Institut für

Ostseefischerei

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Fragen und Antworten

Bedrohen Zonen ohne Sauerstoff („Todeszonen“) die Fischbestände in der Ostsee?

Sauerstoffarme Gebiete in den tiefen Becken der Ostsee gab es schon, bevor der Mensch die Küsten besiedelte. Allerdings haben sie durch den Eintrag von Nährstoffen aus Landwirtschaft und Verkehr noch zugenommen. Die Zonen sind auch nicht tot, sie werden z.B. von Bakterien besiedelt. Wirbeltiere können in diesen Gebieten aber nicht überleben.

Durch den Sauerstoffmangel in der Ostsee ist jedoch kein Bestand mariner Fische verendet. Aus fischereibiologischer Sicht haben sauerstoffarme oder –freie Zonen aber besonderen Einfluss auf die Entwicklung der Nachwuchsproduktion bestimmter mariner Fischarten (z. B. Dorsch und Plattfische): Für deren Ei- und Larvenentwicklung muss ausreichend Sauerstoff vorhanden sein, und die frühen Lebensstadien sind wenig beweglich. Adulte Meeresfische können dagegen in aller Regel Wasserkörpern mit geringem Sauerstoff­gehalt ausweichen, oder sie können Gebiete mit giftigen Schwefelwasserstoff­-Konzentrationen meiden.

Sauerstoffmangel hat also auf den vorhandenen Laicherbestand und damit die jetzigen Fischereimöglichkeiten wenig Einfluss, wohl aber auf den zukünftigen Ertrag. Die einzige direkte Möglichkeit, auf eine geringere Nachwuchsproduktion zu reagieren, ist die Reduzierung der Fangquoten. Indirekt versprechen Bemühungen, den Eintrag von Nährstoffen zu reduzieren, den größten Erfolg.

Gibt es Haie in der Ostsee?

Haie kommen wegen ihrer spezifischen Osmoregulation nur selten länger als einige Tage bis Wochen im Brackwasser der Ostsee vor. Sie sind hier grundsätzlich Irrgäste.

Knorpelfische, zu denen die Haie gehören, sind wegen ihrer Nierenfunktion und osmoregulatorischen Fähigkeiten kaum in der Lage, sich an wechselnde Salzkonzentrationen des Umgebungsmilieus anzupassen. Daher besiedeln sie Brack- und Süßwasser als Bestände oder Arten nur in Ausnahmefällen. In der Ostsee ist dies nicht der Fall und Knorpelfische (Haie, Rochen und Chimären) tauchen in der Ostsee allenfalls als Irrgäste auf.

Nur das Verbreitungsgebiet des Dornhais (Squalus acanthias) erstreckt sich (je nach Quelle) über das Kattegat hinaus bis in die westliche Ostsee. Da sich der Dornhai in der westlichen Ostsee mit ihren wechselnden Salzgehalten kaum oder nur in Ausnahmefällen fortpflanzen kann, zählt die Ostsee nicht zum Verbreitungsgebiet dieser Art im engeren Sinn.

Da Haifische in der Ostsee keine Bestände bilden, gibt es für die Ostsee keine Forschung zu ihrem Schutz und Management in diesem Seegebiet. Das Meeresmuseum Stralsund sammelt aufgefundene oder gefangene Irrgäste und beschäftigt sich mit deren Biologie und Ökologie.

Einige Studien, in denen eine große Zahl von Hai- und anderen Knorpelfischarten in der Ostsee aufgeführt sind, betrachten in irreführender Weise das Kattegat und das Skagerrak, in denen diese Arten auftreten, als zur Ostsee gehörend, obwohl beide Gebiete nach gängiger Definition nicht Bestandteil der Ökoregion Ostsee sind. Diese Seegebiete gehören faunistisch, ökologisch und deshalb auch zoogeographisch wie auch statistisch zur Nordsee. Das Kattegat wird im Süden durch die dänischen Inseln von der Ostsee abgegrenzt.

 


Der ICES Advice 2015 - Dorsch in der Ostsee:

Warum hat der ICES die Bestandsberechnung für die Dorsche von Gebieten auf Bestände umgestellt? Wo sind die Unterschiede?

Karte mit Dorsch-Bestandsdefinitionen bis 2014.
Dorsch-Bestandsdefinitionen bis 2014
(© Thünen-Institut/C Zimmermann)
Dorsch-Bestandsdefinitionen und Managementgebiete ab 2015 (© Thünen-Institut/C Zimmermann)

Bestandsberechnungen sollten immer bestandsgenau erfolgen, weil die Vermischung mit benachbarten Beständen bei einer gebietsbezogenen Berechnung die Ergebnisse sehr unsicher macht und trotz starker Fangbeschränkungen die Überfischung des schwächeren Bestandes leicht möglich ist.

Die Wissenschaft hat spätestens seit 2010 immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass der Zustand des Westdorsches zu gut beurteilt wird, weil eine erhebliche Menge Ostdorsch in der Arkonasee (SD24) gefischt wird. Damals war eine Trennung der Bestände in den Fängen aber nicht möglich. Dies hat sich jetzt geändert: Durch eine Kombination aus genetischen Methoden und Otolithen-Umrissanalysen konnte eine Zeitserie (ab 1994) der Anteile von Ost- und Westdorsch in der Arkonasee angefertigt werden. Dieses Gebiet 24 wird nun in der Bestandsberechnung als Mischgebiet behandelt (siehe Karten). Alle Fänge aus dem Gebiet werden in Ost- und Westdorsch aufgeteilt, sowohl aus der kommerziellen Fischerei wie aus der Forschungsfischerei. In der Folge ist der Westdorschbestand nun kleiner (weil die Ostdorsche in Gebiet 24 ja nicht mehr enthalten sind), der Ostdorschbestand dagegen etwas größer. Der Anteil Ostdorsch an den Fängen in 24 ist erheblich, daher auch an den Gesamtfängen aus dem westlichen Gebiet.

Die Vorgehensweise, gemischte Bestände für die Berechnung zu trennen, wird bei z.B. Heringen schon seit vielen Jahren angewandt, in der Ostsee in Skagerrak und Kattegat (IIIa, Vermischung von Nordseehering und Hering der westlichen Ostsee) sowie in der zentralen Ostsee bzw. dem Rigaer Meerbusen. Sie ist also eher die Regel als die Ausnahme.

Wie kann man die gebietsbezogene Höchstfangmenge aus der jetzt bestandsbezogenen Empfehlung ableiten?

Ableitung der gebietsbezogenen Höchstfangmenge (TAC) für die westliche Ostsee aus der bestandsbezogenen Fangempfehlung.
Ableitung der gebietsbezogenen Höchstfangmenge (TAC) für die westliche Ostsee aus der bestandsbezogenen Fangempfehlung. (© Thünen-Institut/C Zimmermann)

Zu den empfohlenen Fangmengen für den Westdorsch müssen zur Festlegung der Höchstfangmenge (TAC) für das westliche Gebiet (22-24) nun auch noch die voraussichtlichen Fänge an Ostdorsch in diesem Gebiet gezählt werden. Der westliche TAC ist also höher als die Fangmenge für den Westdorsch. Die Ostdorsche leben in der Arkonasee (24) und können auch nur dort gefangen werden. Es geht also nicht um den Transfer von Fangmöglichkeiten aus dem Osten in den Westen, sondern um die Berücksichtigung von Fischen, die im Westen leben, aber nicht zum westlichen Bestand gehören. Leider ist es nicht möglich, genau vorherzusagen, wie hoch der Anteil der Ostdorsche im Westen in 2016 sein wird. In der Regel werden daher die Verhältnisse aus der Vergangenheit verwendet, entweder aus dem letzten oder aus den letzten 3 oder 5 Jahren. Dieser Ansatz wird z.B. auch bei der Berücksichtigung der Fänge von Hering der zentralen Ostsee im Rigaer Meerbusen seit vielen Jahren angewendet.

Die Grafik veranschaulicht den Rechenweg für die Bestimmung eines TACs (der immer gebietsbezogen ist) aus den Empfehlungen für die beiden Dorschbestände: Von der empfohlen Fangmenge für den Westdorsch muss zunächst der voraussichtliche Anteil der Anglerfänge angezogen werden, analog zum oben beschriebenen Verfahren für die Berücksichtigung der Fänge eines anderen Bestandes. Zur übrig bleibenden kommerziellen Fangmenge aus dem westlichen Bestand werden dann die voraussichtlichen Fangmengen von Ostdorsch in Gebiet 24 hinzugezählt. Am Ende sollte ein Unter-TAC für die Gebiete 22 und 23 festgelegt werden, damit die in 24 durch die Berücksichtigung möglicher Ostdorschfänge erhöhten Fangmöglichkeiten dann nicht tatsächlich in 22 gefangen werden.

Fangen die Angler der Berufsfischerei die Dorsche weg?

Vergleich der Bestandsgröße und möglichen Fangmengen ohne (links) und mit (rechts) Berücksichtigung der Anglerfänge in der Bestandsberechnung. Die Größe der Kreise ist proportional zur Bestandsgröße. (© Thünen-Institut/H Strehlow)

Nein. Durch die Berücksichtigung der Anglerfänge in der Bestandsberechnung erscheint der Bestand produktiver, so dass dann die Fangempfehlung höher ausfallen kann – ungefähr um den Teil höher, den die Angler im Mittel entnehmen. Wenn die Anglerfänge also nicht berücksichtigt würden, wäre die Fangempfehlung für die kommerzielle Entnahme ungefähr genau so groß wie jetzt, nachdem von der größeren Fangempfehlung die Anglerfänge abgezogen wurden. Die Einbeziehung der Anglerfänge macht die Bestandsberechnung und Vorhersage zuverlässiger, die separate Ausweisung die Festsetzung der Fangmengen transparenter.

Es gibt inzwischen in EU-Gewässern mit dem Wolfsbarsch im Ärmelkanal einen Fall, in dem die Freizeitfischerei ebenfalls erhebliche Fangmengen entnimmt, und die Berufsfischerei nicht mehr allein die für die Erholung des Bestandes erforderliche Last tragen muss: Hier wurde ein „bag limit“ für die Angelfischerei eingeführt, um sehr große Fänge zu reduzieren.

Warum ist der Ostdorschbestand nach 2010 so stark geschrumpft?

Dorsch Hydrografie 2015 (© Thünen-Institut/C Zimmermann)

Das ist immer noch nicht ganz klar, und wahrscheinlich haben verschiedene Faktoren zu dieser Abnahme geführt. Die wichtigste Ursache scheint jedoch die Sauerstoffarmut am Boden der tiefen Ostseebecken zu sein. Die derzeit schlüssigste Erklärung ist, dass eine Reihe kleiner Salzwassereinströme ab 2010 in die Bornholmsee zu dieser Situation geführt haben. Zwischen 1993 und 2010 gab es nur 1993 einen nennenswerten Einstrom von salzhaltigem (und damit schwerem) und sauerstoffreichem Wasser aus der Nordsee in die Ostsee. Durch den Abbau von Plankton, das sich durch die Überdüngung der Ostsee besonders gut entwickelt hat, ist der Sauerstoffverbrauch in den tiefen Becken deutlich höher als der „Nachschub“; in der Folge werden die tiefen Becken der Ostsee immer sauerstoffärmer.

In der Bornholmsee, dem wesentlichen, verbliebenden Verbreitungsgebiet des Ostdorsches während der Phase seltener Salzwassereinströme, wurden die Dorsche daher aus ihrem angestammten Lebensraum am Boden nach oben vertrieben. Im freien Wasser befanden sich die Dorsche inmitten ihrer Nahrung (Heringe und Sprotten), so dass der Bestand ab 2007 stark zunehmen konnte, nachdem der Fischereidruck reduziert wurde. Gleichzeitig breiteten sich die sauerstoffarmen Zonen weiter aus. Leider verringert chronischer Sauerstoffmangel bei Dorschen die Energiereserven, selbst bei ausreichendem Nahrungsangebot. So wurden die Dorsche mit der Zeit immer dünner.

Als ab 2010 kleine Salzwassereinströme ein Leben am Boden der Bornholmsee wenigstens in Teilen des Jahres wieder möglich machte, kehrten viele Dorsche in diesen Lebensraum zurück. Sie fanden dort aber nach 20 Jahren der Sauerstoffarmut nicht ausreichend Nahrung, und der Rückweg zu den Schwarmfischvorkommen war ihnen abgeschnitten: Das schwerere, salzige Wasser aus der Nordsee hatte sich unter das sauerstofffreie alte Bodenwasser geschichtet, dieses bildete eine Art Topfdeckel. Die durch die Sauerstoffarmut ohnehin geschwächten Fische, insbesondere die größeren, laichenden Tiere, litten unter diesen Verhältnissen besonders stark. Die Sterblichkeit stieg, und „Hungerdorsche“ traten vermehrt auf. Aber auch der Fischereidruck spielt wahrscheinlich eine Rolle, ebenso wie die deutlich erhöhten Beifangraten von untermaßigen Tieren.

Wie ist der weitere Ausblick für die Dorsche, nach dem stärksten Salzwassereinstrom in die Ostsee seit 60 Jahren im Dezember 2014?

Die Aussichten für beide Bestände sind eher gut. Für den Westdorsch wird angenommen, dass sich Nachwuchsproduktion und Wachstum eher verbessern. In der Vergangenheit ist nach solchen Ereignissen vor allem die Nachwuchsproduktion des Ostbestandes stark angestiegen, was schnell zu einem Bestandsaufbau führte.

In den letzten Jahren war genau diese Nachwuchsproduktion aber gar nicht schlecht; viel problematischer ist die Nahrungssituation. Welche Auswirkungen der Salzwassereinstrom darauf hat, ist schwer vorhersagbar. Zunächst wurde die stabile Schichtung im Bornholmbecken aufgehoben, was die Verfügbarkeit von Hering und Sprotte für die Dorsche verbessern dürfte. Da das Bodenwasser nun aber sauerstoffreich ist, werden die Dorsche zum Bodenleben zurückkehren und benötigen dort Bodenlebewesen als Nahrung.

Wie schnell die über viele Jahre sauerstofffreien Gebiete am Grund der Bornholmsee durch Bodenlebewesen wiederbesiedelt werden, ist nicht bekannt. Experten schätzen, dass die positiven Auswirkungen des Salzwassereinstroms 2-3 Jahre anhalten könnten, wenn nicht weitere Einströme die Situation stabilisieren.

In dieser Situation bleibt nur, die Entwicklung der Dorschnahrung, der Dorschbestände und der Hydrografie weiter intensiv zu beobachten.