) als Hauptinstrument hat die Aufgabe, sich unter anderem mit dem Schutz bestimmter Walarten, der Ausweisung von Walschutzgebieten, Walfangquoten sowie dem Thema Walforschung zu befassen. Dabei ziehen nicht alle Mitgliedstaaten an einem Strang.

Kommerzieller Walfang ist durch das Moratorium der Internationalen Walfang-Kommission seit 30 Jahren weltweit verboten. Dennoch werden Wale noch immer in gewissem Umfang gejagt. Welche Länder beteiligen sich hieran?

Der Walfang ist aus traditionellen Gründen für verschiedene indigene Bevölkerungsgruppen erlaubt und über Fanquoten geregelt: Die Inuit von Grönland sowie die Tschuktschen in Sibirien/Russland, die Iñupiat in Alaska und die Bevölkerung von Bequia (St. Vincent und die Grenadinen, Karibik) dürfen zur Deckung ihres Eigenbedarfes Wale fangen und anlanden. Andere Länder setzen sich jedoch über das Moratorium hinweg bzw. erkennen dieses nicht an: Norwegen und Island betreiben trotz ihrer Mitgliedschaft im IWC offenen kommerziellen Walfang, während sich die Japaner bei ihrem Walfang auf die Ausnahmeregelung des wissenschaftlichen Zwecks berufen.

Gerade das IWC-Mitglied Japan macht seit Jahren Schlagzeilen, weil japanische Fangschiffe in größerem Umfang Wale fangen. Wie passt das zusammen?

In der Konvention zur Regulierung des Walfangs gibt es unter Artikel VIII eine Klausel, die einen begrenzten Fang zu wissenschaftlichen Zwecken erlaubt – genau auf diese Klausel beruft sich Japan. Die Begründung ist, dass wissenschaftliche Langzeitstudien, am Beispiel Südpolarmeer, kaum bis gar nicht vorhanden sind und somit Japans Untersuchungen die einzig flächendeckenden, systematischen Datenserien zur Biologie der Wale im Südpolarmeer liefern. Es wird argumentiert, dass diese Informationen helfen, die Interaktionen der Wale in ihrem marinen Ökosystem besser zu verstehen – und somit auch der Erhaltung der Walbestände dienen.

Ist das nicht ein Scheinargument, um weiterhin Walfang betreiben zu können?

Der Internationale Gerichtshof hat bereits im Jahr 2014 geurteilt, das sich Japans Walfangprogramm in der Antarktis wissenschaftlich nicht rechtfertigen lässt und daher nicht mit den Vorgaben der Internationalen Walfangkonvention vereinbar ist. Hier besteht zudem noch ein weiterer Interessenkonflikt, da die Regularien nicht zulassen, „Nebenprodukte“ wie das gewonnene Walfleisch kommerziell zu vermarkten. Daraufhin stellte Japan den Walfang zunächst ein, kündigte jedoch bereits Ende 2014 ein neues Forschungsprogramm mit Walfängen zu wissenschaftlichen Zwecken an. Auch im Wissenschaftsausschuss der IWC ist die erneute Aufnahme des wissenschaftlichen Walfangs durch Japan intensiv diskutiert worden. Japan hat die für notwendig erachtete Anzahl zu fangender Wale wissenschaftlich nicht begründen können. Dass Japan Expertinnen und Experten anderer Nationen nur wenig Einsicht in die bereits gewonnenen Daten gewährt, weckt zusätzlich Zweifel an dem wissenschaftlichen Zweck des japanischen Walfang- und Forschungsprogramms.

Kann man einschätzen, wie viele Tiere durch japanische Fangschiffe pro Jahr gefangen werden und wie das die jeweiligen Populationen beeinflusst?

Brydewal beim Durchstoßen der Wasseroberfläche (© Katja Kirschner/Morningdew)

Zurzeit liegen Japans Fangvorhaben für die Jahre 2016 und 2017 bei 152 Großwalen (37 Minkwale, 25 Brydewale, 90 Seiwale) im Nordpazifik sowie bei 333 Großwalen (Minkwale) in der Antarktis – insgesamt also 485 Wale. Der Stichprobenumfang soll laut Forschungsprogrammen keinerlei Auswirkungen auf die Populationen der jeweiligen Arten haben. Einige Mitglieder des IWC befürchten jedoch, dass die Bestände dadurch substanziell dezimiert werden.

Gibt es keine alternativen Methoden, mit denen sich die Dynamik der Walbestände untersuchen lässt, ohne Tiere zu töten?

Die gibt es durchaus. So kann dem Wal mittels Beprobungspfeil eine kleine Gewebeprobe, zum Beispiel für genetische Untersuchungen, entnommen werden. Außerdem können die Meeressäuger mit sogenannten „Tags“, kleinen Mess-Sonden, versehen werden, die kontinuierlich Temperatur, Tauchtiefe, Licht und weitere Parameter aufzeichnen. Nach einer vorprogrammierten Zeit senden diese Tags die Messdaten via Satellit an die Forscherteams. Solche Daten erlauben Rückschlüsse auf Wanderungen, Tauchverhalten oder die Nutzung von Lebensräumen. Zusätzlich können via Satellitenüberwachung wertvolle Informationen einzelner Arten über deren bevorzugte Gebiete zur Nahrungssuche oder zur Aufzucht ihrer Jungen ermittelt werden.

66. IWC-Tagung im Oktober 2016 in Slowenien (© IWC)

Wie positioniert sich die IWC?

Auf der IWC-Tagung im Oktober 2016 war der „wissenschaftliche Walfang“ Japans erneut ein wichtiger Punkt auf der Agenda. Japan hat versucht, den „kleinen Küstenwalfang“ als neue Walfangkategorie zu etablieren. Das haben die Walschutzländer allerdings kategorisch abgelehnt, vor allem die EU, Australien und Neuseeland. Es wurde ebenfalls eine Resolution verabschiedet, die zu mehr Transparenz führen soll: Bevor neue Forschungsprogramme aufgelegt werden können, soll es unabhängige Prüfungen geben. Auf der Tagung des IWC-Wissenschaftskomitees im Mai 2017 präsentierte der Prüfungsausschuss nun erstmals seine Ergebnisse. Demnach hat Japan sowohl in dem derzeit laufenden als auch dem anstehenden neuen Forschungsprogramm nicht ausreichend nachweisen können, dass die Forschungsziele dazu beitragen, die Erhaltung und Bewirtschaftung der Walbestände zu verbessern. Auch für die Anwendung tödlicher Methoden blieb es nachvollziehbare Begründungen schuldig.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Die Diskussion bleibt weiter offen. Trotz aller Interventionen, internationaler Kritiken, aber auch Neuerungen und Fortschritte hat die japanische Flotte ihren Walfang nach dem Urteil des Internationalen Gerichtshofs nur temporär eingestellt. Gegenwärtig weitet Japan seine Programme noch weiter aus.

Und wie sieht es bei den anderen Walfangnationen aus?

Da Norwegen Einspruch gegen die relevanten Posten eingereicht hat, übt es sein Recht aus, die nationalen Fangbeschränkungen für seinen Küstenwalfang selber festzulegen. Im Februar hatte das norwegische Fischereiministerium die Fangquote für 2017 von 880 auf 999 Minkwale angehoben, eine weitaus höhere Fangquote, als noch die Jahre zuvor (zwischen 464 und 736 pro Jahr).  Der Minkwalbestand des Nordatlantiks ist laut IWC zwar in einem „gesunden Zustand“ mit insgesamt über 180.000 Tieren im nordöstlichen und zentralen Nordatlantik sowie vor Westgrönland, dennoch hat die Kommission eine Resolution verabschiedet, in der Norwegen aufgefordert wird, alle Walfangaktivitäten, die seiner Zuständigkeit unterliegen, zu stoppen – ohne Erfolg. Auf Island werden weiterhin Minkwale zur Deckung des Eigenbedarfs gefangen sowie den Touristen als traditionelles Gericht angeboten. Dahingegen hatte zumindest Islands einziger Finnwaljäger am Anfang des Jahres in der lokalen Presse angekündigt, dass sein Unternehmen auch in diesem Sommer keine Tiere jagen wird – unter anderem aufgrund von Exportschwierigkeiten nach Japan, dem bisher einzigen Abnehmer.

Walweibchen mit Jungtier (© IWC)

Ein Text zur gleichen Thematik ist als Expertenbeitrag auf der Seite des Wissenschaftsjahres Meere und Ozeane 2016*17 erschienen.

Der Deutschlandfunk hat am 15.06.2017 ein 18-minütiges Radiofeature zum Thema Walfang gesendet.